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Exiljournalistische Communitys in Deutschland
Ein Mapping der verschiedenen exiljournalistischen Communities in Deutschland.
„Wir müssen für unsere Freiheit kämpfen. […] Zunehmender Autoritarismus und wachsende Instabilität führen zu Fragilität auf der ganzen Welt. […] Wir müssen über die engen Grenzen unserer Communityshinaus denken. Wir müssen als Gemeinschaft des globalen Widerstands zusammenarbeiten, um unsere Freiheiten gegen die Unterdrücker zu schützen.“
Der in Deutschland lebende türkische Journalist Can Dündar bringt es angesichts der weltweit steigenden Zahl autokratischer und diktatorischer Regime auf den Punkt: Um die Freiheit der Medien zuverteidigen, braucht es nicht nur einzelne mutige Journalistinnen und Journalisten, sondern mehr Zusammenarbeit in breiter werdenden Bündnissen auch von Exilmedien.
Dündar fasst damit das Kernanliegen des Exile Media Forums zusammen, der deutschlandweit größten Fachkonferenz für Exiljournalismus, welche die Körber-Stiftung 2024 bereits zum sechsten Mal ausrichtet. Einmal im Jahr laden wir über 100 Medienschaffende im Exil, Vertreterinnen und Vertreter aus Politik und von Hilfsorganisationen nach Hamburg ein, um Zukunftsfragen für den Exiljournalismus zu diskutieren, Erfahrungen auszutauschen und sich zu vernetzen.
Exiljournalistische Communitys in Deutschland
Deutschland ist zu einem wichtigen Aufnahmeland für exilierte Journalistinnen und Journalisten geworden. Unter anderem die s politischen Rahmenbedingungen sowie bereits bestehende Diaspora-Netzwerke bieten ihnen Orientierung und Anknüpfungspunkte. Die vorliegende Publikation, verfasst von Prof. Dr. Hanan Badr von der Universität Salzburg, untersucht die unterschiedlichen in Deutschland ansässigen nationalen exiljournalistischen Communities hinsichtlich ihrer Größe und Entwicklung, ihrer beruflichen Bedingungen, Chancen, Herausforderungen und Bedürfnisse. Die Publikation ist 2024 entstanden und gibt den damaligen Stand wieder.
Herkunftsregionen der exiljournalistischen Communitys in Deutschland
Beruhend auf Angaben von Unterstützungsorganisationen und einer für die Untersuchung angefertigten Umfrage unter Exiljournalistinnen und -journalisten stammen die meisten in Deutschland lebenden exilierten Medienschaffenden vor allem aus drei Regionen: Osteuropa (Belarus, Russland, Ukraine), gefolgt von Zentral- und Westasien (Afghanistan, Aserbaidschan, Iran, Türkei) und der arabischen Region (vor allem Syrien).
Es ist anzunehmen, dass einige hundert bis zu mehr als tausend russische Journalistinnen und Journalisten im deutschen Exil leben. Experten schätzen zudem, dass seit dem Jahr 2020 zwischen 20 und 30 belarussische Medienschaffende von Deutschland aus tätig sind. Schätzungen über die Zahl der Exiljournalistinnen und -journalisten aus dem arabischen, afrikanischen, west- und zentralasiatischen Raum liegen nicht vor. Allerdings hat die Afghanistan Journalists Support Organization (AJSO) 200 Mitglieder in Deutschland. Die Gesamtzahl der in Deutschland lebenden afghanischen Exiljournalistinnen und -journalisten dürfte jedoch höher liegen.
Gemeinsame Chancen und Herausforderungen
Deutschland erfüllt eine wichtige Schutzfunktion, die große Mehrheit der Journalistinnen und Journalisten im Exil fühlen sich hier sicherer als in ihren Herkunftsländern. Diese relative Sicherheit eröffnet ihnen die Möglichkeit, ihre Arbeit fortzuführen. Die meisten von ihnen schätzen die Sicherheit, die Freiheiten und die Stabilität sowie das Potenzial für eine berufliche Neuorientierung und Wachstum.
