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Zwischen Bildschirmzeit und Medienkompetenz: Wie Eltern ihre Kinder in der digitalen Welt begleiten
Die Elternumfrage 2026 rückt die Medienkompetenz von Eltern in den Mittelpunkt: Wie gut schätzen sie ihre eigenen digitalen Fähigkeiten und die ihrer Kinder ein? Wie vertraut sind sie mit deren Internetaktivitäten und wie stehen sie zu möglichen Verboten? Zudem standen auch Fragen zu Medienerziehung und Unterstützungsbedarfen der Eltern im Fokus. Ergänzend ging es erneut um die Belastungssituation der Eltern und ihre Einschätzung zur beruflichen Zukunft ihrer Kinder.
Im Rahmen der repräsentativen Umfrage wurden im Zeitraum vom 12. bis 27. März 2026 insgesamt 1.004 deutschsprachige Eltern von schulpflichtigen Kindern zwischen 12 und 18 Jahren in Deutschland befragt.
Medienkompetenzen der Eltern – und wie sie die ihrer Kinder einschätzen
Mediennutzung der Eltern
Nahezu alle befragten Eltern nutzen täglich oder mehrmals pro Woche Messenger-Dienste (94 %) und Suchmaschinen (91 %) für private Zwecke. Bei der Nutzung von sozialen Medien zeigt sich ein geteiltes Bild: Eltern nutzen diese entweder sehr häufig (täglich: 42 %) oder, wie ein Viertel (24 %) angibt, nie. KI-Anwendungen werden privat von einem noch größeren Teil seltener bis nie genutzt (42 %).
Die Nutzung bestimmter Medienanwendungen variiert mit dem Bildungshintergrund der befragten Eltern: KI-Anwendungen werden häufiger von Eltern mit Abitur oder Studium genutzt (täglich / mehrmals pro Woche: 47 %) als von Eltern mit Haupt- oder Realschulabschluss (täglich / mehrmals pro Woche: 34 %). Das gleiche Bild ergibt sich bei Nachrichtenportalen oder Nachrichten-Apps (Abitur/Studium: 73 %, Haupt/Realschulschluss: 60 %).

Unsicherheiten bei KI-Anwendungen
Ein sicheres Gefühl haben Eltern bei der Nutzung von Suchmaschinen, Messenger-Diensten und Nachrichtenportalen oder Nachrichten-Apps. Pro Anwendung stuft sich rund die Hälft e als „sehr sicher“ ein. Im Umgang mit sozialen Medien und KI-Anwendungen ist die Unsicherheit hingegen am größten (eher unsicher / sehr unsicher: 21 % bzw. 28 %). Eltern mit höherem Bildungsabschluss fühlen sich bei der Nutzung von KI-Anwendungen sicherer (73 %) als Eltern mit Haupt- oder Realschulabschluss (64 %). Zudem geben Väter (71 %) häufiger als Mütter (66 %) an, KI-Tools sicher anwenden zu können.

Bildschirmzeit ist abhängig vom Alter – bei Eltern und Kindern
Während der Großteil der jüngeren Eltern bis 39 Jahre mindestens zwei Stunden pro Tag am eigenen Smartphone verbringt (59 %), nutzt die Mehrheit der Eltern ab 50 Jahren laut eigener Aussage das eigene Smartphone weniger als zwei Stunden am Tag für private Zwecke (60 %).
Laut ihren Eltern verbringen 36 Prozent der 12- bis 18-Jährigen täglich mindestens drei Stunden oder mehr vor dem eigenen Smartphone. Bei den 15- bis 18-Jährigen sind es hingegen bereits 54 Prozent, die aus Sicht ihrer Eltern das Handy drei Stunden oder länger am Tag nutzen. Vier Prozent aller befragten Eltern geben an, dass ihr Kind kein eigenes Smartphone besitzt.

