
spurensuchen 2025
Über 6.700 Kinder und Jugendliche sind ein halbes Jahr lang im Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten 2024/25 auf Spurensuche gegangen und reichten beim Wettbewerb mit dem Thema „Bis hierhin und nicht weiter!? Grenzen in der Geschichte“ 2.289 Beiträge ein – so viele wie seit 30 Jahren nicht mehr.
In diesem Magazin porträtieren wir unter anderem die Erstpreisträger:innen mit ihren Projekten und geben einen Überblick zu den bundesweit erfolgreichsten Arbeiten. Wir fragen, ob TikTok wirklich neugierig auf Geschichte machen kann, und wir schauen mit unserer Social-Media-Redaktion hinter die Kulissen des 55. Historikertags.
Wir wünschen viel Freude beim Lesen!
Auswertungsartikel: „Bis hierhin und nicht weiter!?“
Kinder und Jugendliche erforschen vielfältige Grenzen in der Geschichte.
Von Laura Wesseler
„Grenzen sind nicht nur Linien auf der Landkarte. Sie sind tief in den Herzen und Köpfen der Menschen verankert.“ Dieses Zitat stammt von zwei Oberstufenschülern aus Norderstedt in Schleswig-Holstein, die sich mit dem Nahostkonflikt befassten und dabei die verschiedenen Dimensionen von Grenzen zwischen der palästinensischen Seite und der israelischen Seite beleuchteten. Die zwei Schüler zeigen, was die Mehrheit der Teilnehmer:innen des diesjährigen Geschichts- wettbewerbs interessiert hat: die verschiedenen Arten von Grenzen, die die Geschichte geprägt haben und bis heute ihre Auswirkungen zeigen.
Möglicherweise lässt sich mit der Vielfalt des Grenzbegriffs auch der große Erfolg des Themas erklären, denn mit 2.289 eingereichten Projekten und über 6.700 Teilnehmer:innen ist am 28. Februar dieses Jahres die erfolgreichste Wettbewerbsrunde seit 30 Jahren zu Ende gegangen. Eine große Resonanz zeichnete sich bereits anhand der rege frequentierten regionalen Auftaktworkshops für Lehrkräfte in allen Bundesländern ab und auch an dem bereits kurz nach Einsendeschluss vergriffenen spurensuchen-Magazin – doch mit über 600 Beiträgen mehr als im Jahr 2023 hatte niemand in der Geschäftsstelle gerechnet. Mit 993 begleitenden Tutor:innen (2023: 793 Tutor:innen) und 705 beteiligten Schulen (2023: 525 Schulen) erzielte der diesjährige Wettbewerb eine außergewöhnliche Breitenwirkung.

Gruppenbeiträge in der Mehrheit
Erneut hat eine Mehrzahl der Teilnehmer:innen, nämlich 52 Prozent, in Gruppen teilgenommen. Die Zahl der Schüler:innen bis bis zur 6. Klasse liegt bei rund 13 Prozent. Damit konnten zwei Trends aus der letzten Wettbewerbsrunde bestätigt und im Fall der jüngeren Schüler:innen sogar ausgebaut werden. Dabei gilt nach wie vor die Einschränkung, dass Grundschulen lediglich mit etwas über sieben Prozent im Wettbewerb vertreten sind, während Gymnasien mit 65 Prozent die bei weitem am häufigsten vertretene Schulform sind. Haupt- und Realschulen sowie Berufsschulen stellen jeweils etwas über fünf Prozent der Schulen, während Gesamtschulen (bzw. Gemeinschafts-/Regel- und Stadtteilschulen) rund 17 Prozent der am Wettbewerb beteiligten Schulen ausmachen.
Über die Hälfte der eingereichten Beiträge (57 Prozent) setzt sich aus digitalen und kreativen Beiträgen zusammen. Die Teilnehmer:innen bereiteten dabei die Ergebnisse ihrer Spurensuche in Form von Podcasts, Filmen, Comics, Ausstellungen und Stadtrundgängen per App auf. Der rein schriftliche Beitrag (43 Prozent) verlor im Zuge der letzten Wettbewerbsrunden leicht an Bedeutung. Immer häufiger werden „Mischformen“ eingereicht, bei denen die schriftliche Ausarbeitung durch Podcasts oder Videos ergänzt wird. Die Ausdifferenzierung der Beitragsformen wird durch vielfältige, digitale Tools begünstigt und bietet viele Möglichkeiten für das Erzählen und Erforschen von Geschichte. Die Beiträge erhalten dadurch jedoch oft einen weitaus größeren Umfang, der nicht immer zu einer fokussierten Untersuchung der Fragestellung beiträgt. Dies wird von der Geschäftsstelle mit Blick auf die nächste Ausschreibung zu evaluieren sein.
