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Alltag, Erziehung, globale Krisen. Wie stark stehen Eltern unter Druck?

Die Elternumfrage 2025 konzentriert sich auf den Druck, unter dem Eltern stehen. Eltern wurden zu ihrer Belastungssituation und den Gründen für ihre größten Sorgen befragt. Auch Unterstützungsstrukturen für sich selbst und die Kinder standen im Fokus. Welche Unterstützung leisten Eltern selbst, wo sehen sie Schule in der Pflicht? Und wo bestehen Lücken im System? Zusätzlich wurden erneut Fragen aus dem Vorjahr aufgegriffen um zu erfahren, wie Eltern die Vermittlungskompetenz der Schule oder die berufliche Zukunft ihrer Kinder einschätzen.

Im Rahmen der repräsentativen Umfrage wurden im Zeitraum vom 8. bis 17. April 2025 insgesamt 1.006 Eltern von Kindern zwischen 12 und 18 Jahren in Deutschland befragt.

Eltern im Fokus 2025

Was Eltern belastet

Belastete Eltern, belastete Kinder

79 Prozent der Eltern fühlen sich in ihrem Alltag unter Druck: 28 Prozent stark, 51 Prozent etwas.

Betrachtet man das Geschlecht der Eltern, stufen sich jede dritte Mutter und jeder vierte Vater als stark belastet ein (33 % bzw. 24 %). Wenig oder keine Belastung geben nur 20 Prozent der befragten Eltern an. Interessant ist dabei: Wie sehr Eltern sich unter Druck fühlen, hat offenbar nichts mit dem Alter ihrer Kinder zu tun – das Stresslevel bleibt mit deren Älterwerden nahezu gleich.

Wenn Sie einmal an die verschiedenen Aufgaben und Pflichten in Ihrem Alltag denken,  wie belastet fühlen Sie sich da zurzeit?
Wenn Sie einmal an die verschiedenen Aufgaben und Pflichten in Ihrem Alltag denken, wie belastet fühlen Sie sich da zurzeit?

Auch bei ihren Kindern beobachten Eltern eine große Belastung: Über 70 Prozent der Eltern sprechen von belasteten Kindern, knapp jedes fünfte Elternteil sogar von einem starken Druck, unter dem das eigene Kind steht. Die Ergebnisse zeigen, dass die von den Eltern registrierte Belastung mit dem Alter der Kinder steigt: unter den Eltern von 12- bis 16-Jährigen gehen 16 Prozent von einer sehr hohen Belastung aus, bei Eltern von 17- bis 18-Jährigen sind es 29 Prozent. Und auch bei dem Geschlecht gibt es Unterschiede: Eltern halten ihre Töchter etwas häufiger für sehr oder etwas belastet als ihre Söhne (75% bzw. 69%).

Wie sehr ist Ihr Kind zurzeit belastet?
Wie sehr ist Ihr Kind zurzeit belastet?

Elterlicher Stress wirkt sich aus: 37 Prozent stark belasteter Eltern nehmen auch ihre Kinder als stark belastet wahr.

Alltag bis globale Themen: die Sorgen der Eltern

Für 54 Prozent stellt die globale Sicherheitslage die größte Sorge dar, gefolgt vor zu wenig Zeit für sich selbst (51%) und die Paarbeziehung (37%). Gut jeden dritten Elternteil bedrücken finanzielle Sorgen (36 %). Angst vor den Folgen des Klimawandels hat ein knappes Viertel der belasteten Eltern (23 %).

Welche der folgenden Dinge stellen für Sie die größten Belastungen im Alltag dar?  (Mehrfachnennung möglich)
Welche der folgenden Dinge stellen für Sie die größten Belastungen im Alltag dar? (Mehrfachnennung möglich)

(Eigene) Erwartungen setzen Kinder unter Druck

Leistungsdruck in der Schule sehen 57 Prozent der Eltern als größte Belastung ihrer Kinder. Als weiteren Belastungsfaktor machen viele Eltern hohe Ansprüche ihrer Kinder an sich selbst aus – und zwar bei jedem zweiten Mädchen (49 %) und jedem vierten Jungen (26 %). Gymnasiastinnen und Gymnasiasten fordern aus Sicht ihrer Eltern deutlich mehr von sich selbst (45 %) als Schülerinnen und Schüler anderer Schulformen (25 %).