Vergleich mit der JIM-Studie 2025 (Jugend, Information, Medien)
Vergleicht man die vorliegenden Ergebnisse mit der JIM-Studie 2025, in der Kinder und Jugendliche selbst nach ihrer Bildschirmzeit gefragt wurden, ist davon auszugehen, dass die Eltern die Smartphone-Nutzung ihrer Kinder unterschätzen: 80 Prozent der befragten 12- bis 19-Jährigen gaben in der JIM-Studie an, durchschnittlich knapp vier Stunden täglich am Smartphone zu verbringen.[1] In beiden Studien zeigen sich zudem Defizite bei der Selbstregulierung der Bildschirmzeit. Nach der hier vorliegenden Studie gelingt es nur 61 Prozent der Eltern nach eigener Einschätzung (eher) gut, ihre Bildschirmzeit bewusst zu regulieren; bei ihren Kindern sehen sie das nur bei 36 Prozent gegeben (s. Seiten 8 & 9). Das deckt sich mit der JIM-Studie 2025, in der 68 Prozent der 12- bis 19-Jährigen angaben, häufig länger am Handy zu sein als geplant.[2] Die JIM-Studie erscheint seit 1998 jährlich als repräsentative Befragung von rund 1.200 12- bis 19-jährigen Jugendlichen.
Was Eltern über die Online-Aktivitäten ihrer Kinder wissen
Rund zwei Drittel der befragten Eltern (63 %) fühlen sich alles in allem gut darüber informiert, was ihre Kinder in ihrer Freizeit im Internet machen. Gleichzeitig gibt rund ein Drittel der Befragten (35 %) an, sich eher schlecht bis sehr schlecht informiert zu fühlen.
Dieses Gefühl verstärkt sich mit zunehmendem Alter der Kinder: Während sich nur 28 Prozent der Eltern von 12- bis 14-Jährigen schlecht informiert darüber fühlen, was ihre Kinder im Internet machen, sind es bei den Eltern von 17- bis 18-Jährigen 50 Prozent, denen Informationen über die Internetaktivitäten ihrer Kinder fehlen.

Eltern fühlen sich kompetent im Umgang mit Medien
Die deutliche Mehrheit der befragten Eltern (92 %) gibt an, dass es ihnen sehr bzw. eher gut gelingt, alltägliche Aufgabe online zu erledigen und sich digital mit Freunden und Verwandten auszutauschen. Eine bemerkenswert große Anzahl der befragten Eltern (90 %) schätzt sich zudem (sehr) gut darin ein, zu
verstehen, wie Medieninhalte die Gesellschaft beeinflussen können. Eher schlecht oder sehr schlecht schätzen die Eltern ihre Fähigkeiten am ehesten bei der bewussten Regulation der eigenen Bildschirmzeit (37 %) und der Meldung von Falschinformationen, Betrug oder Missbrauch im Internet (34 %) ein.
Eltern mit höherem Bildungsabschluss schätzen ihre Kompetenzen beim Schutz vor Online-Betrug und Gefahren (sehr / eher gut: 85 %) und bei der Erkennung von Falschinformationen (sehr / eher gut: 81 %) höher ein als Eltern mit Haupt- oder Realschulabschluss (jeweils 71 %).

Eltern bewerten die Medienkompetenz ihrer Kinder sehr unterschiedlich
Fast alle befragten Eltern (91 %) geben an, dass ihre Kinder (sehr) gut in der Lage sind, sich mithilfe von digitalen Endgeräten und Anwendungen mit Freunden und anderen Familienmitgliedern auszutauschen und das Internet oder digitale Anwendungen sinnvoll in Alltag und Schule nutzen zu können (sehr / eher gut: 80 %).
Geteilter Meinung sind die Eltern, wenn es um potenzielle Gefahren im Internet geht. 45 Prozent geben an, ihre Kinder könnten sich (sehr) gut gegen Online-Betrug schützen, 42 Prozent hingegen sehen hier geringere Kompetenzen bei ihren Kindern. Ein ähnliches Bild zeigt sich bei der Unterscheidung zwischen Falschinformationen und zuverlässigen Informationen: 43 Prozent der befragten Eltern schätzen, dass ihren Kindern dies gut gelingt, während 49 Prozent dies anzweifeln.
Was die bewusste Regulierung der Bildschirmzeit der Kinder angeht, zeigt sich wieder ein etwas deutlicheres Bild: Die Mehrheit der Eltern (63 %) schätzt diese Fähigkeit als eher oder sehr schlecht ein.

