Übersicht vergangene Expeditionen

Seit 2019 bietet die Körber-Stiftung die Expedition Age & City für Angehörige kommunaler Politik und Verwaltung an. Hier finden Sie Berichte und Filme zu den vergangenen Reisen.

Expedition Age & City 2021: Helsinki

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Helsinki – Smart und altersfreundlich

Mit dem Themenschwerpunkt Smart Age – Technologien für die alternde Stadt führte die Expedition: Age & City vom 29. September bis 1. Oktober 2021 nach Helsinki. Dort wurde erkundet, wie Technologien und Digitalisierung dazu beitragen können, dass Menschen gesund, sicher und sozial eingebunden alt werden. Die finnische Hauptstadt will die „smarteste Stadt der Welt“ sein. Das zeigt sich auch darin, dass Staat, Stadtverwaltung, Universitäten, Unternehmen oder Stiftungen vor Ort eine Vielzahl von digitalen und technologischen Innovationen entwickeln, von denen ihre ältere Bevölkerung in den eigenen vier Wänden, im Stadtraum und in ihrer Kommunikation profitiert.

Im Modellstadtteil Kalasatama erprobt die finnische Hauptstadt neue Formen des Zusammenlebens und die Rolle, die technische Innovationen dabei spielen können. Ganz wichtig: Technologie ist Mittel zum Zweck für eine aktive Bürgergesellschaft – die Menschen stehen im Fokus. In Bezug auf Altersfreundlichkeit bedeutet dies mehr als Assistenzsysteme und Mobilität (wobei auch diese Themen vorbildlich gelöst werden), sondern vor allem gesellschaftliche Teilhabe und Mitgestaltung. Unter dem Stichwort „Ko-Kreation“ wird gemeinsam mit Bürger:innen im Stadtteil die Zukunft entworfen.

Smart Age – Technologien für die alternde Stadt

Die Stadtverwaltung sieht sich als Moderatorin und Managerin der Bürgerinteressen und ist damit Speerspitze eines internationalen Trends hin zu mehr Beteiligung. Denn die Menschen vor Ort wissen am besten, was bei ihnen vor der Haustür passieren muss. Mit Open Data, digitaler Teilhabe und maximaler Transparenz haben die Verantwortlichen in Helsinki so einen direkten Draht zu den Menschen etabliert. Um den Prozess zu gestalten, wurde mit dem Forum Virium Helsinki eine Institution geschaffen, die soziale Innovationen, technischen Fortschritt und wirtschaftliche Entwicklungen gemeinsam denkt und die Stadt so zu „the smartest city in the world“ macht.

Umgesetzt wird das ganz konkret in städtischen Laboren, Modellwohnprojekten und einem Smart living showroom. Ein Leuchtturm ist auch das Kotisatama – ein Co-Housing-Projekt für Ältere (ab 48 Jahren), das in einem mehrjährigen Co-Design-Prozess mit den heutigen Bewohner:innen entwickelt wurde.

Viele weitere spannende Projekte, wie die zukunftsweisende Bibliothek Oodi, erfuhren die Teilnehmenden der Expedition Age & City Ende September 2021.

Expedition Age & City 2019: Aarhus

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Aarhus – Stadt gegen Einsamkeit

Die erste Expedition Age & City führte die Teilnehmenden vom 11. bis 13. September 2019 in die dänische Stadt Aarhus. Die zweitgrößte Stadt des Landes überzeugt durch ihren umfassenden Ansatz, der mit Demenzfreundlichkeit, der gezielten Bekämpfung von Einsamkeit und der Förderung von Engagement zu einer lebendigen Bürgergesellschaft beiträgt. Die drittglücklichste Stadt der Welt bietet digitale und analoge Begegnungsorte wie genlydaarhus.dk oder das Dokk 1, die offen für Menschen aller Herkunft und Altersklassen sind. Als European Volunteer Capital 2018 mit über 1000 Vereinen und zivilgesellschaftlichen Initiativen versteht die Stadtverwaltung ihren Auftrag so: „Help people to find a new sense of community“.

