INVESTIGATIVE ARTS

Der dreitägige Fokus INVESTIGATIVE ARTS zeigte zur Eröffnung der Spielzeit auf Kampnagel, wie sich das Potenzial forschender Kunst als politisches Instrument reflektieren und aktiv nutzen lässt. Im Zentrum des gemeinsam kuratierten Programms standen Ästhetiken, die künstlerische Methoden (wie bildende Kunst, Design, Performance) mit investigativen Techniken (z. B. Journalismus, Forensik, Datenanalyse) verbinden, um Machtstrukturen und Ungerechtigkeiten sichtbar zu machen.

Die Saison 2025/2026 von Kampnagel unter dem Motto Legenden der Avantgarde wird geprägt sein von einem Rückblick auf die reiche Geschichte progressiver Kunst und Performance und feiert die tiefen Verbindungen zwischen politischem Aktivismus und künstlerischer Forschung. In Zeiten, in denen der provokative Charakter von Kunst von rechten politischen Akteuren gekapert wurde und die Kultur des Prankings zu Instrumenten rassistischer, antifeministischer und ultranationalistischer Mobilisierung im Netz geworden sind, müssen wir uns fragen, ob Kunst wieder zurück zur sachlichen Kritik innerhalb bestehender Diskurse kehren sollte. Stehen Investigative Arts für einen Bruch mit bloßen Aufmerksamkeitsstrategien innerhalb der Kunst? Und schafft Investigative Arts Instrumente, um angemessen auf eine Welt zu reagieren, die mit Fake News überschwemmt wird?

Digitale Kunst lotet Grenzen aus, wenn es darum geht, Geschichtsschreibung, erinnerungkulturelle Praktiken und die in unserem politischen Bewusstsein verankerten Narrative neu zu interpretieren. Investigative und intervenierende Praktiken bilden heute das Rückgrat künstlerischer Bestrebungen, deren Ziel es ist, unser Verständnis der Welt neu kalibrieren. Mit Blick auf die subversive Kraft verschiedener Kunstformen wenden wir uns Künstler:innen zu, die mithilfe von neuen Technologien zeigen, dass Kunst ein Mittel zur gesellschaftlichen Transformation sein kann – und dass insbesondere investigative multimediale Praktiken als Interventionen und pointierte Kommentare zu sozialen und technologischen Herausforderungen fungieren können.

Unser thematischer Schwerpunkt ist in einer langwen Geschichte verortet: Es war die Neoavantgarde der Nachkriegszeit – mit Persönlichkeiten wie Hans Haacke –, die Aktivismus und Kunst zusammenbrachte. Haackes forschungsbasierte Werke, die so prägnant waren, dass sie zensiert wurden, zeigten, wie nüchterne Untersuchungen systemische Ungerechtigkeiten sichtbar machen können. 1971 deckte sein Werk Shapolsky et al. korrupte Praktiken im Wohnungswesen in New York auf, wobei er sich auf offizielle Register und eine schnörkellose Präsentation stützte, die die Betrachter zwang, sich mit unangenehmen Wahrheiten auseinanderzusetzen.

Heute findet investigative Kunst große Resonanz in einer Welt, in der Krisen zu einem Dauerzustand geworden sind – eine Krise, die Antonio Gramsci als „organische Krise“ bezeichnet, da sie den Weg für fortwährende Kämpfe um Hegemonie ebnet. Seit ihrem Aufkommen im Dialog mit Menschenrechtsdiskursen der späten 1980er Jahre und insbesondere seit der Gründung von Forensic Architecture am Goldsmiths College im Jahr 2010 hat sich investigative Kunst als Subgenre etabliert. An der Schnittstelle von Kunst, Journalismus und Aktivismus haben Künstler:innen Methoden der Recherche, Dokumentation und Beweissammlung übernommen, um verborgene Strukturen von Macht, Ausbeutung und Gewalt aufzudecken. Archive werden durchforstet, Daten gesammelt, Prozesse verfolgt, Netzwerke analysiert und ästhetische Form verschmilzt mit journalistischer Genauigkeit. Das Ergebnis sind Kunstwerke, die nicht nur Fragen aufwerfen, sondern auch Fakten aufdecken, Missstände aufzeigen und Kunst als eigenständige diskursive Kraft positionieren.

