2. Preis Sektion Geistes- und Kulturwissenschaften 2021

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Tobias Vogel durchdenkt etablierte Ansätze in der Wachstumsdebatte neu und zeigt einen gangbaren Weg zur Transformation der globalen Ökonomie auf.

Die Forschung

Neue Spielräume in der polarisierten Wachstumsdebatte

Text: Dorthe March

In der Diskussion um das Wirtschaftswachstum stehen sich Kritiker und Befürworter mit Fundamentalpositionen scheinbar unvereinbar gegenüber. Hier setzt Vogel mit seiner „Grundlegung einer Kritischen Theorie des Wirtschaftswachstums” an. Ihm geht es darum, Spielräume für die Debatte aufzumachen und zu zeigen, dass man den Wachstumsansatz nicht komplett verwerfen muss, um die globale sozialökonomische Entwicklung und den ökologischen Schutz zu verbessern. „Ein stärker ökologisch eingerahmter Welthandel, verschiedene Formen zivilgesellschaftlicher Selbstorganisation sowie suffiziente Strategien bei besonders emissionsintensivem Konsum – das bedeutet, dass Menschen ihren Lebensstil verändern”, beschreibt Vogel einen denkbaren Ansatz.

In seiner Arbeit macht er deutlich, dass technologischer Fortschritt zu dauerhaftem Wachstum befähigt und es teils auch erzwingt, um ökonomische Stabilität zu bewahren. Besonders problematisch werden Wachstumszwänge aber dann, wenn sie sich auf keine gleichrangige Wachstumsquelle stützen. Dann gerät das Wirtschaftssystem unter Druck und verliert an Gestaltungsfähigkeit, weil es zunehmend dem eigenen Wachstumserfordernis hinterherhinkt. Ein solcher Wachstumszwang „ergibt sich aus einer steigenden Einkommensungleichheit, die einen Prozess spiegelbildlicher Vermögens- und Schuldenakkumulation entfacht, welche die Wirtschaft insgesamt mit steigenden Gewinnansprüchen belastet, die nur durch Wachstum dauerhaft bedienbar sind”, erläutert Vogel.

Vor diesem Hintergrund lotet Vogels Arbeit die Möglichkeiten einer Wachstumstransformation aus. Diese verspricht, vorherrschende Wachstumsprobleme effektiv zu beheben, ohne dadurch etablierte Errungenschaften zu gefährden. Im Zentrum aller Überlegungen stehen die Probleme des Wachstums sowie der Anspruch, diese Probleme eindeutig als Konsequenzen des Wachstums auszuweisen. Das klassifiziert Vogels Dissertation als Kritische Theorie, die nach allgemeinen Voraussetzungen fragt, unter denen Gesellschaftskritik Überzeugungskraft entfalten kann.

„Eine Wachstumstransformation verspricht, vorherrschende Wachstumsprobleme effektiv zu beheben, ohne dadurch etablierte Errungenschaften zu gefährden.“

Tobias Vogel

Da sich insbesondere die Klimakrise in den kommenden Jahren weiter verschärfen wird, leistet die Grundlegung einen wichtigen Beitrag zur Diskussion der Frage: Wie wollen – und können – wir künftig leben? Vogel sieht in der von ihm beschriebenen Wachstumstransformation die Chance, „ihre politische Anschlussfähigkeit zu einem Zeitpunkt zu stärken, an dem die Umsetzung ihrer Forderungen mindestens aufgrund der rapide fortlaufenden Erderwärmung allem voran mit zeitlicher Dringlichkeit geboten ist.“

Der Preisträger

Tobias Vogel

Tobias Vogel ist seit 2013 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Praktische Philosophie an der Universität Witten/Herdecke. Gleichzeitig promovierte er am Lehrstuhl für Angewandte Ethik an der Ruhr-Universität Bochum. Zuvor studierte Vogel Philosophie und Geschichte an der Ruhr-Universität Bochum.

Beitragstitel:
Grundlegung einer Kritischen Theorie des Wirtschaftswachstums

Tobias Vogel: tobias.vogel@rub.de

Promotion an der Ruhr-Universität Bochum,
Fakultät für Philosophie und Erziehungswissenschaft

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Wettbewerbsbeitrag
Deutscher Studienpreis 2021

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