Ein Viertel der Eltern glaubt, dass Influencerinnen und Influencer sowie soziale Medien ihre Kinder unter Druck setzen. Daneben nennen Eltern die Sorge vor einer unsicheren Zukunft (Weltpolitik 21 %, Klimawandel 11 %) oder die Schwierigkeiten, Freundschaften zu schließen und zu pflegen (21 %). Die Eltern älterer Jugendlicher (insbesondere ab 17 Jahren) berichten häufiger, dass die Sicherheitslage (33 %) und der Klimawandel (22 %) ihre Kinder bedrücken.

Welche der folgenden Dinge stellen für Ihre Kinder die größten Belastungen im Alltag dar? (Mehrfachnennung möglich)
Welche der folgenden Dinge stellen für Ihre Kinder die größten Belastungen im Alltag dar? (Mehrfachnennung möglich)

Medienkonsum bereitet Sorge

Der Medienkonsum der eigenen Kinder lässt jedes zweite Elternteil besorgt zurück und bereitet mit Abstand die größten Sorgen (50%). 54 Prozent der Väter und 46 Prozent der Mütter sorgen sich – bei Jungen noch stärker als bei Mädchen (54% bzw. 46%).

Auch über mangelnde Motivation machen sich 29 Prozent der Eltern ernsthaft Gedanken; 23 Prozent betrachten die schulischen Leistungen ihres Kindes mit Sorge. Knapp jeder fünfte befragte Elternteil (18 %) befürchtet psychische Probleme bei seinem Kind.

Aber auch auf die körperliche Gesundheit und die persönliche Entwicklung ihrer Kinder werfen viele Eltern einen sorgenvollen Blick (16 % bzw. 18 %).

Welche der folgenden Dinge bereiten Ihnen aktuell in Bezug auf Ihr Kind besonders Sorgen? (Mehrfachnennung möglich)
Welche der folgenden Dinge bereiten Ihnen aktuell in Bezug auf Ihr Kind besonders Sorgen? (Mehrfachnennung möglich)

Wo Eltern unterstützen

Dauerthema Medienkonsum

Der Medienkonsum und die Berufswahl – das sind mit Abstand die wichtigsten Themen, bei denen Eltern ihre Kinder fokussiert begleiten. Mehr als zwei Drittel der befragten Eltern geben an, dass sie versuchen, einen verantwortungsvollen Umgang mit Medien gezielt zu fördern (68 %). Wie stark sie sich dabei einbringen, hängt vom Alter der Kinder ab: Bei den Jüngeren (12- bis 14-Jährige) engagieren sich drei Viertel der Eltern (76 %), bei den 17- bis 18-Jährigen noch gut die Hälfte (53 %). Ebenfalls gut zwei Drittel der befragten Eltern bieten ihren Kindern Orientierungshilfe bei der Entscheidung für eine Ausbildung oder ein Studium (68 %).

Wie bzw. in welchen der folgenden Bereiche unterstützen Sie persönlich Ihr Kind? (Mehrfachnennung möglich)
Wie bzw. in welchen der folgenden Bereiche unterstützen Sie persönlich Ihr Kind? (Mehrfachnennung möglich)

Geteilte Verantwortung zwischen Eltern und Schule

Wenn es um fachspezifisches Wissen geht, ist für drei von vier Eltern eindeutig die Schule für die Vermittlung zuständig (75 %) – das gilt auch für die Vorbereitung auf Prüfungen und Klausuren (57 %).

Gleichermaßen in der Verantwortung sehen die Befragten die Schule und das Elternhaus bei Zukunftskompetenzen wie der Vorbereitung auf lokale und globale Herausforderungen (63 %), der Vermittlung demokratischer Grundwerte (62 %), der Förderung von analytisch-kritischem Denken (60 %) und sozial-emotionaler Kompetenz (59 %).

Als überwiegend ihre Aufgabe bezeichnen 65 Prozent der Eltern die Förderung eines gesunden Lebensstils, 63 Prozent die Unterstützung von Kompetenzen wie Selbstständigkeit und Eigenverantwortung sowie 50 Prozent die Vermittlung eines guten Umgangs mit Geld.

