Exiljournalismus
in Deutschland

Die Broschüre „Exiljournalismus in Deutschland“ Illustration: Körber-Stiftung

Exiljournalismus in Deutschland. Ein Lagebild zu aktuellen Herausforderungen und Initiativen.

Für Menschen, die aus politischen, religiösen oder ethnischen Gründen verfolgt werden, ist die Flucht ins Exil häufig die einzige Möglichkeit, das eigene Leben in Sicherheit zu bringen. Das bedeutet Verlust von Heimat und des sozialen Umfelds, der vertrauten Sprache und der beruflichen Entfaltung. Journalistinnen und Journalisten, die in ihren Heimatländern zur Zielscheibe von Bedrohung und Gewalt geworden sind, leiden unter diesen Folgen in besonderer Weise.

Im Exil angekommen, fehlt ihnen meist der Zugang zu ihren wichtigsten Werkzeugen: Sprache, Kontakte und Netzwerke.

„Wo ich schreibe, ist die Türkei“, erklärte der in Deutschland lebende Exiljournalist Can Dündar in seiner „Rede zum Exil“ im vergangenen Oktober in Hamburg und verdeutlichte damit die außergewöhnliche Lage, in der sich viele Exiljournalisten befinden. Sie leben und arbeiten zwischen zwei Ländern und Kulturen. Häufig richten sie sich an ihre Landsleute in ihrer Heimat und versuchen dennoch, im Aufnahmeland anzukommen, ihrer Arbeit nachzugehen und neu anzufangen.

Die Zahl der Journalistinnen und Journalisten, die ihre Heimat verlassen müssen, steigt weltweit. Immer mehr Medienschaffende suchen auch in Deutschland Schutz. Die Körber-Stiftung unterstützt sie darin, Gehör zu finden, Netzwerke aufzubauen und beruflich Fuß zu fassen. Denn wenn es um den Schutz vor Verfolgung geht, hat Deutschland eine besondere historische Verantwortung. Zur Zeit des Nationalsozialismus wurden Hunderttausende Menschen entrechtet und ins Exil getrieben. Dort setzten sich viele weiterhin für Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechte ein.

Obwohl die Anzahl der geflüchteten Journalisten in Deutschland steigt, bleiben in der Debatte über ihre Situation viele Fragen offen. Unter welchen Bedingungen arbeiten Exiljournalistinnen und -journalisten hier? Welche Unterstützung erfahren sie, wo gibt es Lücken? An welchen Stellen können Stiftungen, Verlage und Medienhäuser sowie staatliche Stellen helfen?

Diese Publikation beleuchtet die aktuelle Lage des Exiljournalismus in Deutschland, benennt Herausforderungen und will Impulse für neue Initiativen geben, um die Situation von Exiljournalisten zu verbessern. Sie gibt Einblicke in die Arbeit von Exilmedien und Akteuren der Zivilgesellschaft, die geflüchtete Journalisten unterstützen, und stellt Schwierigkeiten in deren täglicher Arbeit dar.


Wir hoffen, dass wir neben unseren Konferenz- und Gesprächsformaten und der Unterstützung der Arbeit von »Amal, Hamburg!« auch durch diese Informationen den Exiljournalismus in Deutschland stärken können.

Sven Tetzlaff

Bereichsleiter Demokratie, Engagement, Zusammenhalt

Theresa Schneider

Programmleiterin Exilprojekte

Menschen mit Publikationshintergrund

Was sind Exiljournalisten
und wie viele gibt es?

Begrifflichkeiten

Deutschland ist zweifellos ein wichtiges Exilland, nicht nur für Journalisten. Verfolgte Autorinnen, Wissenschaftler, Künstlerinnen aus aller Welt finden in Deutschland Zuflucht. Denn das Grundgesetz garantiert nicht nur die Freiheit von Wort, Bild und Kunst (Artikel 5), sondern auch das Asylrecht (Artikel 16). Wie viele es sind, wissen wir aber nicht, nicht einmal ansatzweise. Denn niemand zählt sie, auch nicht die Behörden. Weder die Bundesregierung noch das Bundesamt für Migration und Flucht haben gesicherte Erkenntnisse über die Anzahl der in Deutschland lebenden Exiljournalisten.