Auch keine Aussage ist eine Aussage:
Über die gesamte oben dargestellte Frage hinweg fallen die hohen „Weiß nicht“-Werte auf, was für eine erhöhte Unsicherheit bei der Beantwortung der Frage spricht. Vermutlich fällt es Eltern gar nicht so leicht, ihre eigenen sowie die Medienkompetenzen ihrer Kinder ohne Weiteres einzuschätzen.
Medienerziehung und elterliche Begleitung – zwischen Vertrauen und Kontrolle
Wie Eltern die Auswirkungen digitaler Medien einschätzen
Was positive und negative Effekte der Mediennutzung ihrer Kinder angeht, sehen die befragten Eltern insbesondere im Hinblick auf die realen Kontakte und Freundschaften ihrer Kinder eher einen positiven (31 %) als negativen (24 %) Effekt. Deutlich negativer schätzen Mütter und Väter die Auswirkungen von digitalen Medien auf die emotionale oder psychische Lage ihrer Kinder ein (positiv: 13 %, negativ: 33 %).
Eltern von Jungen sorgen sich eher als Eltern von Mädchen, dass sich die Nutzung digitaler Medien negativ auf die schulischen Leistungen (33 % bzw. 25 %) und Hobbys (32 % bzw. 26 %) des Kindes auswirken könnte. Hingegen befürchten die Eltern von Mädchen häufiger negative Auswirkungen auf die emotionale oder psychische Lage (36 % bzw. 30 %).

Neutrale Einschätzung der Auswirkungen:
Obwohl sich in der Elternumfrage 2025 der Medienkonsum der Kinder als größte Sorge der Eltern herausgestellt hat, sieht heute ein bemerkenswert hoher Anteil der befragten Eltern – jeweils nahezu die Hälfte – in der Nutzung digitaler Medien und Online-Angebote weder positive noch negative Auswirkungen auf ihre Kinder. So glaubt jeder zweite Elternteil (51 %), dass die Mediennutzung keinen nennenswerten Einfluss auf die emotionale oder psychische Lage ihres Kindes hat. Und auch bei den weiteren Antwortmöglichkeiten liegt der Anteil der Eltern, die mit weder/noch geantwortet haben, bei jeweils über 40 Prozent.
Was Kinder im Netz erleben
Knapp die Hälfte der befragten Eltern (46 %) gibt an, dass ihr Kind im Internet bereits beleidigende Kommentare über Freunde oder Bekannte wahrgenommen hat. Fast ebenso viele (42 %) berichten, dass ihr Kind im Internet Inhalte für echt gehalten hat, die sich später als falsch oder KI-generiert herausgestellt haben.
Jeweils rund ein Drittel der befragten Mütter und Väter hat Kenntnis davon, dass ihr Kind im Internet mit extremen politischen Ansichten (35 %) oder Verschwörungstheorien (32 %) konfrontiert wurde. Jeder vierte Elternteil (26 %) gibt an, dass das eigene Kind im Internet pornografische oder deutlich sexualisierte Inhalte gesehen hat.

Wissen Eltern wirklich, was ihre Kinder im Internet sehen?
Ein Vergleich mit den Ergebnissen der JIM-Studie 2025[3] deutet an, dass Eltern unzureichend darüber informiert sind, was ihren Kindern im Internet begegnet. So haben 67 Prozent der befragten 12-bis 19-Jährigen dort angegeben, im vergangenen Monat Fake News im Internet wahrgenommen zu haben, und fast ebenso viele (64 %) gaben an, beleidigenden Kommentaren ausgesetzt gewesen zu sein. 59 Prozent der Befragten wurden mit extremen politischen Ansichten konfrontiert und etwas weniger als die Hälfte (46 %) mit Verschwörungstheorien. Bei der Konfrontation von Kindern mit pornografischen Inhalten im Internet liegt die Einschätzung der Eltern mit der der befragten 12-bis 19-Jährigen gleichauf (28 %).
Wie Eltern auf die Mediennutzung ihrer Kinder Einfluss nehmen
Die überwiegende Mehrheit der Eltern (80 %) gibt an, dass es in ihrer Familie klare Regeln zur Mediennutzung gibt, die für alle Familienmitglieder gelten, beispielsweise ein Handy-Verbot beim gemeinsamen Essen. Ein Großteil nimmt zudem anderweitig Einfluss auf die Mediennutzung des eigenen Kindes: Die Hälfte (51 %) gibt an, dass es klare Regeln gibt, welche Internetseiten, Apps, sozialen Netzwerke und Online-Spiele ihr Kind nutzen darf und welche nicht.
Etwas mehr als ein Drittel der Eltern (37 %) entscheidet gemeinsam mit den Kindern, was diese im Internet nutzen und ausprobieren dürfen. Während 71 Prozent der Eltern für ihre 12- bis 14-jährigen Kinder Regeln zur Nutzung bestimmter Internetseiten, Apps, sozialen Netzwerke und Online-Spiele aufstellen, tut dies nur noch rund jeder dritte Elternteil (34 %) von 15- bis 16-Jährigen und nur noch 16 Prozent der Eltern von 17- bis 18-Jährigen.

