Foto: Patricia Morosan

Körber History Forum 2022

Grenzen und umkämpfte Räume

Wie können Geschichte und historisches Denken dazu beitragen, den russischen Krieg gegen die Ukraine in einen größeren Kontext zu setzen? Welche Auswirkungen hat die Geschichte auf die außen- und innenpolitischen Konflikte der Gegenwart? Und welche Rolle spielen dabei Historiker:innen?

Diese Fragen standen im Mittelpunkt unseres Körber History Forums, das am 9. und 10. Mai 2022 auf Schloss Lübbenau stattfand. Mehr als 60 internationale Expert:innen aus Geschichte, Politik und Medien folgten unserer Einladung, um über die Macht der Vergangenheit auf die Gegenwart zu diskutieren. Die Debatten standen im Schatten des russischen Angriffs auf die Ukraine und der Veränderungen der europäischen und internationalen Sicherheitsordnung.

Im Fokus der Eröffnungsdebatte stand die Instrumentalisierung der Geschichte für innen- und außenpolitische Zwecke. Der Historiker Sergey Radchenko sprach darüber, wie Russland die Geschichte als Waffe einsetzt, um die Aggression gegen die Ukraine vorzubereiten und zu begleiten. Die Historikerin Heidi Tworek berichtete, wie der Einsatz digitaler Technologien unseren Umgang mit der Vergangenheit beeinflusst. Für beide ist es die Aufgabe von Historiker:innen, toxischen Narrativen ud der Versicherheitlichung von Geschichte entgegenzuwirken.

Die Friedensaktivistin Mary Kaldor, der Historiker Nicholas Mulder und die Journalistin Anna Sauerbrey sprachen über die unterschiedlichen Erscheinungsformen von Kriegen und Methoden der Kriegsführung in Vergangenheit und Gegenwart. Ebenso diskutiert wurden Potenziale und Grenzen von Wirtschaftssanktionen im Kontext mit dem seit 2022 bestehenden internationalen Sanktionsregime gegen Russland.

Die Geopolitik war Ausgangspunkt für drei Deep Dive Sessions über das Erbe der Imperien des 19. und 20. Jahrhunderts. Katja Hoyer als Chair sprach mit der Historikerin Ulrike von Hirschhausen über die Unterschiede zwischen national borders und imperial boundaries. Der ukrainische Historiker Georgiy Kasianov beleuchtete gemeinsam mit Adam Reichardt die politischen und ideologischen Beweggründe für die Nichtbeachtung der Ukraine als europäische Nation. Und die Politikwissenschaftlerin Ayşe Zarakol befasste sich gemeinsam mit der rumänischen Historikerin Mirela Murgescu mit der regionalen Identität und den Erinnerungen in der Schwarzmeerregion. Demgegenüber stellte sie die strategischen Interessen und Machtbestrebungen der Türkei und Russlands als Nachfolgestaaten ehemaliger Imperien.

Mit einem Roundtable über die Zeitenwende für die westliche Sicherheitsordnung und den historischen Kontext endete das Körber History Forum. Im Fokus stand die Frage, ob historisches Denken dabei helfen kann, aktuelle Probleme klarer zu analysieren und zu lösen. Kristina Spohr hielt einen ernüchternden Impuls zu den Herausforderungen Europas nach dem Ende des Kalten Krieges. Der Westen habe den Geist von 1989/1991 zu lange als selbstverständlich hingenommen und es versäumt, rechtzeitig eine gesamteuropäische Sicherheitsordnung zu schaffen. Nach einem ersten Kommentar von Mary Sarotte und mit Joachim von Puttkamer als Chair diskutierten wir darüber, wie sich der institutionelle Westen auf die neuen Realitäten einstellen kann, die der russische Krieg gegen die Ukraine schafft.

Teil der Diskussion über die Realitäten des Krieges war auch die Erörterung von Bedingungen und Kräften, die Kriege zu Ende bringen können. Wie kann uns historisches Denken in diesem Zusammenhang helfen? Können Friedensabkommen in der Geschichte gute Ratgeber sein, wie wir uns in gegenwärtigen Krisen orientieren sollen? Müssen wir unser Verständnis von Diplomatie umgestalten? Unter der Leitung von Helene von Bismarck tauschten Botschafter Eduardas Borisovas und die Historiker Robert Gerwarth und Jeremi Suri ihre Beobachtungen zu diesen Fragen aus.

Deutlich wurde, dass die Anwendung der Geschichte in politischen Entscheidungsprozessen eine komplexe Herausforderung darstellt. Sie erfordert ein klares methodologisches Instrumentarium. Erfahrene Historiker:innen sollten in der Lage sein, der vereinfachten Verwendung historischer Analogien relevante historische Kontexte entgegenzusetzen sowie Prozesse aufzuzeigen, die zu einer historisch fundierten Entscheidungsfindung beitragen können. Das Körber History Forum ist der Ort, an dem Geschichte und Politik zusammenkommen, um sich auf diese gemeinsamen Herausforderungen vorzubereiten.

Impressionen

  • Foto: Patricia Morosan
  • Foto: Patricia Morosan
  • Foto: Patricia Morosan
  • Foto: Patricia Morosan
  • Foto: Patricia Morosan
  • Foto: Patricia Morosan