Bitte geben Sie jeweils an, ob Sie bei den folgenden Aufgaben überwiegend die Schule oder  überwiegend die Eltern in der Pflicht sehen.
Bitte geben Sie jeweils an, ob Sie bei den folgenden Aufgaben überwiegend die Schule oder überwiegend die Eltern in der Pflicht sehen.

„Viele Eltern sind verunsichert, wenn es darum geht, ihre Kinder sicher durch die digitale Welt zu begleiten – hier müssen Aktivitäten von Schule und Eltern Hand in Hand gehen, um Medienkompetenz systematisch zu fördern.“

Dr. Jenny Meßinger-Koppelt

Leiterin Bereich Bildung, Körber-Stiftung

Ungleiche Möglichkeiten der Unterstützung

59 Prozent aller befragten Eltern haben das Gefühl, dass sie oder andere Familienmitglieder ihr Kind ausreichend unterstützen. Erwartungsgemäß hängt diese Zustimmung jedoch mit dem Bildungsgrad der Eltern zusammen.

Mangelnde Chancengerechtigkeit: 51 Prozent der Eltern mit einem Hauptschul- oder Mittleren Schulabschluss fehlt nach eigener Einschätzung zumindest in einigen Schulfächern das fachliche Wissen, um ihre Kinder angemessen zu unterstützen. Bei den Eltern mit Abitur denkt das nur jeder fünfte Elternteil (19 %).

Allein lebende Elternteile haben deutlich seltener das Gefühl, ihrem Kind selbst gut helfen zu können, als Eltern mit Partner oder Partnerin im selben Haushalt (45 % bzw. 61 %) – sowie zu wenig Zeit für eine entsprechende Unterstützung (36 % der Alleinlebenden, aber nur 23 % der zusammenlebenden Eltern). Zudem haben Allein- oder Teilerziehende auch häufiger das Gefühl, es mangele ihnen an entsprechendem Fachwissen, als Elternteile in einer Partnerschaft (43 % bzw. 34 %).

Welche der folgenden Aussagen treffen auf Sie bzw. Ihr Kind zu? (Mehrfachnennung möglich)
Welche der folgenden Aussagen treffen auf Sie bzw. Ihr Kind zu? (Mehrfachnennung möglich)

Was Eltern sich wünschen

Stärkere individuelle Lernförderung im Unterricht: Das wünscht sich rund die Hälfte der befragten Eltern (49 %). Über 40 Prozent der Eltern sehen auch emotionale Kompetenzen als unterstützungswürdig an: Sie melden den Wunsch nach einer stärkeren Förderung von Teamfähigkeit und Resilienz ihrer Kinder in der Schule. Gut ein Drittel (37 %) befürwortet ein Mehr an Angeboten, die innerhalb der schulischen Abläufe stattfinden, aber von außerschulischen Partnern angeboten werden, wie beispielsweise Praktikumswochen.

Welche der folgenden Möglichkeiten zur Unterstützung für Eltern wünschen Sie sich? (Mehrfachnennung möglich)
Welche der folgenden Möglichkeiten zur Unterstützung für Eltern wünschen Sie sich? (Mehrfachnennung möglich)

Wie Eltern ihre Kinder auf die Zukunft vorbereiten

Optimistischer Blick in die Zukunft

Eine sehr deutliche Mehrheit der Eltern (82 %) schaut optimistisch auf die berufliche Zukunft ihrer Kinder: 14 Prozent sehen sie sehr, 68 Prozent eher positiv – diese Zahlen entsprechen in etwa denen des Vorjahrs.

Sehen Sie die berufliche Zukunft Ihres Kindes alles in allem eher positiv oder eher negativ?
Sehen Sie die berufliche Zukunft Ihres Kindes alles in allem eher positiv oder eher negativ?

Berufe von morgen

Zwei Drittel der Eltern (69 %) geht davon aus, dass es im Berufsleben ihrer Kinder sehr viele oder zumindest einige neue Berufe geben wird. Gut jeder zehnte Elternteil rechnet mit besonders vielen neuen Jobs (9 %), rund ein Viertel (27 %) eher mit Veränderungen bereits bestehender Berufsbilder.

Und wie wird das in der Zukunft sein, wenn Ihr Kind ins Berufsleben startet: Sind Sie der Meinung, dass es dann viele neue Berufe geben wird, die es heute noch gar nicht gibt?
Und wie wird das in der Zukunft sein, wenn Ihr Kind ins Berufsleben startet: Sind Sie der Meinung, dass es dann viele neue Berufe geben wird, die es heute noch gar nicht gibt?