Wie gut Eltern ihre Kinder unterstützen können
Laut eigener Aussage können die befragten Eltern ihr Kind am besten bei der Suche nach Informationen im Internet unterstützen (sehr / eher gut: 95 %). Auch bei der Entscheidung, welche persönlichen Daten das Kind online teilen darf, gibt die deutliche Mehrheit (89 %) an, ihr Kind dabei (sehr) gut unterstützen zu können.
Deutlich weniger gut können Väter und Mütter bei der Nutzung von KI-Anwendungen unterstützen (eher / sehr schlecht: 28 %). Auch bei der Auswahl eines angemessenen Online-Spieles für ihr Kind fühlt sich knapp ein Drittel der Eltern (27 %) nur schlecht in der Lage, zu helfen.
Eltern mit höherem Bildungsabschluss können besser bei der Nutzung von KI-Anwendungen unterstützen (72 %) als Eltern mit niedrigerem Bildungsabschluss (64 %).

Wo Eltern sich Unterstützung wünschen
Die Unsicherheit mit KI-Anwendungen zeigt sich auch bei den Unterstützungsbedarfen: Am häufigsten wollen Eltern mehr darüber erfahren, wie sie Falschinformationen von zuverlässigen Informationen unterscheiden und KI-generierte Bilder bzw. Videos erkennen können (65 %). Über die Hälfte (55 %) möchte besser verstehen, wie KI-Anwendungen funktionieren und wie sie sinnvoll genutzt werden können.
Hingegen gibt rund ein Drittel (32 %) an, dass es für sie nicht relevant ist, mehr über neue Social-Media-Plattformen und aktuelle Trends zu lernen.

Fehlender Zugang zu Unterstützungsangeboten
Die Mehrheit der befragten Eltern (57 %) weiß nicht, wo sie Informationen bekommt, um ihr Kind bei der Nutzung digitaler Medien besser unterstützen zu können. Eltern mit Abitur oder Studium wissen deutlich häufiger, wo sie Hilfe erhalten können (51 %), als Eltern mit Mittlerem oder Hauptschulabschluss (37 %).
Geteilte Meinung in der Verbotsdebatte
Über die Hälfte der befragten Eltern (58 %) befürwortet ein generelles Handy-Verbot an Schulen. Fast ebenso viele (57 %) sprechen sich dafür aus, die Social-Media-Nutzung für Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren zu verbieten.
Ein generelles Handy-Verbot für Kinder bis 14 Jahre findet hingegen lediglich bei einem Viertel der Eltern (25 %) Zustimmung. Dabei befürworten Mütter ein solches Verbot häufiger (31 %) als Väter (20 %).

Social-Media-Verbot bis 16 Jahre auch unter Jugendlichen mehrheitsfähig
Im Rahmen des ifo Bildungsbarometers 2025[4] wurden über 1.000 Personen zwischen 14 und 17 Jahren unter anderem zu ihrer Haltung zu einem Social-Media-Verbot bis 16 Jahre befragt. Von den 14- bis 15-Jährigen sprachen sich 39 Prozent eher bzw. sehr für ein solches Verbot aus. Bei den 16- bis 17-Jährigen tat dies mit 55 Prozent sogar die Mehrheit der Befragten.
Medien und die berufliche Zukunft der Kinder – was Eltern wichtig ist
Was braucht es für die Zukunft – und wen sehen die Eltern in der Verantwortung?
Am wichtigsten für die berufliche Zukunft ihrer Kinder schätzt die Mehrheit der Eltern das Erkennen von Falschinformationen (sehr wichtig: 66 %) und das souveräne Lösen digitaler Routineaufgaben (sehr wichtig: 60 %) ein. Kompetenzen im Umgang mit KI-Anwendungen werden hingegen nur von etwas mehr als der Hälfte der Eltern (52 %) als sehr wichtige berufliche Zukunftskompetenz angesehen.