Das Leben im Exil bringt für viele Medienschaffende aber auch erhebliche Herausforderungen mit sich. Dazu zählen die Suche nach einem festen Arbeitsplatz, finanzielle Herausforderungen, die berufliche Umstellung und Anpassung an einen neuen Rechtsrahmen, die mangelnde Anerkennung ihrer Fachkenntnisse sowie sprachliche und kulturelle Barrieren.
Hinzu treten existenzielle und psychologische Belastungen wie die langwierige Familienzusammenführung, die Suche nach angemessenem Wohnraum und der Umgang mit psychischen Problemen und Traumata.
Neben Sorgen um die persönliche Sicherheit gibt es auch Ängste vor digitaler Überwachung oder sogar direkter Repression aus dem Herkunftsland, die sogenannte transnationale Repression. Russische, belarussische und türkische Journalistinnen und Journalisten – aber nicht nur sie – sind mit massiven transnationalen Repressionen und Bedrohungen ihrer Cybersicherheit konfrontiert.
Unterschiede zwischen den exiljournalistischen Communitys
Trotz ähnlicher Herausforderungen gibt es zwischen den exiljournalistischen Communitys aber auch Unterschiede. Insbesondere befinden sich die Communitys in unterschiedlichen Phasen ihrer Entwicklung und Etablierung in Deutschland. Dementsprechend unterscheiden sich ihre Bedürfnisse und Prioritäten.
Zu den in jüngster Zeit Exilierten gehören die Communitys aus Russland, Afghanistan, Belarus und der Ukraine. Communitys, die sich noch in der Ankunftsphase befinden, stehen vor größeren Unwägbarkeiten und konzentrieren sich tendenziell mehr auf Fragen der Sicherheit und darauf, ihre gefährdeten Familien hierher zu bringen. Dies gilt insbesondere für die afghanische und die russische Community. Nach einiger Zeit in Deutschland stellen sich Fragen des Aufbaus der Community und der Bewältigung eines langfristigen Exils, wie es bei der syrischen Community der Fall ist.
Exiljournalistische Communitys erleben unterschiedliche Geschwindigkeiten und Verfahren der Aufnahme, Legalisierung und Berufstätigkeit und erhalten unterschiedliche Arten von Visa. Zu nennen sind etwa die Vergabe humanitärer Visa an russische Journalistinnen und Journalisten, die Aufenthaltsgenehmigung für ukrainische Journalistinnen und Journalisten nach § 24 des Aufenthaltsgesetzes und das (allerdings gescheiterte) BAP-Programm für afghanische Exiljournalistinnen und -journalisten. Politisches Asyl ist für Journalistinnen und Journalisten der restriktivste Weg, sich in Deutschland zu integrieren und ihre journalistische Karriere weiterzuführen. Lange Übergangs- und Wartezeiten bedeuten für viele, dass sie ihren Beruf verlassen müssen. Laut Schätzungen von Experten können lediglich 20 bis 30 Prozent ihre journalistische Tätigkeit im Aufnahmeland fortsetzen.
Ein weiterer Faktor, der sich auf die Entwicklung und den Erfolg einer Community auswirkt, ist die Höhe ihrer Finanzierung. Diese wird häufig von deutschen und europäischen geopolitischen Strategien beeinflusst sowie von den Auslandsbeziehungen und den Prioritäten der Geberinstitutionen. Die syrische Exilcommunity beispielweise erlebte einen erheblichen Rückgang internationaler Fördermittel, nachdem Geldgeber neue Förderprioritäten gesetzt hatten. Danach schrumpfte die Zahl der aktiven syrischen Exilmedien von über hundert auf heute etwa zwanzig.
Die verschiedenen exiljournalistischen Communitys unterscheiden sich hinsichtlich ihres Zusammenhalts und ihrer Koordination. Kleinere Communitys verfügen eher über starke Berufsorganisationen, die sich über Jahre hinweg entwickelt haben, und sind in der Regel besser koordiniert. Die belarussischen Journalistinnen und Journalisten beispielsweise bilden eine gut strukturierte Exil-Community. Andere sind heterogener und entlang politischer und ethnischer Linien gespalten.