Unzufriedenheit mit schulischer Berufsvorbereitung

Bei der Frage, ob Schule die relevanten Kenntnisse und Fähigkeiten für das spätere Berufsleben vermittelt, zeigt sich eine große Unzufriedenheit der Eltern: Rund zwei Drittel (67 %) von ihnen sind der Ansicht, dass Schule das im Allgemeinen weniger gut (56 %) oder gar nicht (11 %) gelingt. Nur 30 Prozent der Befragten sind in diesem Punkt zufrieden – diese Zahlen decken sich mit denen des Vorjahrs.

Was meinen Sie, wie gut gelingt es Schule im Allgemeinen, den Schülerinnen und Schülern die Kenntnisse zu vermitteln und die Fähigkeiten zu fördern, die für die berufliche Zukunft relevant sind?
Was meinen Sie, wie gut gelingt es Schule im Allgemeinen, den Schülerinnen und Schülern die Kenntnisse zu vermitteln und die Fähigkeiten zu fördern, die für die berufliche Zukunft relevant sind?

Geringes Vertrauen in schulische Zukunftsbildung

Auch bei der Vorbereitung auf den Umgang mit gesellschaftlichen und globalen Herausforderungen der Zukunft zeigen Eltern ein geringes Vertrauen in die Schule: Ein Großteil der Eltern bezweifelt, dass die Schule es schafft, Kindern und Jugendlichen die dafür notwendigen Kenntnisse und Strategien zu vermitteln – 72 Prozent denken, dass das nur weniger gut oder gar nicht gelingt.

Und was meinen Sie, wie gut gelingt es Schule im Allgemeinen, den Schülerinnen und Schülern die Kenntnisse zu vermitteln und die Fähigkeiten zu fördern, die für die Bewältigung von gesellschaftlichen und globalen Herausforderungen relevant sind?
Und was meinen Sie, wie gut gelingt es Schule im Allgemeinen, den Schülerinnen und Schülern die Kenntnisse zu vermitteln und die Fähigkeiten zu fördern, die für die Bewältigung von gesellschaftlichen und globalen Herausforderungen relevant sind?

Gut vorbereitet durch die Eltern

Eltern engagieren sich stark, um ihre Kinder für die Zukunft fit zu machen: Am häufigsten geben sie emotionale Unterstützung bei Problemen des Kindes (83 %), fördern die Selbstständigkeit (79 %) und sozialemotionale Fähigkeiten (77 %) der Kinder.

Auch darüber hinaus geben sie Hilfestellungen bei Fähigkeiten, die sowohl den Kindern wie auch der gesamten Gesellschaft zugutekommen: Knapp drei Viertel (74 %) der Eltern tragen gezielt demokratische Grundwerte weiter. Drei Viertel der Eltern vermitteln zudem Finanzwissen sowie Grundlagen eines gesunden Lebensstils (je 75 %), ein Drittel fördert gezielt Umweltbewusstsein und nachhaltiges Handeln des Kindes (67 %).

Obwohl nur 23 Prozent der Eltern wegen des Klimawandels besorgt sind, fördern 67 Prozent das Umweltbewusstsein und nachhaltige Handeln ihres Kindes.

Welche der folgenden Dinge tun Sie selbst ganz gezielt, um Ihr Kind zu fördern und zu unterstützen? (Mehrfachnennung möglich)
Welche der folgenden Dinge tun Sie selbst ganz gezielt, um Ihr Kind zu fördern und zu unterstützen? (Mehrfachnennung möglich)

Interview: „Eltern brauchen verlässliche Partner“

Prof. Dr. Sabine Walper ist seit 2021 Vorstandsvorsitzende und Direktorin des Deutschen Jugendinstituts e.V. (DJI) in München – zuvor war sie dort Forschungsdirektorin, vor ihrem Wechsel an das DJI Pädagogik-Professorin an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Die approbierte Psychotherapeutin arbeitet wissenschaftlich schwerpunktmäßig zu Themen wie Bildung und Erziehung in Familien, Förderung elterlicher Erziehungskompetenzen, Trennung/Scheidung und Familien in Armut.

