Gemaltes Stadtlabor © Claudia Höhne

Stadtlabor 2020/2021

Es sind die Kommunen und dort die Verwaltungen, die den demografischen Wandel gestalten. Sie stellen die Weichen dafür, dass auch in einer alternden Gesellschaft alle gut leben und lokal eingebunden sind. Für kommunale Demografieverantwortliche bietet die Körber-Stiftung ihr Stadtlabor demografische Zukunftschancen.

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Stadtlabor demografische Zukunftschancen (Trailer 2021)

Modul 1 – Impulse und kollegiale Beratung im Stadtlabor

Die Teilnehmenden sind aus dem ganzen Bundesgebiet ins KörberForum nach Hamburg gekommen, von Landau in der Pfalz bis Halle an der Saale. Dabei ist auch Bürgermeister Martin Schmedtje aus Brunsbüttel in Schleswig-Holstein. Er erhofft sich Inspiration und Vernetzung, um in seiner Stadt die knappen Ressourcen sinnvoll für mehr Altersfreundlichkeit einzusetzen. Laura Iking leitet das Bauamt in der Stadt Bentheim in Niedersachsen und geht mit Offenheit und Lernbereitschaft ins Stadtlabor, denn „nur dann kann man auch zuhause etwas bewegen“. Wie die Infrastruktur einer altersfreundlichen Stadt aussehen muss oder wie man Bürger in einen Strategieprozess einbindet, das sind Fragen, die andere Teilnehmende mitgebracht haben. „Wie können wir die Chancen der Digitalisierung nutzen, um der Einsamkeit älterer Bürger vorzubeugen?“, stellt Stefanie Schäfer aus dem Seniorenbüro der hessischen Stadt Taunusstein zur Diskussion.

Antworten und Anstöße bekommen alle im Stadtlabor demografische Zukunftschancen der Körber-Stiftung, das am 6. November zum zweiten Mal gestartet ist. Zum Beispiel mit einem Crashkurs Demografie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung oder der Einführung in die Methode der kollegialen Beratung durch die Akademie für Ehrenamtlichkeit. Vor allem aber ist das Stadtlabor ein geschützter Raum für das gemeinsame Erarbeiten demografiefester Lösungen. Noch weitere zwei Mal werden sich die Stadtlaborteilnehmer:innen 2020 treffen, um Impulse aus der Wissenschaft und kommunalen Praxis zu bekommen – und um ihre eigenen Expertise miteinander zu teilen.

Modul 2 – Strategie: Pioniere des Wandels

Ort: Ostfildern, Baden-Württemberg


In einer alternden Gesellschaft sind Strukturen, Netzwerke und Projektentwicklungen für gutes und gesundes Älterwerden vor Ort gefragt. Ostfildern zeigt vielfältige Möglichkeiten der Umsetzung. Aus diesem Grund trafen sich am 18. und 19. Oktober 2021 die Teilnehmenden des Stadtlabor demografische Zukunftschancen in Ostfildern bei Stuttgart.

Der strategische Angang

Am ersten Tag lernten Stadtlaborant:innen den strategischen Angang sowie das Herzstück der integrierten Altenhilfeplanung in Ostfildern kennen – ein Konzept der Quartiersentwicklung für „Gutes Älterwerden“ basierend auf Bedarfsberechnungen zur stationären Pflege sowie Prognoserechnungen, wie sich die Altersstruktur in Ostfildern bis 2030 entwickeln wird. Das Ziel: Möglichst wenige der prognostizierten Pflegeplätze zu realisieren. Die zentralen Prämissen der Quartiersarbeit in Ostfildern heißen daher: so quartiersnah, so ambulant und so gut vernetzt wie möglich.

Die Umsetzung in den Stadtteilen

Ostfildern überzeugt mit unterschiedlichen Quartiersprojekten: So wurden kreative Beteiligungsformate erprobt und Ergebnisse in Bürgerkonzeptionen festgehalten. Die Beispiele der Angebote reichen von niedrigschwelligen Sportangeboten für Ältere, wie das 2011 entstandenen Projekt „Bewegung und Spaß“ bis hin zu Bürgertreffpunkten. Ein Best-Practice Beispiel ist das Nachbarschaftshaus im Scharnhauser Park. Es ist ein Lebens- und Wohnort für Menschen mit Demenz bzw. Unterstützungsbedarf und ein Ort der Begegnung. Es vereint einen Bürgertreff, eine stationäre Pflegeeinrichtung, eine Tagespflege, eine ambulant betreute Wohngemeinschaft und ein Offenes Atelier. Das Offene Atelier ist ein Modellprojekt der Erich und Liselotte Gradmannstiftung – ein kreativer Ort für Menschen mit und ohne Demenz und ermöglicht Begegnungen jenseits von kognitiven Voraussetzungen.