Programm

Vor Ort erwartete die Teilnehmenden ein spannendes Programm, in dem sie die städtische Strategie im Umgang mit einer alternden Bevölkerung kennenlernen werden. Das zentrale Stichwort: Prävention. Mit aktiver Bekämpfung von Einsamkeit und der Aktivierung von älteren Bürgerinnen und Bürgern für gesellschaftliches Engagement und Selbstorganisation werden die Gesundheit und Selbständigkeit älterer Menschen umfassend unterstützt – das Prinzip der Verwaltung: „Keep people away!“. Gemeint ist damit: Dafür zu sorgen, dass die Älteren fit und zufrieden bleiben, um die Angebote des Wohlfahrtsstaates so spät wie möglich in Anspruch nehmen zu müssen.

Zuständig für die Versorgung der Älteren ist das Health and Care Department der Stadt Aarhus. Die Teilnehmenden konnten mit Mitarbeitenden auf allen Ebenen – unter anderem aus der Abteilung Strategische Entwicklung sprechen und lernten den digitalen Begegnungsort www.genlydaarhus.dk kennen und besuchten reale Orte wie das Dokk1, die größte Bibliothek Skandinaviens und Begegnungsort im Herzen der Stadt. Oder das Folkestedet, wo Ältere in einem alten Bahnhof zwischen skandinavischem Design und Hygge – dänischer Gemütlichkeit – neue Gemeinschaft erproben.

Doch in Aarhus geht man noch weiter. Die Expeditionsteilnehmenden lernten mit dem Generationernes Hus ein Mehrgenerationenhaus der Superlative kennen. Und last but not least wurde ein Blick in die Zukunft gewagt. Im DokkX werden Ambient Assisted Living Technologien erprobt und den Aarhusianern nähergebracht. Das baut Vorurteile ab und sorgt gleichzeitig dafür, dass Aarhus sich als Innovationsstandort etabliert – hier nennt man sie übrigens Frihedsteknologi (Freiheitstechnologie).

„Das Selbstverständnis der Gesundheitsbehörde in Aarhus passt auf kleine Kärtchen und damit in die Hosentaschen der Mitarbeiter: Verwaltung arbeitet mit den Bürgern, gibt Macht an sie ab und hält sie fern – und das meint: So viel Prävention, dass die Älteren gar nicht erst die Angebote der Behörde brauchen.“

Health and Care Department, Aarhus

Bericht von Teilnehmer Oliver Will: Die Aarhus-Ageing City-Strategie

Im September 2019 lud die Körber-Stiftung Führungskräfte aus deutschen Kommunen nach Aarhus in Dänemark, um mehr über dortige Ansätze der Verwaltung im Umgang mit einer alternden Gesellschaft und gegen die Vereinsamung im Alter zu erfahren. Mitglied der ersten Expedition Age & City war auch Oliver Will, ein Experte für strategisches Handeln und Verwaltungsmodernisierung. Hier seine Bewertung, was das Verwaltungshandeln insbesondere des Health and Care Departments in Aarhus so innovativ macht.

„Mit einem Zitat von Hamlet, dem dänischen Prinzen, könnten die Erlebnisse der Teilnehmer zusammengefasst werden: ,Es gibt mehr Ding im Himmel und auf Erden, als eure Schulweisheit sich träumt.´ Die Exkursion Age & City hat nicht nur zahlreiche inhaltliche Impulse zur gemeinsamen Gestaltung des demografischen Wandels durch Verwaltung und Gesellschaft geliefert, sondern auch Hinweise gegeben auf die Strukturen, die dies ermöglichen bzw. die für den Erfolg notwendig sind. Aus dieser Expedition kann gelernt werden, dass Inhalt und Form zusammengehören. Innovative inhaltliche Ideen sind nur so erfolgreich, wie der Umbau der Strukturen – mental und organisatorisch – dies ermöglicht.

Aus den Beobachtungen lässt sich eine Art Aarhus-Agenda der Verwaltungsmodernisierung ableiten, wenigsten aber eine Reflexionsagenda für innovatives Verwaltungshandeln in sieben Thesen:

  1. Trust in People

Die zentrale Beobachtung aller Expeditionsteilnehmer, ob im Rathaus oder bei zivilgesellschaftlichen Organisationen war die atemberaubende Feststellung, dass die Verwaltung den Bürgern und der Zivilgesellschaft etwas zutraut und sie in die Mitverantwortung nimmt. Sei es bei der Betreuung Älterer, sei es beim Betrieb des DOKK1, der größten öffentlichen „Bibliothek“ Skandinaviens, wo das Motto heißt: 'The commons creates the content'.

