
Foto: Jalal Maghout
Exile Visual Arts Award
Die Werke von Kunstschaffenden mit Exilerfahrung auszuzeichnen, die sich in den in visuellen Künsten mit Verfolgung, Flucht und Exil auseinandersetzen, war das Ziel des Exile Visual Arts Award. 2023 und 2025 vergaben wir die Auszeichnung, unterstützt von der Stiftung Exilmuseum Berlin.
Preisträger 2024
Jalal Maghout (*1987, Syrien) ist Animationsfilmemacher und lebt seit 2013 in Deutschland. Seinen 13-minütigen Animationsfilm „HAVE A NICE DOG!” reichte er 2020 an der Filmuniversität Babelsberg als Master-Abschlussfilm ein. Er basiert auf Maghouts eigenen Kriegserfahrungen in Damaskus und ist ein Psychodrama über einen Mann, dem die vermeintliche Normalität zunehmend absurd erscheint, die die Menschen in der von Bombenabwürfen umgebenen Stadt aufrecht zu erhalten versuchen.
Mehr und mehr verliert er sich in Fantasien von Flucht und inneren Dialogen mit seinem Hund Baroud. Nachdem fast alle seine Freunde die Flucht bereits gewagt haben, imaginiert der Protagonist in teils surrealen Bildern Auswege aus seiner verzweifelten Lage. Die Angst sitzt ihm dabei spürbar im Nacken und treibt ihn in die Isolation. Einzig sein Hund ist sein Vertrauter. Doch im Gegensatz zu seinem Herrchen versteckt das Tier seine Gefühle nicht.
Die Jurybegründung
Die Jury lobt die erzählerische und visuelle Kraft des Films, die sich sogartig entfaltet. In alptraumhaften und fließend ineinander übergehenden Bildern und Welten stellt der Film die Frage, wann das Exil eigentlich beginnt: Erst mit dem Verlassen der Heimat oder schon davor, wenn die existenzielle Entscheidung getroffen werden muss: Bleiben oder Gehen?
Maghouts Film bricht das Thema auf das Individuum, den inneren Prozess herunter. Die vibrierenden, handgezeichneten und dann digital animierten Bilder geben die Unruhe des Protagonisten treffend wieder und lassen erahnen, welche Zerreißprobe das innere und äußere Exil mit sich bringt. Die ruhige Erzählstimme und das hervorragende Sounddesign verstärken das beklemmende Gefühl beim Betrachten noch zusätzlich und machen „HAVE A NICE DOG!“ zu einem tiefberührenden, aufrüttelnden Gesamtkunstwerk.
Preisträgerin 2023
Farkhondeh Shahroudi lebt seit 1990 im deutschen Exil. Ein großer Teil ihrer Werke reflektiert ihre künstlerische Auseinandersetzung mit Revolution, Krieg und Flucht. Dies gilt auch für ihre beiden prämierten Werke, die von der Jury wie folgt vorgestellt wurden:
Die Arbeit „Sky is no one’s ground“ (2019) besteht aus einer Fahne mit Applikationen und Stickereien auf Samt. Auf einem Sockel setzt die Künstlerin im Rahmen einer Performance ihren eigenen Körper als Teil des Kunstwerks ein und schwenkt minutenlang die Fahne. Damit knüpft sie an ihre eigene Zeit als Aktivistin im Iran der 1970er Jahren an. Die Performance erinnert an traditionelle schiitische Rituale ebenso wie an moderne revolutionäre Protestformen. Indem Shahroudi ein Gedicht auf die Fahne appliziert und diese mit Stickereien versieht, gerät diese zur „Antiflagge“ – zum poetischen, entterritorialisierten Banner, das die Erfahrungen von Flucht und Exil beschreibt.
Das Werk „Max Beckmann war nicht hier“ (2019) ist von ähnlicher Materialität: Der Titel der Arbeit steht als großer Schriftzug auf einem Banner – eine Referenz an den deutschen Künstler Max Beckmann, der 1937 ins Exil floh. 2017 hielt sich Shahroudi als Stipendiatin in der Villa Romana in Florenz auf und stieß bei Recherchen zu früheren Künstler:innen darauf, dass auch Max Beckmann in diesem Atelier gearbeitet hatte. Mit ihm teilt sie die Erfahrung, im Exil zu leben, und so beginnt eine imaginäre Brieffreundschaft mit Beckmann. Diese mündet in einer umfangreichen Serie von Zeichnungen und dem Samtbanner, das den ersten Satz dieser Auseinandersetzung mit – wie Shahroudi formuliert – ihrem „Doppelgänger“ trägt: „Max Beckmann war nicht hier“.
Die Jurybegründung
Die Jury lobte die hohe Komplexität von Shahroudis Werken: Mit der Verknüpfung zwischen der poetisch überformten Fahne und der raumgreifenden Performance verleiht die Künstlerin in „Sky is no one’s ground“ ihren eigenen Exilerfahrungen starken Ausdruck. Sie symbolisiert Verwurzelung und Verbindung sowie Loslösung und Zerrissenheit. Auch ihr Werk „Max Beckmann war nicht hier“ stellt mit dem aus der schiitischen Tradition stammenden Banner eine vielschichtige Verbindung zwischen Kontinuität, Flucht und Exil – historisch wie aktuell – dar. Wer vertrieben wurde, kann nicht hier sein – und ist es durch die Verewigung in der Kunst doch.
Über den Award
Der mit 10.000 Euro dotierte Preis wurde basierend auf einer Ausschreibung von einer sechsköpfigen, interdisziplinär besetzten Jury zuerkannt. Eine Shortlist umfasste weitere Kunstschaffende, deren Werke besondere Aufmerksamkeit fanden. Die Preistragenden wurden bei Veranstaltungen geehrt.
Eindrücke der Preisverleihung an Jalal Maghout

Das Publikum applaudiert Jalal Maghout. Claudia Höhne 
Jalal Maghout (Preisträger) und Sven Tetzlaff (Körber-Stiftung) Claudia Höhne 
Film-Still des prämierten Werks „HAVE A NICE DOG!“ Claudia Höhne 
Jalal Maghout im Gespräch mit Muschda Sherzada (Moderation) Claudia Höhne 
Sonderpreise: Jeanno Gaussi und Dania Gonzaléz Sanabria Claudia Höhne
