Foto: Claudia Höhne

“Every monument will fall” – Was erzählen gestürzte Denkmäler?

Trümmer einer Hindenburg-Statue im Fundament einer Thüringer Datsche, Denkmäler von Südstaatengenerälen niedergerissen von Black-Lives-Matter-Aktivist:innen: Wie umgehen mit den steinernen Gästen der Vergangenheit in unserer Gegenwart? In seiner Lecture Performance „Steinerne Gäste“ im Lichtwark Theater des KörberHauses untersuchte der Theatermacher Oliver Zahn den Umgang mit gestürzten Denkmälern. Im anschließenden Bühnengespräch diskutierten der Künstler Michael Batz und Dan Thy Nguyen, Leiter des fluctoplasma-Festivals, gemeinsam mit uns über die Besonderheiten und Herausforderungen von Denkmal- und Erinnerungskultur.

Denkmäler und Erinnerung als umkämpfte Praxis

Nach seinen jüngsten Auseinandersetzungen mit Erinnerungskulturen und Formen des Vergessens dokumentierte Theatermacher und Performer Oliver Zahn nun die Art und Weise, wie mit den Aufladungen, Repräsentationsformen und Ikonen politischer Systeme umgegangen wird. “Steinerne Gäste” untersucht das untote Nachleben verbannter und verschwundener Statuen.

Die Lecture-Performance widmete sich den Auswirkungen des Entfernens von öffentlichen Denkmälern und den damit einhergehenden gesellschaftlichen Verschiebungen: Was passiert, wenn sich der erste Staub gelegt hat, wenn Protestierende, Gegenprotestierende und Medien abgezogen sind und sich mit ihnen der Zeitgeist verändert hat? Von hier aus entspann sich ein diskursiver Totentanz zwischen geheimen Industriehallen, abgelegenen Friedhöfen, vergessenen Schlachtfeldern und dunklen Wäldern. Oliver Zahn betrachtete, wie gestürzte Statuen die stürzenden Gesellschaften weiter heimsuchen und warf ein Licht auf aktuelle Umgangsformen mit dem Spuk der Vergangenheit. Dies zeigte sich etwa an der verspäteten Anerkennung des Völkermords an den Herero und Nama.

  • Fotos: Körber-Stiftung/Claudia Höhne

Im Gespräch diskutierten Michael Batz und Dan Thy Nguyen aktuelle Fragen des Umgangs mit Denkmälern in Hamburg und Perspektiven einer offeneren, postmigrantischen Erinnerungskultur. Deutlich wurde: Denkmäler sind keine neutralen Objekte, sondern Produkte von Macht, Zuschreibung und Aushandlung. Während Hamburg den Abriss eigener historischer Bausubstanz kaum scheut, tut sich die Stadt mit der Kritik an kolonialen Heroisierungen schwer. Aktivistischer Ikonoklasmus staatlich gesetzter Denkmäler wird dabei häufig skandalisiert, während der staatliche Abriss ehemals aktivistisch angeeigneter Denkmäler oft als legitim gilt.

Dem setzten Michael Batz und Dan Thy Nguyen eine multiperspektivische Erinnerungskultur entgegen, die Erinnerung als lebendige soziale Praxis versteht: konfliktfähig, vielfältig und getragen von Menschen. Denkmäler werden so zu dynamischen sozialen Skulpturen. Dazu gehört auch, den Opfern rechten Terrors Raum zu geben – etwa in Rostock-Lichtenhagen oder der Keupstraße in Köln –, wo solidarische Gemeinschaften gemeinsam mit Hinterbliebenen gegen das Vergessen und für eine offene Gesellschaft eintreten.