Foto: Stefan Obermeier

„Eltern schieben die Verantwortung nicht von sich, das zeigen die Zahlen. Aber sie brauchen Schule als einen verlässlichen Partner.“

Prof. Dr. Sabine Walper

Vorstandsvorsitzende und Direktorin des Deutschen Jugendinstituts e.V. (DJI) in München

Vor allem Eltern, die unter Druck stehen, müssen der Schule vertrauen können – und sich auf gute Förderprogramme für ihre Kinder verlassen. Sabine Walper, Psychologin und Direktorin des Deutschen Jugendinstituts in München, über die Belastung von Eltern und deren Folgen für Chancengerechtigkeit.

Was Eltern unter Druck setzt, was sie brauchen oder sich wünschen – wie gut kennt die Forschung die Perspektive der Eltern?

Die Sensibilität für ihre Lebensbedingungen ist gestiegen – auch die Coronapandemie war da ein Schrittmacher, weil sie die Belastung von Eltern sehr klar deutlich gemacht hat. Doch trotz neuer Studien fehlt uns noch das ganz breite Bild. Es ist schwierig, Eltern in besonders belasteten Lebensumständen zu erreichen. Auch insgesamt geht die Bereitschaft, an Befragungen teilzunehmen, leider zurück. Aber wir brauchen diese Forschung, um einschätzen zu können, welche politischen Maßnahmen und Unterstützungsangebote Eltern erreichen.

Was bedeutet es angesichts dieser Situation, wenn die vorliegende Umfrage zeigt, dass sich 28 Prozent der Eltern sehr und 51 Prozent etwas belastet fühlen?

Man muss damit rechnen, dass das nur die Spitze des Eisbergs ist und sich darunter eine große Zahl von Eltern in viel problematischeren Lebensumständen befindet. Dafür spricht auch, dass finanzielle Sorgen bei den Belastungen erst an vierter Stelle auftauchen (36 Prozent). Bestimmte soziale Gruppen, wie zum Beispiel zugewanderte Familien mit noch geringen Deutschkenntnissen, erwischen wir auf diesem Wege kaum – und müssen dringend darin investieren, ihr Vertrauen zu gewinnen.

Die sicherheitspolitische Lage steht bei den Sorgen der Eltern ganz oben auf der Sorgenliste. Verdrängt die Aktualität Themen, die auch weit nach vorne gehören?

Die Klima- und die Energiekrise zum Beispiel sind deutlich in den Hintergrund gerückt, weil Kriege und die Diskussion über Aufrüstung in Deutschland so beängstigend sind. Wir wissen aus Studien, dass auch Jugendliche das so empfinden – sie spiegeln stark wider, was in den Familien diskutiert wird. Die weltpolitische Lage ist ein Ohnmachtsthema für Eltern wie auch ihre Kinder und damit besonders belastend.

Der Anspruch an Eltern ist stark gestiegen, die Forschung spricht von einer „Intensivierung der Elternschaft“. Fühlen sich deshalb so viele Eltern grundbelastet?

Es geht viel um eigene Ansprüche, weniger um einen gefühlten Druck von außen. Nur 16 Prozent der Befragten äußern das Gefühl, den gesellschaftlichen Erwartungen nicht gerecht zu werden. Aber die veränderten Entwicklungsbedingungen von Kindern sind zentral. 51 Prozent der Eltern setzt der Medienkonsum ihrer Kinder unter Druck – 43 Prozent der Befragten sehen dieses Thema überwiegend als ihre Aufgabe. Im Vergleich zu den 1990er und frühen 2000er Jahren, in denen ich meine Kinder großgezogen habe, muss man in diesem Bereich tatsächlich von stark gestiegenen Anforderungen sprechen. Auch die Erwartung, dass Kinder viel Zeit ihrer Eltern brauchen, hat zu einer starken Intensivierung von Elternschaft beigetragen – sie lässt sich am deutlichsten daran festmachen, wie viel mehr Zeit Väter wie Mütter heute in ihre Kinder investieren.

Ist also auch der Medienkonsum für viele ein Ohnmachtsthema?

Es ist eine immense Aufgabe, den Erwerb kindlicher oder jugendlicher Medienkompetenz zu begleiten. Und es lässt sich kaum sicherstellen, dass Kinder im Internet sicher sind. Technische Möglichkeiten der Regulierung werden in Deutschland noch viel zu wenig genutzt. Eltern haben wenig Einblick in das, was ihre Kinder im Netz tun – fast wirkt es, als würden die Kinder in einen Wald laufen, und man weiß nicht, welchem Wolf sie dort begegnen.

