Grafik: Yun Kuo/Körber-Stiftung

Silicon Valley schreibt Geschichte

In der Veranstaltungsreihe „Silicon Valley schreibt Geschichte“ im März und April 2026 wird Christine Watty mit wechselnden Gästen die ideologischen Tiefenschichten des Silicon Valley untersuchen: seine Wurzeln zwischen Gegenkultur und militärisch-staatlichen Interessen, seine Verflechtung mit christlich-rechter Glaubenspolitik und techno-futuristischen Visionen des „Dark Enlightenment“.

In der Reihe „Silicon Valley schreibt Geschichte“ führt uns die Journalistin und Deutschlandfunk-Redakteurin Christine Watty, Mitentwicklerin des „Tech Bro Topia“ Podcasts, in die Tiefenschichten des Silicon Valley: von den ideologischen Anfängen und den Verbindungen zu christlich-fundamentalistischen Akteur:innen bis zu futuristischen Entwürfen, in denen Elemente älterer Theorien weiterwirken.

Gemeinsam mit dem Soziologen Oliver Nachtwey liest sie den libertären Autoritarismus aus dem Quellcode des neuen Geistes des digitalen Kapitalismus heraus. Mit der Historikerin Annika Brockschmidt verfolgt sie die Verbindungslinien zwischen Glauben und Silicon Valley, insbesondere zwischen den messianischen Heilsversprechen der Techno-Optimisten und jenen der christlichen Rechten. Und zusammen mit Paul Feigelfeld beleuchtet sie schließlich die Re-Visionen der Tech-Ideologen des Silicon Valleys, deren anvisierte Singularität nicht nur an ältere anti-egalitäre Theorien anknüpft, sondern auch die Grenzen des Biologischen – und damit der Zeit selbst – überschreiten und hinter sich lassen will.

Moderiert wird die Veranstaltungsreihe von Christine Watty. Watty  ist Journalistin in Berlin mit den Schwerpunkten Kultur, Gesellschaft und Digitales. Nach Jahren als freie Autorin und Moderatorin ist sie seit 2016 fest bei Deutschlandfunk Kultur. Dort arbeitete sie unter anderem als Redaktionsleiterin für das Digitale Audio. Heute ist sie Kulturredakteurin, Moderatorin und entwickelt und betreut digitale Formate für den Deutschlandfunk mit, wie beispielsweise „Tech Bro Topia“.

Christine Watty
Christine Watty Foto: privat

Quellcode

9 März 2026, 19 Uhr, KörberForum, Hamburg

Das Silicon Valley gilt bis heute als mythischer Ursprungsort digitaler Innovation und unternehmerischer Kreativität. Zugleich hat es sich zum ideologischen Zentrum einer neuen politischen Ökonomie verdichtet. Eines neuen Geistes des digitalen Kapitalismus, in dem Freiheitsversprechen, venture capital und autoritäre Sehnsüchte auf eigentümliche Weise ineinandergreifen.

Zum Auftakt der Reihe „Silicon Valley schreib Geschichte“ rekonstruiert Christine Watty mit dem Soziologen Oliver Nachtwey die ideengeschichtliche Genealogie der kalifornischen Ideologie: von der Gegenkultur der 1960er Jahre bis zum Schulterschluss mit den globalen Rechten.

Dabei richten Nachtwey und Watty ihren Blick auf den Quellcode des Silicon Valley: auf jene Wahlverwandtschaft aus libertären Freiheitsglauben, technologischen Entfaltungsidealismus und militärisch-industrieller Förderung. Zwischen Hippie-Kommunen, kybernetischem Denken und staatlicher Forschung entstand ein Denken, in dem Disruption, Markt und Macht untrennbar miteinander verwoben waren. Wie konnte aus der Erzählung vom rebellischen Silicon Valley eine politische Formation werden, in der technologische Freiheit und libertärer Autoritarismus kaum mehr zu unterscheiden sind?