Programm

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Trailer Thematic Focus INVESTIGATIVE ARTS Opening of the Season Kampnagel 2025/2026 Quelle: YouTube/eCommemoration

Heba Y. Amin: Future Ways of Seeing

Keynote, 25. September 2025, 19:00 – 20:00 Uhr, Kampnagel, P1

Heba Y. Amin beschäftigt sich in ihrer künstlerischen Arbeit mit politischen Themen und Archivgeschichte. Sie arbeitet mit verschiedenen Medien wie Film, Fotografie, Archivmaterial und Installationen. In ihren forschungsbasierten Kunstprojekten verfolgt sie einen spekulativen, oft satirischen Ansatz, um Macht in Bezug auf Technologie und deren Rolle in der visuellen Darstellung zu thematisieren. Durch ihre kritische Praxis nutzt Amin subversive Taktiken und andere Techniken, die sowohl dominante historische Narrative hinterfragen als auch versuchen, zukünftige Geschichten zu definieren.

In ihrem Vortrag zum Themenfokus Investigative Arts untersuchte Amin, wie der digitale Kolonialismus Erinnerungsregime prägt, die die rückwirkende Konstruktion von Beweisen ermöglichen. Angesichts der Fragilität und Manipulierbarkeit historischer Materialien – insbesondere in digitaler Form – hinterfragte sie, wessen Narrative geschaffen und bewahrt werden, wenn Networks der Sichtbarkeit dominante Machtstrukturen verstärken.

Heba Y. Amin ist Professorin für digitale und zeitbasierte Kunst an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart, Mitbegründerin des Black Athena Collective, Kuratorin für visuelle Kunst der Zeitschrift MIZNA und sitzt derzeit im Redaktionsbeirat des Journal of Digital War. Sie wurde 2025 mit dem Hans-Molfenter Preis/Stadt Stuttgart ausgezeichnet.

Art as Counter-Archive: Documenting Violence in the Era of Post-Truth Politics

Ausstellung, 25. – 27. September, Kampnagel, K4

Zeitgenössische Kunstpraxis nutzt, kritisiert, und reinterpretiert unsere Archive der Gegenwart. Immer öfter werden Künstler:innen selbst zu Archivar:innen und schaffen mit ihren Werken Gegenarchive. Die Ausstellung gab Künstler:innen Raum, die ihre Arbeiten als Beitrag zur Dokumentation, Untersuchung und Sammlung von Erinnerungen an und materiellen Zeugnissen von Gewalt und Trauma sehen. Die ausgestellten Werke verorteten Erinnerungen im Rahmen eines von Machtverhältnissen geprägten zeitbasierten Wissens und veranschaulichen, wie Kulturtechniken wie Sound, Architektur, Fotografie und Bildhauerei zu Speichern und Stimmen eines Gedenkens an und Sprechens gegen vergangenes Unrecht werden.

Mit:

Forensic Architecture (FA) und Forensis nutzen Techniken der Raumanalyse und digitalen Modellierung, um staatliche und unternehmerische Gewalt, Umweltzerstörung und koloniale Hinterlassenschaften zu untersuchen. In Zusammenarbeit mit den indigenen Ovaherero- und Nama-Gruppen haben die beiden Agenturen eine mehrjährige Untersuchung des Völkermords durchgeführt, der von deutschen Kolonialtruppen in Namibia in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts verübt wurde. Ihre laufenden Forschungen, die diese gewalttätige Geschichte mit aktuellen Fällen staatlicher Gewalt in Deutschland und Palästina in Verbindung bringen, wurden in einer Reihe von Filmen, einer Installation und einer Podiumsdiskussion präsentiert.

Qusay Awad ist ein in Berlin lebender Architekt und Multimedia-Künstler, der an der Schnittstelle von räumlicher und archivarischer Forschung sowie audiovisueller Praxis arbeitet. In ortsspezifischen Installationen setzt sich Awads künstlerische Praxis mit Themen wie Gewalt und Erinnerung auseinander. Durch das Konstruieren von Gegen-Erinnerungen untersucht er, wie Räume durch ihre Neunarration als Zeug*innen historischer Ereignisse wirken können. Zu seinen künstlerischen Methoden zählen 3D- und Sounddesign, Video, Feldaufnahmen, Performance und Skulptur. Seine Arbeiten wurden unter anderem bei SAVVY Contemporary, dem Maxim Gorki Theater, dem CTM Festival und im B7L9 Art Centre präsentiert.

Pierre Larauza, Mitbegründer der in Belgien ansässigen zeitgenössischen Tanzkompanie t.r.a.n.s.i.t.s.c.a.p.e, ist ein multidisziplinärer Künstler, der an individuellen und kollektiven Projekten arbeitet, die weltweit in den Bereichen darstellende Kunst, bildende Kunst und Architektur aufgeführt oder ausgestellt werden. Seine Installationen und Skulpturen sind tief in der Realität verwurzelt, er bezeichnet sie als „dokumentarische Skulptur”.