Die Vermittlung von Grundkenntnissen im Programmieren ist aus Sicht der befragten Eltern klar Aufgabe der Schule bzw. der Lehrkräfte (72 %). Die Vermittlung, wie digitale Routineaufgaben gelöst werden, wird ebenfalls überwiegend der Schule zugeschrieben (49 %).
Bei der Förderung von Kompetenzen im Umgang mit KI-Anwendungen und der Vermittlung, woran Falschinformationen erkannt werden können, sieht die Mehrheit der Befragten Schule und Eltern gleichermaßen in der Verantwortung (52 % bzw. 60 %).

Blick auf die berufliche Zukunft wird pessimistischer
Mit 76 Prozent sieht die überwiegende Mehrheit der befragten Eltern die berufliche Zukunft ihrer Kinder alles in allem weiterhin positiv. Dagegen ist rund ein Fünftel der Eltern (21 %) weniger optimistisch und blickt eher negativ auf die berufliche Zukunft des eigenen Kindes. Im Vergleich zu den Vorjahren fällt die Einschätzung damit deutlich negativer aus.
Je besser die schulischen Leistungen der Kinder, desto positiver ist der Blick der Eltern auf die berufliche Zukunft: Bei sehr guten Leistungen gibt die überwiegende Mehrheit der Eltern (87 %) an, positiv in die Zukunft zu blicken, bei schlechten schulischen Leistungen sind es hingegen nur knapp zwei Drittel (63 %).

Interview: „Kinder gehen bei Problemen nicht zu ihren Eltern“
Im Internet begegnen Kindern schon früh verstörende Inhalte – und nur die wenigsten Eltern wissen davon. Digitaltrainer Daniel Wolff spricht über die Realität, die er an Schulen erlebt, und warum die wenigsten Kinder mit ihren Eltern darüber reden, was ihnen im Netz wirklich widerfährt.