Welche Werte in der Umfrage überraschen Sie?

Zum Beispiel, dass nur 11 Prozent der Eltern Erziehungsprobleme Sorgen bereiten – bei den 17- bis 18-Jährigen sind es sogar nur 5 Prozent. Offenbar sehen sich Eltern von Jugendlichen weniger als deren Erzieher und Erzieherinnen, sondern eher als Freundinnen oder Sparringspartner. Einfacher wird es damit nicht. Gerade bei Jugendlichen ist es für viele Eltern ein Balanceakt, den richtigen Ton zu finden und Kompromisse zu schließen zwischen Verständnis und dem Durchsetzen unliebsamer Maßnahmen. Als Deutsches Jugendinstitut sehen wir da einen großen Informationsbedarf.

Sind belastete Eltern geneigt, auch ihre Kinder als belastet einzuschätzen?

Diese Mechanik spielt eine Rolle, ist aber nicht die entscheidende. Es gibt auch viele Eltern, die selbst nicht unter Druck stehen, aber sehen, dass es bei ihren Kindern so ist. Über ein Drittel der Eltern nennen hohe Ansprüche von Kindern und Jugendlichen an sich selbst als den großen Stressfaktor für die Kinder. Als Erziehende befinden sie sich in dem Dilemma, da einerseits Entspannung hereinbringen zu wollen, gleichzeitig aber zu wissen, dass es für bestimmte Berufspläne der Kinder eben zwingend gute Noten braucht.

Viele Eltern, die unter Druck stehen, können ihre Kinder nicht angemessen fördern. Was bedeutet das vor dem Hintergrund einer Chancengerechtigkeit?

Die Möglichkeiten, Kindern Nachhilfe zu organisieren, zu bezahlen oder auch selbst zu geben, sind sehr deutlich sozial gradiert. Das hat zuletzt auch

noch einmal der neunte Familienbericht der Bundesregierung gezeigt. Eltern mit geringerer formaler Bildung und einem kleineren Budget gaben in einer Umfrage an, ihr Kind nicht gut unterstützen zu können. Das Problem, dass die soziale Herkunft in Deutschland eine so große Bedeutung hat, haben wir noch in keinster Weise gelöst – und werden es auch nicht nur aufseiten der Familien lösen können. Natürlich ist es wichtig, die Eltern ins Boot zu holen und sie interessiert und motiviert am Bildungsverlauf ihrer Kinder teilhaben zu lassen. Aber wir müssen vor allem sehen, wie Schule anders aufgestellt werden kann – angefangen bei maroden Infrastrukturen und dem hohen Unterrichtsausfall, die in offiziellen Statistiken nicht auftauchen.

Was sind Ihre Forderungen an die Politik?

Natürlich haben die Sorgen vieler Eltern stark mit der weltpolitischen Lage zu tun, aber auch da kann Politik einiges tun, um wieder ein größeres Sicherheitsgefühl herzustellen. Daneben ist entscheidend, dass Eltern das Vertrauen haben, dass ihre Kinder gute Chancen bekommen. Es braucht mehr Förder- und Unterstützungsprogramme. Eltern, deren Kinder psychische Probleme haben – und diese Zahl steigt –, laufen sich die Hacken ab und bekommen keine Therapieplätze. Für andere Bereiche gilt Ähnliches. Diese Engpässe an allen Ecken und Enden belasten Eltern.

Mehr für Kinder und Jugendliche zu tun, entlastet Eltern also am meisten?

Ganz entschieden! Natürlich haben Eltern ihre eigenen Belastungen, im Beruf oder bei der Vereinbarkeit von Job und Familie, aber wir sehen: Wo Eltern eine gute und verlässliche Betreuungssituation haben, wo sie darauf vertrauen können, dass Schule Medienkompetenz, Fachwissen und demokratische Werte vermittelt, dass sie gut auf das Berufsleben vorbereitet, da sind Eltern stärker entlastet. Eltern schieben die Verantwortung nicht von sich, das zeigen die Zahlen. Aber sie brauchen Schule als einen verlässlichen Partner.

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