Bei ankommenden Geflüchteten werden grundsätzlich keine Berufsbezeichnungen erhoben. Eine solche Erfassung wäre ohnehin sehr schwierig. In Deutschland ist »Journalist« als Begriff nicht geschützt. In Zeiten des Internets, wo jeder, der mit dem Netz verbunden ist, weltweit publizieren kann, hat der Begriff noch einmal an Trennschärfe verloren. Ist etwa ein Youtuber, der sich gelegentlich politisch äußert, aber niemals in der Medienbranche gearbeitet hat, ein Journalist?

Ist eine Studentin, die in ihrer Freizeit für eine Studentenzeitung schreibt, eine Journalistin? Kann man umgekehrt jemanden, der in seiner Heimat als Journalist tätig war, nach seiner Flucht aber als Busfahrer arbeitet, als Exiljournalisten bezeichnen?

Für die öffentliche Wahrnehmung spielt das durchaus eine Rolle. Die Bezeichnung »Exiljournalist« ist positiver geprägt als »Flüchtling« oder »Asylant«. Der Begriff »Exiljournalist« steht für Aufklärung und Widerstand, für den Kampf gegen politische Verfolgung, erinnert an Kurt Tucholsky, Egon Erwin Kisch oder Edward Snowden. »Viele Journalisten betonen, dass sie Journalisten sind und nicht nur Flüchtlinge«, sagt Rebecca Roth von den Neuen Deutschen Medienmachern, einem Verein, der sich um die Integration migrantischer Journalistinnen und Journalisten bemüht. Aber ist jemand, der die Türkei verlassen musste, weil er Beiträge bei Facebook geschrieben hat, ein Exiljournalist?

Jemand, auf den diese Bezeichnung zweifellos zutrifft, ist Can Dündar. In seiner Heimat Türkei war er Chefredakteur der Zeitung Cumhuriyet, wurde aus politischen Gründen inhaftiert und sogar Opfer eines Attentats. Ähnliche Schicksale haben Dutzende Kolleginnen und Kollegen aus anderen Ländern, in denen die Pressefreiheit unterdrückt wird. Auch sie müssen um Freiheit und Leib und Leben fürchten, sollten sie in ihre Heimat zurückkehren. Sie alle sind zweifellos Exiljournalisten. Das aber trifft längst nicht auf alle Journalisten zu, die Zuflucht in Deutschland suchen. In vielen Fällen ist es komplizierter. Die Gründe, warum jemand flieht, sind nur selten eindimensional. Unter den vielen Migranten, die seit 2015 nach Deutschland gekommen sind, sind auch einige Journalisten. Nicht alle von ihnen wurden in der Heimat politisch verfolgt. Sie sind gekommen, um Krieg und Not zu entfliehen. Zweifellos gute Gründe. Aber sind sie Exiljournalisten?

Der Berliner Verein »Gesicht Zeigen«, der in Berlin einen Coworking Space anbietet, nennt geflüchtete Medienleute »Menschen mit Publikationshintergrund«, um Wörter wie »Flüchtling« oder »Migrant« zu meiden, die ihren Teil zur Stigmatisierung beitragen. Ob Exiljournalist der treffendere Begriff wäre oder ob eine gewisse Unschärfe dazugehört, muss offenbleiben.