„Die meisten Kinder gehen bei Problemen nicht zu ihren Eltern, weil sie Angst haben vor der Strafe des digitalen Zeitalters schlechthin: Handy weg!“
Daniel Wolff
Digitaltrainer, IT-Journalist, Dozent LMU München & SPIEGEL-Bestseller-Autor
Daniel Wolff steht seit 2017 als Digitaltrainer an Hunderten von Schulen in Deutschland im intensiven Austausch mit Schülerinnen und Schülern, Lehrkräften und Eltern. Als langjähriger IT-Journalist und Dozent an der LMU München hat er sich eine umfassende Expertise in Medienbildung und Digitalisierung aufgebaut. Er ist außerdem Autor des SPIEGEL-Bestsellers „Allein mit dem Handy“.
Die große Mehrheit der 12- bis 18-Jährigen nutzt ein Smartphone, Internetzugang über andere Geräte haben sie oft sogar schon früher. Wie viel weiß die Forschung darüber, wie Kinder und Jugendliche heute Medien nutzen?
Sogar in den Grundschulen haben viele Kinder heute schon Smartphones. Die Forschung hängt hier aus meiner Sicht aber um Jahre hinterher – vor allem in einem sehr entscheidenden Punkt: Was machen Kinder und Jugendliche eigentlich heimlich mit den Geräten? Was passiert nachts, wenn die Kinder ein Smartphone oder ein Tablet mit ins Bett schmuggeln, den Ton und die Bildschirmhelligkeit runterdrehen und dann bis morgens um vier im Internet sind – obwohl am nächsten Tag Schule ist? Das ist Realität in sehr vielen Haushalten – viele Eltern bekommen davon nichts mit. Ich höre in meinen Workshops immer wieder: Die Kinder wissen, sie haben das aufregendste Gerät der Welt in der Hand, verbergen vor ihren Eltern, dass sie es haben – und nutzen es flächendeckend heimlich nachts. Da sehe ich bis jetzt eine große Forschungslücke.
In unserer Umfrage bestätigen etwa 35 Prozent der Eltern, dass sie eher schlecht darüber informiert sind, was ihre Kinder im Internet machen. Rund zwei Drittel meinen im Umkehrschluss also, dass sie das gut oder sehr gut wissen. Ihr Eindruck ist ein anderer?
Meine Erfahrung ist, dass sich nur etwa zehn Prozent der Eltern wirklich proaktiv und in der gebotenen Tiefe damit auseinandersetzen, was ihre Kinder wirklich online machen. Die meisten denken: „Ich vertraue meinem Kind, mein Kind vertraut mir – und wenn es ein Problem hat, kommt es zu mir.“ Und eventuell auch: „Weil es nicht zu mir gekommen ist, hat es kein Problem!“ Aber die Kinder wissen, dass ihre Eltern selbst keine Smartphones hatten in ihrer Kindheit – und deshalb gar nicht wissen, was Kinder im Internet erleben. Sie wissen zum Beispiel, dass ihre Eltern wichtige Funktionen der großen Apps überhaupt nicht kennen. Ein Beispiel: WhatsApp. Die meisten Eltern kennen und nutzen es als Messenger und denken, sie kennen sich gut aus. Viele Kinder und so gut wie alle Jugendlichen wissen: WhatsApp bietet mit „Meta AI“ inzwischen auch eine künstliche Intelligenz, die so gut geworden ist, dass sie alle Hausaufgaben bis hoch zur Universität lösen kann. Und: Wer WhatsApp hat, hat über die „Kanäle“ auch Zugriff auf Millionen YouTube-Videos, wo das Zeitlimit der Eltern für die YouTube-App nicht greift. Durch die Kanäle wird WhatsApp auch zu einer Social-Media-Plattform; das wissen die allermeisten Eltern auch nicht.
Sie sind als Digitaltrainer viel an Schulen und bekommen dort einen unmittelbaren Eindruck von der Mediennutzung der Kinder. Warum sprechen so viele Kinder nicht mit ihren Eltern über das, was ihnen dort begegnet?
Die meisten Kinder gehen bei Problemen nicht zu ihren Eltern, weil sie Angst haben vor der Strafe des digitalen Zeitalters schlechthin: Handy weg! Deshalb hält die Jugend fast geschlossen dicht – während viele Eltern glauben, alles sei okay. Wenn ich mit Kindern darüber spreche, ob sie schon mal etwas Komisches, Grausames oder Ekliges erlebt haben im Netz, meldet sich schon die Mehrheit der Grundschülerinnen und -schüler. Es gibt so gut wie keinen Jugendlichen, der nicht schon mal extreme Gewalt angezeigt bekommen hat – und Pornografie natürlich auch. Und wenn ich dann frage: „Warum habt ihr das euren Eltern nicht gesagt?“, kommt immer dieselbe Antwort: „Aus Angst vor einem Handy-Verbot.“ Die Kinder wissen, dass ihre eigenen Eltern in diesem Sinne die gefährlichsten Ansprechpersonen der Welt sind, weil sie die Einzigen sind, die ihnen das Smartphone auf Dauer wieder abnehmen dürfen.
Wie gehen Sie selbst als Vater damit um? Wie kann man Kinder ermutigen, zu Hause mehr darüber zu sprechen, was Sie im Internet sehen?