Die Gelingensfaktoren

Doch was sind die Gelingensbedingungen dafür, dass „Gutes Älterwerden“ in Ostfildern in so vielen Facetten realisiert werden konnte? Die verantwortlichen Vertreter:innen aus der Verwaltung nennen einige Kriterien: Wichtig sei, das Thema Alter – das Politik wie Bürger:innen gern verdrängen – auf die Agenda zu setzen: Die strategische Verankerung, z.B. als Integrierter Stadtentwicklungsplan, ist dabei ebenso wichtig wie der Gang in die Öffentlichkeit. Eine breite lokale Kampagne zum Thema Demenz hat in Ostfildern den Weg geebnet, später so innovative Wohn- und Betreuungsprojekte zu etablieren. Die Teilnehmenden des Stadtlabors hat außerdem überzeugt, dass in Ostfildern von Anfang an Bürger:innen Mitgestaltende aller Entwicklungsschritte zur altersfreundlichen Stadt waren: Befragungen, runde Tische, Denkwerkstätten, Versammlungen haben einen großen Anteil daran, dass die Identifikation und vor allem das Engagement der Bevölkerung für das gute Älterwerden in Ostfildern so außerordentlich hoch sind.

Das Engagement ist hier auch besonders langfristig – viele bürgerschaftlich Engagierte begleiten Projekte wie Sportangebote für Ältere im öffentlichen Raum oder die Kreativprojekte für Menschen mit Demenz im Offenen Atelier schon seit vielen Jahr. Beständigkeit und Kontinuität spielen ebenso im Rathaus eine große Rolle. Dass mit Christof Bolay schon der zweite langjährige Oberbürgermeister nachdrücklich hinter den Alterskonzepten steht, hilft sehr dabei, Politik, Verwaltung, Bürger:innen und auch Projektförderer wie die Erich und Liselotte Gradmann Stiftung zu überzeugen. Ein „ausdifferenziertes Netzwerk“ genau dieser Akteur:innen sieht Stadtlabor-Teilnehmer Berthold Becker, Demografiebeauftragter der Stadt Düren, als Voraussetzung für die Etablierung so vieler passgenauer Angebote für ältere Menschen in Ostfildern.

Das Stadtlabor demografische Zukunftschancen

Das Treffen in Ostfildern war das dritte Treffen der Werkstattreihe und konnte, nach einem erfolgreichen digitalen Stadtlabor in Pirmasens, unter Einhaltung der Coronaregelungen nun wieder analog nachgeholt werden. Die Teilnehmenden resümieren aus den insgesamt drei Treffen: der offene Austausch in einem kollegialen Netzwerk sei ein Mehrwert für die kommunale Arbeit. „Wir sind zuhause ja alle Einzelkämpfer“, spitzt Alfred Riermeier, Leiter des Familienreferats der Stadt Kaufbeuren ironisch zu. Konkrete Ideen für das eigene seniorpolitische Gesamtkonzept nimmt Margit Lebershausen als Demografiebeauftragte nach Bayreuth mit. Und Ute Hildebrandt, Bauamtsleiterin in Hille hat Impulse für Alters-Wohnprojekte ebenso wie die stärkere Nutzung von Außengeländen bekommen.

  • Teilnehmende des Stadtlabors in Ostfildern
    Teilnehmende des Stadtlabors in Ostfildern Foto: Jürgen Bubeck

Modul 3 – Transfer: Unsere Stadt im Wandel

Die Teilnehmenden des Stadtlabors demografische Zukunftschancen blicken nach Pirmasens. Mithilfe einer digitalen Quartierserkundung und einem Kommunikationsworkshop entwickeln die Stadtlaborant:innen ein Leitbild für die Stadt: „Alle zusammen anders werden“.