Größenordnung

Dass die Zahl der Exiljournalisten in den letzten Jahren eher gestiegen als gefallen ist, darüber sind sich alle Experten einig. Die Gründe dafür sind offensichtlich: Zum einen hat sich die Situation der Pressefreiheit weltweit insgesamt verschlechtert, wie die internationale Hilfsorganisation Reporter ohne Grenzen in ihrem aktuellen Jahresbericht feststellt. Der Mord am saudi-arabischen Exiljournalisten Jamal Khashoggi hat darauf erst kürzlich die Aufmerksamkeit gelenkt. Zum anderen sind weltweit immer mehr Menschen auf der Flucht. Ende 2018 lag ihre Zahl laut den Vereinten Nationen bei 70,8 Millionen und damit deutlich höher als in den Vorjahren.

Auf mehrere Dutzend pro Jahr schätzt Reporter ohne Grenzen die Zahl der Journalisten, die zur Flucht gezwungen werden.

Deutschland sei dabei ein Hauptzielland, sagt Jens-Uwe Thomas, bei Reporter ohne Grenzen Referent für Nothilfe und Flüchtlingsarbeit. Weltweit hat Reporter ohne Grenzen seit seiner Gründung Exiljournalisten in 650 Einzelfällen geholfen. Ähnliche Zahlen hat die New Yorker Nichtregierungsorganisation »Committee to Protect Journalists« (CPJ) erhoben. Zwischen 2010 und 2015 zählte CPJ 452 Fälle von Journalisten, die ins Exil gezwungen wurden und Unterstützung von der Organisation erhielten.

Herkunft

Auch über die Länder, aus denen die Exiljournalisten kommen, gibt es keine präzisen Statistiken. Allenfalls die Berichte von Hilfsorganisationen geben Hinweise. Demnach gehören die Türkei, der Iran und die nordafrikanischen Maghreb-Staaten zu den klassischen Herkunftsländern der Exiljournalisten in Deutschland. Warum gerade von dort? »Für türkische Journalisten ist Deutschland ein beliebtes Exilland, weil in Deutschland schon sehr viele Türken sind«, sagt der deutschtürkische Journalist Ömer Erzeren, der in der Exilszene gut vernetzt ist. »Es ist kein Problem, in Deutschland Anschluss an andere türkische Journalisten zu bekommen.«

»Türkische Journalisten fühlen sich von Deutschland angezogen, weil sie hier eine große türkische Community vorfinden«, sagt auch Jens-Uwe Thomas von Reporter ohne Grenzen. Selbst ohne Deutschkenntnisse sei es problemlos möglich, sich zurechtzufinden. Die Sprache sei ohnehin ein wichtiges Kriterium bei der Wahl eines Exillands. »Aus Lateinamerika bekommen wir relativ wenige Bewerbungen«, sagt Martina Bäurle, Geschäftsführerin der Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte, die schutzsuchenden Journalisten Stipendien anbietet. »Das liegt aber nicht daran, dass die Pressefreiheit dort geachtet wird, sondern hat einen sprachlichen Hintergrund. Kollegen aus diesen Ländern flüchten in der Regel in andere spanischsprachige Länder oder in die USA.«

Die Zahl der Exiljournalisten aus den klassischen Exilländern wird seit einigen Jahren durch Geflüchtete aus Syrien, dem Irak und Afghanistan weit übertroffen.

»Seit 2014/15 stammt fast die Hälfte unserer Hilfesuchenden aus Syrien«, sagt Thomas. Zwar befinden sich auch diese Länder auf den problematischen Plätzen der Rangliste der Pressefreiheit, zwar werden auch in diesen Ländern Journalisten verfolgt. Es ist aber davon auszugehen, dass die Bürgerkriegssituation die Hauptursache ist, die sie aus der Heimat vertreibt. So gibt es durchaus auch

unpolitische und sogar regimetreue Journalisten aus Syrien, die in Deutschland Zuflucht gesucht haben. Abgesehen von den schon erwähnten Haupteinwanderungsländern kommen verfolgte Journalisten in Deutschland aus Aserbaidschan, Usbekistan, Kuba, China, Uganda, Vietnam, Bangladesch, von den Malediven, aus Eritrea, dem Sudan und vielen anderen Ländern. Neuerdings sind auch wieder Journalistinnen und Journalisten aus europäischen Ländern im deutschen Exil: beispielsweise aus Ungarn, Polen, Mazedonien und der Ukraine.

