
Foto: Generiert mit Dall-E via Chat-GPT
Praxistest des norwegischen Geschichtswettbewerbs: Was tun mit KI?
Künstliche Intelligenz wird unser Leben auf den Kopf stellen, sind sich Kritiker und Befürworter einig. Auch Geschichtswettbewerbe? Das Beispiel aus Norwegen stimmt zuversichtlich.
Dank neuartiger KI-Technologien schien die Zukunft der Bildung weit offen. Alles ist möglich: Von KI-Systemen, die Lehrende ersetzen, hin zur Rückkehr von handschriftlichen Prüfungen, um Schüler:innen am Schummeln zu hindern. Für die Organisierenden der Geschichtswettbewerbe im europäischen Geschichtsnetzwerk EUSTORY riefen die neuen Möglichkeiten und drohenden Probleme viele Fragen auf: Wie kann nachgewiesen werden, ob Schüler:innen für ihre Forschung KI nutzen? Müssen die Bewertungskriterien für Beiträge geändert werden? Und würden Schüler:innen schlussendlich ihre Essays von ChatGPT schreiben lassen?
Genau diese Fragen trieben auch Karsten Korbøl um, den Organisator des norwegischen Geschichtswettbewerbs „Meine Familie in der Geschichte“. Als Lehrer für Geschichte und Politische Bildung sowie Dozent für Lehrendenausbildung an der Universität Olso, war für ihn klar, dass der Tools wie ChatGPT selbst testen musste, um herauszufinden, was die KI kann – und was nicht. Seine Ergebnisse fasste Korbøl in einem Artikel zusammen: „Kann man einen Chatbot überlisten?“ Seine Antwort? Ja – vorerst. Denn er ist überzeugt, dass KI bestimmte Aufgaben nicht erfolgreichen lösen kann. Dazu gehört das Auswerten von historischen Quellen, das Erörtern der Relevanz historischer Bedeutung oder das Lösen von Aufgaben, die Kreativität erfordern.
Und dann gibt es noch eine Aufgabe, bei der ChatGPT dem Menschen unterlegen ist: Persönliche Geschichte. KI kann keine Mikrogeschichten schreiben – das Erforschen von Familiengeschichte übersteigt seine Fähigkeiten, denn das Tool kennt weder die passenden Quellen noch kann es das Material interpretieren. Diese Überzeugung Korbøls spiegelt sich auch daran wieder, wie die Wettbewerbsorganisierenden dem Thema KI begeben.
Zu Beginn des letzten Wettbewerbs im Sommer 2023 entschieden sich Korbøl und sein Team ganz bewusst dagegen, Regeln für die Nutzung von KI aufzustellen oder Schüler:innen ChatGPT direkt ganz zu verbieten. Sie sind fest davon überzeugt, dass dies nicht notwendig ist. Stattdessen vertrauen sie auf die Tutor:innen, die Jurymitglieder und vor allem den Schüler:innen selbst.
Dass der norwegische Geschichtswettbewerb ausschließlich Beiträge zur Familien- oder Lokalgeschichte mit einer Bottom-Up-Perspektive zulässt, schränkt die Möglichkeiten von Schüler:innen bereits ein. Denn warum, sollten sich Schüler:innen ihre Familiengeschichte von ChatGPT schreiben lassen, wenn die KI doch gar nichts von den Personen weiß, um die es geht? Der Wettbewerb ermuntert Jugendliche nicht, das längste oder ausführlichste historische Essay zu schreiben, sondern mehr über die eigene Familie zu lernen.
Doch das ist nicht alles, was Korbøl zu dieser Entscheidung bewog. Bei einem Austausch der EUSTORY Organisatoren stellte er den norwegischen Ansatz ausführlich vor. Einerseits bietet das geringe Preisgeld sowieso nur wenig Anreiz zum Schummeln, denn der finanzielle Gewinn ist gering. Andererseits steht für die Schüler:innen viel auf dem Spiel, beispielsweise ihr Ansehen bei den Lehrkräften. Die Recherchen für den Geschichtswettbewerb sind Teil des regulären Unterrichts, und die Geschichtslehrer:innen sind die ersten, die die Wettbewerbsarbeiten bewerten. Schüler:innen müssten also nicht nur eine anonyme Jury täuschen, sondern ihre eigenen Lehrer:innen, die Schreibstil und persönlichen Hintergrund ihrer Zöglinge oft sehr gut kennen. Wird jemand von seiner Lehrer:in beim Schummeln erwischt, kann das große Auswirkungen auf das Ansehen außerhalb des Wettbewerbs haben. Korbøl hofft auch, dass Lehrkräfte die Jury auf verdächtige Stellen in den Arbeiten ihrer Schüler:innen hinweisen.
Es gibt auch philosophische Gründe, warum Korbøl sich gegen eine KI-Richtlinie entschieden hat. Würde die bloße Erwähnung von KI nicht eher Schüler:innen zur Nutzung von ChatGPT ermutigen? Und wo liegt genau liegt eigentlich der Unterschied, ob Schüler:innen KI oder ihre Eltern zu Rate ziehen? Letztlich könnte KI sogar für mehr Chancengleichheit für Kinder aus unterschiedlich privilegierten Elternhäusern sorgne.
Korbøl plädierte außerdem dafür, sich auf die historischen Quellen zu konzentrieren. ChatGPT sei ein Werkzeug, keine Quelle, und müsse auch so behandelt werden.
Als die Jury dieses Jahr zusammenkam, um die eingegangenen Beiträge zu bewerten, bestätigten sich Korbøls Überlegungen.
Anstatt KI-generierter Aufsätze las die Jury solide recherchierte und gut erzählte Beiträge. „Das Niveau der Beiträge aus der Sekundarstufe war sehr hoch, vielleicht das höchste seit vielen Jahren“ urteilte die Jury. Schüler:innen wurden besser darin, historische Quellen zu bewerten und einzuordnen, stellten sie fest.
Alle ausgezeichneten Arbeiten einte eins: Sie verbanden eine klare Fragestellung mit der sinnvollen Nutzung historischer Quellen. Das persönliche Engagement, das in allen prämierten Arbeiten zum Ausdruck kam, zeigte, dass den Teilnehmenden ihre Forschung am Herzen lag. Im Schuljahr 2023/24 konzentrierten sich viele Beiträge auf die Geschichte von Frauen, sie reflektierten Geschlechterrollen, Traditionen und Lebenswege. Indem die sehr persönlichen Beiträge verschiedenste Quellen diskutierten, öffneten sie neue Perspektiven – etwas, was KI noch nicht schafft.