Ich muss alles dafür tun, dass meine Kinder mir alles erzählen wollen. Und das tun sie nur, wenn sie genau wissen, dass sie eben nicht bestraft werden. Deshalb sollte man – am besten schon bei der Handy-Übergabe – klarmachen: „Hey, ich gebe dir ein Smartphone, und du sollst eine Sache von vornherein wissen: Du kannst immer mit allem auf der Welt zu mir kommen. Ich nehme dir das Smartphone nicht weg!“ Und das muss man seinem Kind so sagen, dass das Kind es glaubt – und sich natürlich auch daran halten: Kinder brauchen Hilfe, keine Strafen!
Wie kann man Kinder besser vorbereiten auf diese Erlebnisse und Erfahrungen im Internet? Und wen sehen Sie da in der Verantwortung?
Wir haben eine gesellschaftliche Verantwortung, der wir momentan leider nicht gerecht werden. Wir lassen Kinder oft zu früh unbegleitet und unvorbereitet ins Internet. Wir müssen unsere Kinder viel besser vorbereiten – und uns selbst als Eltern auch! Informierte Eltern geben ihren Kids erst später ein Smartphone. Außerdem müssen wir verstehen, dass Medienerziehung heute der wichtigste Teil der Erziehung geworden ist, wenn wir unsere Kinder fit machen wollen für eine Zukunft voller künstlicher Intelligenz. Deshalb sollten wir drei Dinge tun. Erstens brauchen wir unbedingt eine verpflichtende Medienbildung für alle Kinder ab der ersten Klasse. Zweitens brauchen wir begleitend dazu auch mehr Medienerziehung für Eltern, Lehrkräfte und politische Entscheidungsträgerinnen und -träger. Und drittens, auch wenn es vielleicht etwas verrückt klingt: Wir sollten Eltern schon in der Schwangerschaftsberatung helfen zu verstehen, was Bildschirme heute bei Babys und Kleinkindern anrichten können.
Was sind die Folgen von exzessivem Handy-Konsum bei Kindern?
Die häufigste Folge ist Sucht. Die Kinder können nicht mehr aufhören – und die Erwachsenen übrigens auch nicht. Vor allem Kurzvideo-Formate und Spiele machen Kinder und Jugendliche süchtig. Wir haben Nutzungszeiten von teilweise 70 Stunden pro Woche! Manche Kids verpassen ihr halbes Leben. Sie machen dann viele andere Sachen nicht mehr, die aber für ihre Entwicklung wichtig wären – zum Beispiel mit anderen Menschen reden lernen, Konflikte moderieren, Risiken einschätzen etc. Die neue „OTTER“-Studie 2026 der DAK zeigt ganz offiziell: Es gibt in Deutschland Hunderttausende nach klinischer Definition süchtige Kinder – und Millionen mit gefährdeter Nutzung. Das wiederum bedeutet, wir haben hier ein gesellschaftliches Problem von einem Ausmaß, das so groß ist, dass wir sofort tätig werden müssen.
Wie sehen Sie vor diesem Hintergrund die Debatte um Handy-Verbote an Schulen?
Handy-Verbote an Schulen sind in meinen Augen für Kinder bis einschließlich der neunten Klasse absolut überfällig. Und ein „Verbot“ soll hier nicht definiert sein als Bitte, das Smartphone nur stumm- oder auszuschalten. Wir brauchen stattdessen Schließfächer oder Handy-Kisten, denn die Geräte dürfen nicht im Klassenzimmer sein: Ein einziges Smartphone, das vibriert, bringt 30 Kinder sofort aus dem Takt. Die Schule muss ein Schutzraum vor der ständigen Medienüberflutung werden. Ich sage damit ausdrücklich nicht, dass wir keine digitalen Medien in den Schulen haben sollen – aber der Einsatz muss immer begleitet stattfinden. Die Erfahrungen an allen mir bekannten Schulen, die ein „absolutes“ Smartphone-Verbot eingeführt haben, sind durchweg positiv: Keine Schule will zurück. Sie berichten, mehr oder weniger geschlossen, dass die Kinder wieder mehr miteinander reden. Und die Kinder sagen selbst: „Wir lachen mehr.“ Da muss man aus meiner Sicht eigentlich gar nicht mehr weiter diskutieren.
Wie blicken Sie denn in die Zukunft der Kinder?
Ich glaube schon, dass wir in der Gesellschaft so langsam beginnen, den Hilferuf der Kinder und Jugendlichen wahrzunehmen. Es gibt mehr und mehr Eltern, die inzwischen etwas länger warten mit der Übergabe des ersten Smartphones. Viele Eltern engagieren sich auch dafür – etwa in den WhatsApp-Gruppen der Eltern-Initiative „Smarter Start ab 14“. Ich denke aber grundsätzlich, dass der Weg zu einer gesunden Mediennutzung auch über die Mediennutzung von uns Eltern führt: Das heißt, wir müssen uns selbst besser mit unserer eigenen Mediennutzung auseinandersetzen, damit unsere Kinder später eine Chance haben. Eltern, die zum Beispiel nicht wollen, dass ihre Kinder ein Smartphone im Bett haben, dürfen also auch selbst kein Smartphone mit ins Bett nehmen. Ich sehe das Erwachen gegenüber den Gefahren im Internet als große Chance für unsere Gesellschaft.