  • Eindrücke aus der Broschüre
    Eindrücke aus der Broschüre

Anforderungen zur Verbesserung der Lage des Exiljournalismus in Deutschland

10 Impulse

  1. Fluchtgründe und Schicksale der Exiljournalisten sind sehr unterschiedlich. Manche orientieren sich weiterhin an ihrer Heimat, andere richten sich auf einen dauerhaften Aufenthalt in Deutschland ein. Deshalb muss ihr berufliches Fortkommen auf zwei Wegen gefördert werden: als Hilfe bei der Integration in den deutschen Medienmarkt und als Vorbereitung auf eine Rückkehr in die Heimat.
  2. Das größte Hindernis für eine Integration in die deutsche Gesellschaft und in die Medien ist die Sprachbarriere. Generelle Kurse für Geflüchtete sollten durch spezielle Kurse, die sich an Medienleute richten, ergänzt werden.
  3. Exilmedien haben in der Regel Schwierigkeiten, sich zu finanzieren. Eine direkte Förderung journalistischer Projekte durch den Staat aber ist problematisch hinsichtlich der journalistischen Neutralität. Eine Finanzierung kann deshalb allenfalls indirekt oder durch nichtstaatliche Organisationen erfolgen.
  4. Der Weg in normale Volontariate ist für geflüchtete Journalisten durch sprachliche und kulturelle Hemmnisse kaum möglich. Ihnen könnten spezielle Volontariate helfen, die auf die Bedürfnisse der Geflüchteten Rücksicht nehmen.
  5. Neben Volontariaten könnten Grundkurse über deutsche Medien beim Einstieg in den deutschen Journalismus hilfreich sein: Wie ist das Pressesystem aufgebaut? Wie arbeiten deutsche Redaktionen? Woher bekommt man Bildmaterial?
  6. Für die vielen in Deutschland lebenden Geflüchteten sollte es mehr muttersprachliche Medienangebote geben. Diese könnten gleichzeitig Arbeitsplätze für Exiljournalisten schaffen.
  7. Verlage und Redaktionen tun bisher wenig, um Exiljournalisten nachhaltig zu unterstützen. Sie müssten sich längerfristig engagieren, vor allem in der Ausbildung. Davon könnten auch sie profitieren, denn geflüchtete Journalisten tragen zu mehr Diversität bei, eröffnen Zugang zu ihren Netzwerken und berichten aus einer neuen Perspektive.
  8. Für geflüchtete Journalisten gibt es kaum feste Arbeitsplätze, die meisten arbeiten frei. Für sie sollte es Beratungsmöglichkeiten geben: Wie schreibt man eine Rechnung? Wie funktioniert das mit der Steuer? Beratungsstellen könnten helfen, Lebensläufe anzufertigen, Bewerbungsartikel zu übersetzen, Anträge zu schreiben.
  9. In der Literatur sind Übersetzungen gang und gäbe, im Journalismus nicht. Dabei wären Übersetzungen ein Weg für geflüchtete Journalistinnen und Journalisten, ihre Artikel auch in deutschen Medien unterzubringen. Weil die Redaktionen sich scheuen, dafür Geld auszugeben, könnten geförderte Übersetzungen von gemeinnützigen Organisationen, zum Beispiel finanziert durch einen Übersetzungsfonds, helfen.
  10. Eine Vernetzung zwischen Exiljournalisten findet bisher eher sporadisch statt. Bestehende Konferenzen und Gesprächsformate für Journalisten sollten vermehrt den fachlichen Austausch von Exilmedien ermöglichen.

Die Publikation „Exiljournalismus in Deutschland“