Foto: David Ausserhofer

Körber History Forum Retreat 2023

Shifting International Order
Historical Sensibility for Uncertain Times

Das Körber History Forum Retreat fand vom 5. bis 6. Juni 2023 im Schloss Lübbenau (bei Berlin) statt. Zwei Tage lang war das Retreat ein Raum für Debatten mit ausgewählten Expert:innen zu den drängenden geschichts- und geopolitischen Herausforderungen unserer Gegenwart.

Auf dem Retreat im Vorjahr herrschte weitgehend Einigkeit, dass der Krieg Russlands gegen die Ukraine das Ende der Ära nach dem Kalten Krieg markiert. Doch das Ausmaß der Veränderungen in unserem Verständnis von Macht und Ordnung war noch nicht erkennbar. Es blieben Fragen offen: Wie kann die Ära nach 1989 neu bewertet werden? Und welcher Ausdruck wird den überholten Begriff „post-Cold War era“ ersetzen?

Auf dem Retreat 2023 wurden diese Fragen aufgegriffen und erweitert, da unsere westliche Vorstellung von der Weltordnung nach 1945 und der unendlichen Friedensdividende im Widerspruch steht zur heutigen komplexen geopolitischen Lage und Machtpolitik: Welche Auswirkungen hat das Ringen um eine neue internationale Ordnung auf Politik und Gesellschaft? Wie prägen Narrative der Vergangenheit unser heutiges Verständnis von Ordnung und Macht? Wie kann eine dauerhafte Friedensordnung erreicht werden? Was bringt Länder dazu, ihre Strategien zu ändern? Inwieweit kann Handel den Frieden fördern? Diese und weitere Fragen standen im Zentrum der Diskussionen auf dem Körber History Forum Retreat 2023.

Wirtschaftshistoriker Adam Tooze sprach zur Eröffnung über das Konzept „Wandel durch Handel“ und analysierte, ob internationaler Handel die Beziehungen zwischen Staaten und globalen Akteuren im Laufe der Geschichte eher gestärkt oder geschwächt hat.

Wie im Vorjahr 2022 stand der History & Politics Roundtable im Zentrum des Programms, der eine intensive Interaktion zwischen allen Teilnehmenden ermöglicht. Im ersten Roundtable regten die Historiker:innen Stella Ghervas und Patrick O. Cohrs, die Sicherheitsexpertin Margarita Seselgyte und der Kurator Vasyl Cherepanyn unter der Leitung von Jan Claas Behrends mit kurzen Impulsen die Debatten an. Vor dem Hintergrund des Angriffskriegs Russlands gegen die Ukraine, der Kriege des 19. und 20. Jahrhunderts in Europa sowie der Sicherheitssituationen im Baltikum nach dem Ende des Kalten Kriegs ging es um die folgenden Fragen: Wie kann ein dauerhafter Frieden geschaffen werden? Was sind die Voraussetzungen für Frieden? Wer legt die Grundregeln neuer Friedensordnungen fest? Wie stellt man ein Gleichgewicht zwischen Verantwortung und Schuld her? Und wie zwischen Freiheit und Sicherheit?

Geopolitik und Grand Strategy standen im Fokus unserer Deep Dive Sessions History Hotspots. Die Historiker:innen Katja Hoyer und Brendan Simms sprachen mit Oliver Moody über die globale Strategie Deutschlands. Perspektiven aus verschiedenen zentralasiatischen Ländern auf die Großmachtrivalitäten seit dem Ende des Kalten Kriegs vermittelte die Politikwissenschaftlerin Asel Doolotkeldieva. Im Austausch mit Mirko Kruppa und den Teilnehmenden sprach sie u.a. darüber, welche strategischen Narrative Großmächte nutzen, um Einfluss in ihren Grenzregionen zu gewinnen und zu erhalten und wie man sich als Zivilgesellschaft zur Wehr setzt.

Über die neue Ära der internationalen politischen Zusammenarbeit in der Arktis und die Unterschiede aus der Zeit vor und nach dem Ende des Kalten Kriegs berichtete die Historikerin Kristina Spohr. Im Gespräch mit der Militärexpertin Maria Mälksoo ging es auch um den Ausgleich nationaler und geopolitischer Interessen in der Vergangenheit und die Lehren für heute. Die Historiker:innen Mary Elise Sarotte und Mart Kuldkepp sprachen über die späte Ära des Kalten Kriegs und die Nachwendezeit sowie eine neue Bezeichnung für die Ära, die mit dem Begriff der Zeitenwende eingeläutet wurde.

Den Abschluss des Körber History Forum Retreats bildete der zweite History & Politics Roundtable zum Thema „Strategies for a Changing Global Order“ unter der Leitung von Natalie Nougayrède und Elisabeth Braw. Der Historiker Ramachandra Guha gab einen Impuls zu den historischen Narrativen, die die Ordnungsvorstellungen Indiens prägen und die es in der internationalen Politik durchsetzen möchte. Wie wird die globale Friedens- und Sicherheitsordnung nach 1945 im globalen Süden oder globalen Osten gesehen? Der Historiker Francis J. Gavin sprach über die intensive Interaktion von Geschichte und Grand Strategy. Wie hilft historisches Denken, um die Gesamtstrategien eines Staates besser analysieren oder implementieren zu können? Und welche Hindernisse gibt es beim Dialog zwischen Historiker:innen und Expert:innen aus Politik und Diplomatie?

Die Sozialwissenschaftlerin Diana T. Kudaibergen berichtete über die Transformationserfahrungen in den Zivilgesellschaften zentralasiatischer Länder nach dem Kollaps der Sowjetunion 1991. Wie sich die NATO an das Ende der Ära nach dem Kalten Krieg anpasst und wie der Krieg gegen die Ukraine Europa und NATO verändert, darüber sprach Dominik P. Jankowski, Sicherheitsexperte und Diplomat.

Mit dem Retreat und dem Gesamtprogramm Körber History Forum hat es sich die Körber-Stiftung zur Aufgabe gemacht, durch die Einbindung historischer Zusammenhänge einen zusätzlichen Erkenntnisgewinn für politische Entscheidungen anzubieten. Angesichts der sich verändernden internationalen Ordnung und des anhaltenden russischen Angriffskriegs in der Ukraine ist eine historische Perspektive auf Geopolitik und Strategie von zentraler Bedeutung.

  • alle Fotos: David Ausserhofer