  1. Defend the Narrative

Die Vielzahl der Aktivitäten und Akteure in Aarhus ist faszinierend und beeindruckend, reichen sie doch von Angeboten für Demenzkranke über neue intergenerativ angelegte Wohnmodelle bis zu den Aktivitäten von Dane Age, der dänischen NGO für Senioren. All dies zahlt auf die städtische Ageing-Strategie ein. All dies entfaltet seine beeindruckende Wucht jedoch erst dadurch, dass diese Aktivitäten entlang einer Storyline miteinander verknüpft werden und so zu einer sich gegenseitig stärkenden Maßnahmenkette werden, die dem Thema eine Präsenz in der Öffentlichkeit und bei allen Beteiligten verleiht, die jeder einzelnen Maßnahme Wert und Bedeutung verleiht. Sie macht so mehr aus der Summe der Teile.

  1. Resilienz auf dem Weg zum Ziel

Die Aarhus-AgeingCity-Strategie wirkt wie ein nur in Skandinavien möglicher Weg, an dem alle Beteiligten gemeinsam und glücklich von Beginn an gearbeitet haben. Dies war aber nicht der Fall, sondern die nach knapp zehn Jahren Arbeit erreichte beeindruckende Entwicklung hatte durchaus mit Rückschlägen und Anfeindungen zu kämpfen, auch aus dem politischen Raum des Rathauses. Überzeugung, Beharrlichkeit, Mut und politisches Geschick verhalfen der anfangs umstrittenen Idee des 'Keep-the-Citizen-away-Ansatzes' zum Erfolg. Immer galt es für die Strategen in der Verwaltung, nicht aufzugeben und Allianzen innerhalb und außerhalb zu suchen und zu finden.

  1. It’s the leadership, stupid!

Der Erfolg der Aarhus-AgeingCity-Strategie ist auch und in großen Teilen der Erfolg von Führung. Wäre der für das Department zuständige Direktor nicht so von seiner Idee überzeugt gewesen und hätte nur im System, aber nicht am System gearbeitet, Aarhus stünde nicht da, wo es heute steht. Aber Führung ohne 'Follower' steht auf verlorenem Posten. Führung benötigt ein Team, das die Strategie weiterdenkt und gemeinsam mit den Akteuren innerhalb und außerhalb umsetzt.

  1. Orte als Erfolgsfaktoren

Die Rolle des Raums, die Einrichtung multifunktionaler Orte als teilweise zivilgesellschaft-lich mitgestaltete Gravitationszentren der Integration Älterer und als 'Einsamkeitsfresser', war mit die beeindruckendste Entdeckung der Expedition. Orte wie das DOKK1 oder das Folkestedet, ein quartiersbezogenes Bürgerhaus, ermöglichen erst die Vielschichtigkeit einer AgeingCity- und Anti-Loneliness-Strategie. Die Gestaltung und der Betrieb solcher Orte macht die Arbeit über Ämtersilos und über die Sektorenperspektive hinaus nötig. Der Erfolg gemeinsamen Zusammenwirkens wird hier sichtbar und erfahrbar. Verwaltungen benötigen hierfür ein neues strukturelles Organisationsdesign.

  1. Erfolgreiche Lösungen sind systemisch

Die Expeditionsergebnisse und -erfahrungen zeigen: Wirksame Lösungen und Strategien müssen systemisch gedacht und vernetzt umgesetzt werden. Nur die Verbindung von Strategie, Führung, silo- und sektorenübergreifender Zusammenarbeit im Sozialraum haben nachhaltigen Erfolg.

  1. Sharing Cities – das Stadtmodell der Zukunft

Aarhus ist in mancher Hinsicht dem neuen Bild der Stadt schon sehr nahe. Der Ansatz der Sharing Cities geht weit über Bike-Sharing-Lösungen hinaus. Es speist sich einerseits aus Überlegungen, dass künftig nachhaltige Lösungen nur gemeinsam durch alle Akteure wirksam gestaltet werden können. Anderseits wird dieser Ansatz durch die Diskussion der 'City as a Platform', einem zentralen Ansatz der Smart City-Debatten, auch technologisch forciert. Dies zusammenzudenken und zu gestalten wird eine zentrale Aufgabe der Verwaltungsmodernisierung des nächsten Jahrzehnts. Allein wird dies keiner der Akteure schaffen, sie benötigen einander. Die Erfolgsfaktoren hierfür konnten in Aarhus ganz praktisch beobachtet werden: eine Idee für die Stadt, Vertrauen, Führung, Resilienz und Kooperationsbereitschaft.“