Mit Blick auf die Methoden wurden in 49 Prozent der Beiträge Zeitzeug:innen und in 22 Prozent der Beiträge Expert:innen befragt. Die Arbeit mit Originalquellen, Dokumenten und Zeitschriftenartikeln aus dem Archiv (44 Prozent) nimmt nach wie vor einen hohen Stellenwert ein, aber auch außerschulische Lernorte wie Museen und Gedenkstätten wurden von den Teilnehmer:innen für 31 Prozent der Beiträge zu Rate gezogen. Bemerkenswert ist der dokumentierte Einsatz von KI-Tools in 493 Arbeiten (21,6 Prozent), der im Rahmen dieser Wettbewerbsrunde erstmals von der Geschäftsstelle abgefragt und evaluiert wurde (siehe dazu die detaillierte Auswertung ab Seite 24).
Kinder und Jugendliche haben bundesweit zu einer Vielzahl von Themen in unterschiedlichen Epochen der Geschichte geforscht. Epochenübergreifende Arbeiten waren in dieser Wettbewerbsrunde besonders häufig vertreten (rund 20 Prozent). Wie immer wurden vor allem Ereignisse der Neueren und Neuesten Geschichte aufgegriffen – das 20. Jahrhundert stellt unter den Teilnehmer:innen den größten Bezugspunkt, wobei in dieser Wettbewerbsrunde über zehn Prozent der Beiträge die Zeit nach 1989 behandeln, die neben dem Zweiten Weltkrieg und der deutschen Teilung einen thematischen Anker dieser Wettbewerbsrunde darstellt. Sieben Prozent der Beiträge griffen Themen aus der Frühen Neuzeit und dem Mittelalter auf, 43 Beiträge beschäftigten sich mit der Antike.

Deutsche Teilung als „Spitzenreiter“
Die statistische Auswertung der Themen zeigt klare Favoriten, aber auch eine bemerkenswerte Bandbreite bei der Themenwahl. Die deutsche Teilung ist mit rund 15 Prozent der Beiträge das am häufigsten gewählte Oberthema. Hier dominieren Arbeiten zur Berliner Mauer, zur innerdeutschen Grenze und Alltageschichte(n) in Ost und West. Oberthemen wie „Nachbarschaft“ (etwa in Grenzregionen), „Flucht und Vertreibung“ sowie „Migration“ machten jeweils rund zehn Prozent aller Beiträge aus. Gesellschaftliche und soziale Grenzen spielten etwa in Bezug auf Geschlechtergeschichte eine größere Rolle, indem die vielfältigen Grenzen für Frauen in der Geschichte beleuchtet wurden. Einige Teilnehmer:innen knüpften auch an aktuelle Diskurse und gesellschaftliche Debatten an, indem sie rassistische oder antisemitische Ausgrenzung thematisierten oder aber die bis heute sichtbaren Spuren der deutschen (und europäischen) Kolonialgeschichte aufgriffen.
In Hamburg verarbeiteten Oberstufenschüler:innen ihre Recherche zur kolonialen Vergangenheit des Tierparks Hagenbeck in einem Theaterstück. „Wir empfinden es als unverständlich, dass es 2025 noch möglich ist, diese gewaltvolle Geschichte zu verharmlosen“, erklären sie mit Bezug auf die kaum vorhandene Aufarbeitung des Tierparks, der bis in die 1930er Jahre in Form von sogenannten „Völkerschauen“ Menschen indigener Volksstämme in demütigender Form zu Schau stellte. In Mecklenburg-Vorpommern untersuchte ein Schüler die wechselvolle Geschichte des Carl-Peters-Denkmals in Amt Neuhaus. „Es sind keine festgelegten, aber doch spürbaren Grenzen, und sie werden durch gesellschaftliches Ringen sichtbar“, schreibt er über den jahrzehntelangen Streit des Dorfes um einen Gedenkstein für den Kolonialisten und Rassisten Carl Peters, der aus dem Ort stammt, als Begründer der Kolonie Deutsch-Ostafrika gilt und wegen seiner Brutalität „Hänge-Peters“ genannt wurde.