Das Medienkunst- und Forschungskollektiv Total View wurde 2024 von dem Künstlertrio Ferdinand Doblhammer, Ulrich Formann und der Futile Corporation gegründet, um neue digitale Methoden zur Untersuchung von staatlicher Repression und kultureller Zwangsassimilation zu entwickeln. Das Kollektiv fungiert als interdisziplinäre Drehscheibe für den Austausch zwischen Künstlern, Journalisten und Forschern. Total View arbeitet mit Institutionen wie der Universität Wien und der Universität für angewandte Kunst Wien zusammen.

Lighthouse Reports ist ein unabhängiges, gemeinnütziges Investigativ-Medienkollektiv mit Sitz in Europa. Die Organisation arbeitet grenzüberschreitend und kollaborativ mit führenden internationalen Medienhäusern zusammen, um Geschichten ans Licht zu bringen, die oft im Verborgenen bleiben. Thematische Schwerpunkte sind unter anderem Migration, Klima, Korruption, Desinformation, Finanzströme und Überwachungstechnologien.Interdisziplinär arbeitend, verbindet Lighthouse Reports klassische journalistische Recherchemethoden mit Datenjournalismus, Open-Source-Intelligence, forensischen Analysen und visuellen Beweismitteln.

  • Forensic Architecture
    Forensic Architecture Bild: Forensic Architecture
  • Total View
    Total View Foto: Total View
  • Qusay Awad
    Qusay Awad Foto: Yara Ktaish
  • Pierre Larauza
    Pierre Larauza Foto: privat
  • Lighthouse Reports
    Lighthouse Reports Bild: Lighthouse Reports
Forensic Architecture - Hornkranz Massacre
Forensic Architecture - Hornkranz Massacre Bild: Forensic Architecture

German Colonial Genocide in Namibia

Restituting Evidence & Swakopmund; Shark Island; The Hornkranz Massacre & The Environmental Continuum of Genocide in Namibia

Filmvorführungen, 25. – 27. September, Kampnagel, P1

Zwischen 1904 und 1908 verübte Deutschland in seiner Kolonie „Südwestafrika” (dem heutigen Namibia) einen Völkermord an den Herero, Mbanderu und Nama. An drei Tagen des Fokus Investigative Arts zeigten wir in einzelnen Filmvorführungen die Reihe German Colonial Genocide in Namibia der Forschungskollektive Forensic Architecture/Forensis, die mit Völkermordaktivist:innen aus Nachfahren-Gemeinschaften zusammen gearbeitet haben, um Archivfotos und mündliche Zeugenaussagen in 3D-Modellen der Orte, an denen diese Gräueltaten verübt wurden, zusammenzuführen. Ihre Ergebnisse sind der Beginn einer Sammlung digitaler Beweise, die zur Unterstützung von Forderungen nach Landrückgabe und Wiedergutmachung herangezogen werden können.

Mit Einführungen von Agata Nguyen Chuong (FA) und Mark Mushiba (Forensis).

Investigative Arts: Methods, Research, Approaches

Paneldiskussion, 26. September, 20:15 – 21:45 Uhr, Kampnagel, P1

Kann Kunst zur Aufklärung politischer Gewalt beitragen? Diese Frage stellten sich Agata Nguyen Chuong (Advanced Researcher, Forensic Architecture), Jean Peters (Investigativjournalist bei Correctiv und Mitbegründer des Peng! Kollektivs) und Dr. Lisa Stuckey (Kunst- und Kulturwissenschafterin an der Universität für angewandte Kunst Wien) mit dem Journalisten Mohamed Amjahid. Wie können (digitale) Bilder, räumliche Daten, Open-Source-Recherche und visuelle Strategien genutzt werden, um komplexe Gewalttaten, staatliche Vertuschungen oder Menschenrechtsverletzungen zu untersuchen und öffentlich zugänglich zu machen? Und wie entstehen künstlerische Formate, die nicht illustrieren, sondern intervenieren?

Mit:

Agata Nguyen Chuong leitet die Forschung von FA zum Völkermord an den Ovaherero und Nama im heutigen Namibia. Ihre Forschung konzentriert sich auf Umwelt- und Kolonialgewalt und die Aufdeckung ihrer bleibenden Spuren. Agata interessiert sich für die Entwicklung räumlicher und visueller Methoden zur Rekonstruktion historischer Umgebungen zur Unterstützung indigener Landansprüche und Interessenvertretung. Sie kam 2021 zu FA, nachdem sie einen Master in Architektur am Royal College of Art abgeschlossen hatte.