Die Potenziale der Stadt im Strukturwandel stehen dabei im Mittelpunkt.

Infolge der Globalisierung und dem damit verbundenen Niedergang der Schuhindustrie und der Aufgabe des benachbarten amerikanischen Armee-Stützpunkts verließ in den 1970er bis 1990er Jahren rund ein Drittel der Bevölkerung Pirmasens. Heute hat die Stadt den höchsten Altersdurchschnitt in Rheinland-Pfalz. Knapp ein Drittel der Bevölkerung ist über 60 Jahre alt, und die Bewohnerinnen und Bewohner sterben im Vergleich zum Rest Deutschlands acht Jahre früher. Eine hohe Arbeitslosenquote und der hohe Anteil an Kindern, die in einkommensschwachen Familien aufwachsen, prägen das Bild der Stadt. Nirgends in der Bundesrepublik ist die Pro-Kopf-Verschuldung höher.

Doch Pirmasens geht bereits neue Wege und befindet sich in einer Aufbruchsstimmung. Dies sei ebenso positiv, wie die hohe Solidarität der Menschen zu ihrer Stadt, so der Oberbürgermeister Markus Zwick in seiner Begrüßung der Stadtlaborat:innen.

Dennoch verstärkt die oft einseitige Berichterstattung über Pirmasens das Bild einer problembehafteten Stadt. Damit ein positiveres Bild der Stadt wahrgenommen wird, beschäftigten sich die Teilnehmenden des Stadtlabor demografische Zukunftschancen mit der Frage, wie sich die problemorientierte Wahrnehmung der Stadt in der Öffentlichkeit positiv umdeuten lässt.

Die kommunalen Vertreter:innen aus dem Stadtlabor blickten während des zweitägigen Workshops auf die ganz konkreten Projekte und sozialen Institutionen in Pirmasens. Auch wenn die Teilnehmenden nicht vor Ort zusammenkamen, so wurde auf eine Quartierserkundung nicht verzichtet. Mit einem neuartigen digitalen Format konnten die Teilnehmenden die Akteur:innen vor Ort begleiten und ihnen live Fragen stellen. Besichtigt wurde das Winzler Viertel im Westen der Stadt. Das dortige generationenübergreifende Wohnprojekt PS:patio!, der Patio-Platz sowie das Quartiersbüro Winzler Viertel. Rede und Antwort standen Ralf Stegner von der Bauhilfe Pirmasens, dem städtischen Wohnungsunternehmen, und Norbert Becker vom DiakonieZentrum. Bauhilfe und DiakonieZentrum sind die Träger des Wohnviertels PS:patio! – einem generationenübergreifenden Wohnprojekt, in dessen Mittelpunkt eine aktive Nachbarschaft steht. Das Quartiersbüro bekannt unter dem Namen „P11“ ist die Anlaufstelle für alle Bürger:innen des Winzler Viertels. Kathrin Kölsch und Cornelia Schwarz sind die beiden Quartiersmanagerinnen vor Ort und stärken gemeinsam ein nachbarschaftliches Mit- und Füreinander sowie die Eigeninitiative von Bürgerinnen und Bürgern. Die digitale Quartierserkundung endete schließlich mit einem Gespräch zwischen Sabine Kober vom „Bündnis für Senioren: PS Netzwerk 60 plus“ und Jonathan Petzold von der Körber-Stiftung. Das 2019 gegründete Netzwerk aus Haupt- und Ehrenamtlichen hat das Ziel, die soziale Teilhabe von älteren Menschen zu sichern und ihrer Vereinsamung vorzubeugen.

Weiter ging das Stadtlabor demografische Zukunftschancen mit einem Kommunikationsworkshop mit dem Kommunikationsbüro Kombüse Hamburg. Die Teilnehmenden erarbeiteten exemplarisch ein Leitbild für Pirmasens: „Alle zusammen anders werden“ steht für die Aufbruchsstimmung innerhalb der Stadt, die hohe Solidarität sowie Verbundenheit der Pirmasenser, begründete Kathrin Kölsch.

  • Oberbürgermeister Markus Zwick und Jonathan Petzold
    Oberbürgermeister Markus Zwick und Jonathan Petzold
  • Kathrin Kölsch und Filmteam 3Komma3
    Kathrin Kölsch und Filmteam 3Komma3