Am häufigsten griffen die Jugendlichen insbesondere den Mauerbau, die innerdeutsche Grenze und die Unterschiede zwischen Ost und West mit Bezug zur Sozial- und Alltagsgeschichte auf. Über 300 Arbeiten befassten sich allein mit der deutschen Teilung. In Berlin-Neukölln bauten Schüler:innen eines Förderzentrums ein Modell des legendären „Tunnels 57“, durch den in den 1960er-Jahren Menschen aus Ost- nach West-Berlin flohen. „Das Zeitzeugengespräch machte den Schüler:innen deutlich, wie wertvoll es ist, Erfahrungen aus vergangenen Zeiten zu teilen. Dadurch erhielten sie ein besseres Verständnis für das Leben im geteilten Berlin und den damit verbundenen Folgen von Grenzen für die betroffenen Menschen“, schreibt die Tutorin über das Treffen ihrer Schüler:innen mit einem der Tunnelbauer. Zwei Schüler einer 9. Klasse aus Erfurt wiederum beschäftigten sich in ihrem Beitrag mit zwei unterschiedlichen Perspektiven auf die innerdeutsche Grenze und sprachen dafür mit ihren jeweiligen Großvätern. Einer der Männer war in der DDR Grenzsoldat gewesen, während der andere in einem Chemie-Kombinat arbeitete und dort erlebte, wie Häftlinge zu gefährlicher Arbeit gezwungen wurden. Daraufhin beschloss er zu fliehen. Die beiden Schüler stellen die unterschiedlichen Perspektiven ihrer Großväter dar und fassen zusammen: „Letztendlich waren die Ausgangspunkte und Blickwinkel auf die ‚Mauer‘ unterschiedlich und spaltend, da beide Seiten ihre Aufgaben, Hoffnungen, Ideen und Ziele hatten, und wir können froh sein, dass wir all dies nur aus der Vergangenheit kennen.“
Fokus auf gesellschaftlichen Grenzen
„Wieso wolltet ihr eigentlich zurück nach Deutschland?“ fragten wiederrum Elftklässler:innen aus dem niedersächsischen Bad Iburg Russlanddeutsche, die nach 1990 in die Bundesrepublik kamen. Dabei zeichnen sie ein vielschichtiges Bild über Migration und „Ankommen“ in einem neuen Land und die Grenzen, die dabei überwunden werden. Die Schüler:innen bilanzieren: „In Russland waren sie keine vollwertigen Russen, in Deutschland keine richtigen Deutschen. Sie waren angekommen, aber irgendwie doch nicht.“ Interviews mit Zeitzeug:innen spielten insgesamt eine große Rolle – ob mit der Großtante aus Russland, dem geflüchteten Großvater aus Vietnam oder der Oma, die als „Gastarbeiterin“ aus Spanien nach Deutschland kam. Mit Grenzen, die durch den aktuellen Krieg im Nahen Osten gegenwärtiger und deutlicher denn je verlaufen, beschäftigten sich zwei Oberstufenschüler aus Schleswig-Holstein und verbanden die Recherche mit Erfahrungen jüdischer und palästinensischer Menschen in Deutschland. Eine jüdische Gesprächspartnerin sagte: „Ich bin nicht Israel“. Einer der zwei jungen Forscher hat selbst einen palästinensischen Familienhintergrund und schreibt: „Meine persönliche Aufgabe besteht darin, darüber aufzuklären und die verschiedenen Sichtweisen zu vermitteln“.

In Hessen griff eine 4. Klasse einer Grund- und Förderschule in Frankfurt zu Kamera und Stift und produzierte eine bunte Klassenzeitung über die 40-jährige Geschichte ihrer Schule. „Wir lernen mit Behinderten und Nichtbehinderten zusammen – das ist auch eine Grenze, die wir überwunden haben“, schreiben sie. Eindrücklich ist auch ein Beispiel aus Baden-Württemberg: Eine AVdual-Klasse in Sindelfingen – Jugendliche mit Migrationshintergrund, die erst seit wenigen Jahren in Deutschland sind – drehte einen Film über die Hexenverfolgung vor Ort. „Solch einen Film mit den aktuellen Deutschkenntnissen zu machen, hat die Schüler:innen vor große Herausforderungen gestellt“, resümierte ihre Lehrerin und macht deutlich, dass Grenzen manchmal Sprachbarrieren sind, die nur mühsam überwunden werden können. In Bremen rekonstruierten Schüler:innen unterschiedlicher Klassenstufen anhand eines Dokumentarfilms das Leben von Rudolf Jacobs, eines ehemaligen Schülers ihrer Schule. Jacobs war im Zweiten Weltkrieg zu den italienischen Partisanen übergelaufen und nach dem Krieg von der italienischen Bevölkerung des Ortes Sarzana als „tedesco bueno“ (der gute Deutsche) geehrt worden. Die Schüler:innen fragen: Welche ethischen und moralischen Fragen bewegten einen Mann, der im Zweiten Weltkrieg der Wehrmacht den Rücken kehrte, um an der Seite italienischer Partisan:innen gegen den Faschismus zu kämpfen? Ihr Beitrag hebt den langen Weg zur Rehabilitierung von Deserteuren in der deutschen Nachkriegsgesellschaft hervor und betont die Unterschiede zur italienischen Erinnerungskultur in Bezug auf Rudolf Jacobs.
So lässt sich zusammenfassen, dass unsere Teilnehmer:innen die historische Grenze unglaublich vielfältig definiert haben: als persönliche Grenzüberschreitung, gesellschaftliche Prägung oder unbewältigte, noch nicht überwundene Grenze – in jedem Fall aber nicht nur als einfache Linie auf einer Landkarte.


































