Was die Stakeholder:innen über die Zukunft der Gesundheit denken

Foto: National Cancer Institute on Unsplash

Das TechnikRadar 2021 untersucht in mehreren Fallstudien die Interessen, Ansprüche und Belange der wichtigen Stakeholder:innen – Ärzt:innen, medizinisches Fachpersonal, Vertreter:innen von Krankenhäusern, Krankenversicherungen und Gesundheitsverwaltung, Pharma- und Medizintechnik-Unternehmen, Apotheken, Patient:innen und deren Vertreter sowie Forschung und Politik.

TechnikRadar 2021

Wissenschaftliche Langfassung zum Schwerpunkt Zukunft der Gesundheit aus Sicht der Stakeholder:innen, die ausführlich die Methoden, Befunde und Auswertungen darstellt und einordnet.

Die Ergebnisse in Kürze

Veränderungen unaufhaltsam, Chancen überwiegen

Die Veränderungen sind aus der Perspektive der verschiedenen Stakeholder:innen unaufhaltsam, werden im Großen und Ganzen chancenzentriert wahrgenommen und positiv bewertet. Dabei unterscheiden sich die Erwartungen erheblich. Unterschiedlich sind sowohl die Nutzenerwartungen als auch die mit den Entwicklungen verbundenen Befürchtungen. Der Nutzen wird vor allem im durchgängigen Informationsaustausch und den datenbasierten Möglichkeiten für Prävention, Diagnose und Therapie gesehen. Als Risiken werden ungewünschte und fehlerhafte Formen der Informationsnutzung innerhalb und außerhalb des Gesundheitssystems befürchtet. Diese können Schäden auf Patient:innenseite anrichten, aber auch die gemeinnützige Gesundheitsversorgung und das Ärzt:innen-Patient:innen-Verhältnis in Mitleidenschaft ziehen. Die größte Zurückhaltung wird aufseiten der Ärzteschaft formuliert.

Digital-Health-Literacy entscheidend

Bei den Veränderungen handelt es sich wesentlich um datengetriebene Innovationsprozesse, die auf allen Seiten veränderte Formen des Umgangs mit Gesundheit und Krankheit anstoßen. Die digitale Zukunft des Gesundheitswesens kann sowohl mit größerer Selbstbestimmung als auch mit wachsenden Abhängigkeiten verbunden sein. Je souveräner der Umgang mit den digitalen Technologien gelingt und je höher die digitale Gesundheitskompetenz – die Digital-Health-Literacy – auf Patient:innenseite sowie auf Seiten der verschiedenen Leistungserbringer:innen einzuschätzen ist, umso größer sind die Chancen für einen Zugewinn: an medizinischer Kompetenz, an medizinischen Leistungen und deren sowohl wirtschaftlich als auch sozial gerechter Bereitstellung. Beschränkt sich die Fähigkeit, die Gesundheitsdaten souverän zu nutzen, hingegen auf einzelne Gruppen und Bereiche, werden neue Ungleichgewichte geschaffen. In diesem Prozess könnten externe Leistungserbringer:innen eine wachsende Bedeutung erlangen.

Ärzt:innen-Patient:innen-Verhältnis im Wandel

Das Ärzt:innen-Patient:innen-Verhältnis und die weiteren Beziehungen im Gesundheitsbereich werden sich verändern. Patient:innen werden mündiger und besser informiert. Sie recherchieren bei Gesundheitsfragen häufiger selbst, können in Zukunft ihre Gesundheitsdaten selbst verwalten und auch bestimmen, wofür diese genutzt werden. Dies wird Auswirkungen auf die Erwartungen an Ärzt:innen haben, die ihrerseits mit einer Fülle von Daten konfrontiert werden. Die Rolle der Ärzt:innen wird sich damit verschieben, sodass sie stärker als Informationsbroker:in in Anspruch genommen werden, die nicht nur selbst diagnostizieren, sondern auch weitere Informationen und Daten für die Patient:innen einordnen, bewerten und richtigstellen müssen. Die Stärkung der Patient:innensouveränität wird sowohl positiv als auch negativ erlebt: Neben neuen Kompetenzen und mehr Mitbestimmung werden auch Ohnmachtserfahrungen und eine Entmenschlichung der Gesundheitsversorgung befürchtet.

Spannungsfelder und Zielkonflikte erwartbar

In der Gesamtschau zeigt sich, dass die digitale Transformation im Gesundheitsbereich zu mehreren hochrelevanten Spannungsfeldern bzw. Zielkonflikten führt: Die Nutzung der hochsensiblen Gesundheitsdaten verlangt einerseits hohe Anforderungen an den Persönlichkeitsschutz, gleichzeitig sollen sie transparent und schnell überall verfügbar sein und die Vernetzung aller Leistungserbringer ermöglichen. Patient:innen-, Behandlungs- und Versicherteninformationen sollen für vertrauenswürdige (Sekundär-) Nutzung verfügbar, gleichzeitig aber vor unerwünschtem Zugriff geschützt sein. Von den Möglichkeiten individualisierter und personalisierter Medizin sollen Patient:innen profitieren, ohne dabei auf das Quantifizierbare reduziert zu werden. Dazu müssen die notwendige digitale Gesundheitskompetenz erworben und das Gesundheitsbewusstsein verändert werden. Eine digitale Vernetzung aller Gruppen der Gesundheitsvorsorge ist wünschenswert. Die Interoperabilität muss hergestellt werden und stellt neue Anforderungen an Gesundheits-IT-Systeme. Gleichzeitig droht zunehmende Bürokratisierung. Die Nutzung von Künstlicher Intelligenz schafft neue Möglichkeiten für eine individualisierte Medizin, gleichzeitig besteht die Gefahr einer Entmenschlichung und Verzerrung medizinischer Entscheidungen. Der Zunahme neuer Präventions-, Diagnose- und Therapieangebote steht die Frage der Finanzierung und der sozialen Gerechtigkeit gegenüber.