Jean Peters ist ein deutscher Journalist, Autor und Aktionskünstler. Er wurde vor allem als Gründungsmitglied des Peng Kollektivs und durch seine Arbeit bei Correctiv bekannt, vor allem die von ihm geleitete Recherche zum Treffen von Rechtsextremisten in Potsdam 2023. Peters gewann Preise sowohl für politisches Engagement, im Theaterbereich als auch im Journalismus, u. a. den Aachener Friedenspreis, den Carlo Schmidt Preis, den Dramatikerpreis und den Leuchtturm-Preis für investigativen Journalismus.

Dr. Lisa Stuckey ist Forscherin im Bereich Kunst- und Kulturwissenschaften. Ihre Interessengebiete umfassen zeitgenössische visuelle Kulturen, forensische und investigative Kunstpraktiken, bewegte Bilder und Kuratorium, Medienästhetik sowie kritische/kulturelle Rechtswissenschaften. Ihre aktuelle Forschung befasst sich mit dem Phänomen der Tribunalisierung. Stuckey arbeitet als leitende Wissenschaftlerin am Institut für Kunst und Gesellschaft der Universität für angewandte Kunst Wien.

Mohamed Amjahid wurde als Sohn sogenannter Gastarbeiter:innen 1988 in Frankfurt am Main geboren, die Schule besuchte er bis zum Abitur in Marokko. In Berlin und Kairo studierte er Politikwissenschaften und forschte an verschiedenen anthropologischen Projekten in Nordafrika. Er recherchiert und schreibt als freier, investigativer Journalist unter anderem für den Spiegel, die Süddeutsche Zeitung, die taz, den RBB, den SWR und den WDR. In seinem Sachbuchdebüt Unter Weißen (2017) und dem Bestseller Der weiße Fleck (2021) setzt er sich mit Rassismus auseinander. In seinem investigativen Sachbuch Alles nur Einzelfälle? (2024) geht es um Das System hinter der Polizeigewalt.

Ästhetik der Enthüllung

Lecture Performance, 27. September 2025, 19:00 – 20:00 Uhr, Kampnagel, P1

Was als Kunst gilt, ist keine neutrale Festlegung, sondern ein Machtinstrument – eine Grenze, die bestimmt, was gesehen werden darf und wie es gesehen werden soll. Mit dem IBIZA-Video verschieben wir diese Grenze: zwischen Realität und Inszenierung, Enthüllung und Manipulation, Kunst und politischer Intervention. Die Lecture Performance inszenierte sich wie eine Live-TV-Show: 3–5 Kandidat:innen aus dem Publikum traten gegeneinander an, bewerteten brisante Szenarien, spielten sie nach und testeten gemeinsam, wie sich Grenzen verschieben lassen.

Wer bestimmt, ob ein Akt der Aufdeckung als künstlerische Praxis oder als krimineller Übergriff gelesen wird? Wer entscheidet, ob eine Intervention dem Gemeinwohl dient oder persönlichen Interessen? Und wer kontrolliert die diskursive Infrastruktur, auf deren Grundlage solche Schuldvermutungen ausgesprochen und Urteile gefällt werden? Der institutionalisierte Kunstbegriff operiert hier als Grenzregime – scheinbar objektiv, tatsächlich aber kontaminiert von ideologischen Interessen, ökonomischen Abhängigkeiten und narrativer Steuerung.

Der Tod ist ein Meister aus Deutschland.

Die Politik ist ein Künstler aus Österreich.

Die Kunst ist ein Skandal aus Ibiza.

Ubermorgen verstehen diese Arbeit als radikal-universalistische Intervention, die nicht im symbolischen Raum verharrt, sondern reale Machtstrukturen infiltriert, destabilisiert und offenlegt. Für sie ist diese Einordnung keine Nebensache, sondern ein strategischer Zugriff.

Im Jahre 1995 formierten sich zwei Rebellen zur Gemeinschaft UBERMORGEN.COM: lizvlx (Liz Katlein) und Luzius Bernhard (früher bekannt als Hans Bernhard), ein Duo, das Netzknoten und die analoge Welt zum Schauplatz revolutionärer Kunst macht. Ihre Wurzeln liegen in der avantgardistischen Net.Art-Bewegung, geprägt von Media Hacking, das Alltägliches entgrenzt und Aufmerksamkeit schafft – subversiv, provokant, nie erwartbar.