Unser Gast Oliver Nachtwey ist Professor für Sozialstrukturanalyse an der Universität Basel. Er forscht zu Modernisierung, Arbeit und sozialen Konflikten, sowie zu Folgen der Digitalisierung. Seine Bücher „Die Abstiegsgesellschaft. Über das Aufbegehren in der regressiven Moderne“ und „Gekränkte Freiheit. Aspekte des libertären Autoritarismus“ (mit Carolin Amlinger) erhielten mehrere Auszeichnungen.

Oliver Nachtwey
Oliver Nachtwey Foto: privat

Glaube

26. März 2026, 19 Uhr, KörberForum, Hamburg

In der zweiten Veranstaltung sprechen die Historikerin und Autorin Annika Brockschmidt und Christine Watty darüber, was das Silicon Valley mit der religiösen Rechten in den USA verbindet. Auf den ersten Blick wenig – hier die Tech-Milliardäre, dort die Evangelikalen. Doch teilen sie erstaunlich ähnliche Denkweisen: libertären Messianismus, evangelikales Sendungsbewusstsein, apokalyptisches Denken. Erlösung versprechen sie durch radikale Erneuerung – ob durch Technologie, oder durch Glauben.

Autoritär-libertäre Tech-Eliten und rechte Evangelikale teilen mehr als Interessen: Sie bewegen sich in einem dualistischen Weltbild von Gut und Böse, Fortschritt und Verfall, Auserwählten und Verlorenen. Wie tief reichen diese religiösen Wurzeln in die Ideologie des Silicon Valley? Wo verschränken sich Evangelikalismus, Tech-Kapitalismus und neoliberales Denken? Und was verraten diese Verflechtungen über unsere digitale Gegenwart, die sich selbst längst als Heilsversprechen versteht?

Unser Gast Annika Brockschmidt ist Historikerin, Journalistin und Autorin. Sie schrieb u.a. für ZEIT Online, Tagesspiegel, Freitag, taz und FR; entwickelte und produzierte den „HistoPod“ der bpb und ist aktuell Co-Host der Podcasts „Feminist Shelf Control“ und „Kreuz und Flagge“. Ihr Bestseller „Amerikas Gotteskrieger“ analysiert die Religiöse Rechte in den USA.

Annika Brockschmidt
Annika Brockschmidt Foto: privat

Re-Vision

9. April 2026, 19 Uhr, KörberForum, Hamburg

Wie sieht eine Welt aus, in der die vertrauten Orientierungspunkte des Zeitlichen verschwinden, in der es womöglich weder Vergangenheit noch Gegenwart im herkömmlichen Sinn gibt?

In der dritten und letzten Veranstaltung der Reihe „Silicon Valley schreibt Geschichte“ beleuchtet Christine Watty gemeinsam mit dem Medientheoretiker Paul Feigelfeld die Vorstellungen von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des „Dark Enlightenment“, jener dunklen Aufklärung der, sich selbst als neo-reaktionär bezeichnenden, Tech-Ideologen Curtis Yarvin und Nick Land, in der die Zeit selbst neu gedacht wird.

Im Mittelpunkt steht die Beobachtung, dass viele gegenwärtige Tech-Visionen – vom Effective Altruism über seinen Gegenpol, die Effektive Beschleunigung, bis hin zu libertärem Transhumanismus und Longtermism – nicht nur Back to Hobbes wollen und an alte antiegalitäre, teils faschistoide Denkfiguren wie die Eugenik anknüpfen. Sie sehnen sich zudem nach einer Singularität, die die Grenzen des Biologischen und Evolutionären sprengt. Krankheit, Sterblichkeit, ja der Mensch selbst sollen überwunden werden. Welche Zukunftsentwürfe entstehen aus dieser Sehnsucht, und welche Welt erträumten sich ihre Vordenker?

Unser Gast Paul Feigelfeld ist Kultur- und Medienwissenschaftler und erforscht transkulturelle Wissens- und Mediengeschichten sowie kritische Perspektiven auf Technologie, Kunst und Design. Er lehrte in Basel und Wien, ist Gastprofessor an der HU Berlin und Professor für Digitalität und kulturelle Vermittlung am Mozarteum Salzburg. 2019 kuratierte er die Vienna Biennale „Uncanny Values“.

Paul Feigelfeld
Paul Feigelfeld Foto: privat