Ein Schüler recherchiert online Foto: Claudia Höhne

Digitale Lernplattform – segu Geschichte

Auf der digitalen Lernplattform segu Geschichte finden Schüler:innen zu verschiedenen Themen und Epochen mehr als 200 Lernmodule, die sie im offenen Geschichtsunterricht alleine oder in kleinen Teams bearbeiten können. Welches Modul wann bearbeitet wird, entscheiden die Schüler:innen selbst. Es gibt unterschiedliche Module mit vielfältigen Methoden, Medien, Bearbeitungszeiten und Schwierigkeitsgraden.

Lehrer:innen unterstützt segu Geschichte darin, offenen Geschichtsunterricht durchzuführen und digitale Medien sinnvoll einzusetzen.

Die Körber-Stiftung ist seit 2020 Kooperationspartner von segu Geschichte. Einmal jährlich erscheint ein gemeinsam konzipiertes Modul, angelehnt zum Beispiel an das jeweils aktuelle Thema des Geschichtswettbewerbs des Bundespräsidenten.

2022: Video zur Geschichte des Wohnens

Für den Geschichtswettbewerb 2022/23 „Mehr als ein Dach über dem Kopf. Wohnen hat Geschichte“ hat das Team von segu ein Video zur Geschichte des Wohnens vollständig überarbeitet und neu eingespielt. Das Video gibt einen Überblick seit der Jungsteinzeit. Sein Schwerpunkt liegt auf den grundlegenden Wandel des Wohnens im 19. Jahrhundert durch Industrialisierung und Urbanisierung. Und es zeigt, dass sich gesellschaftliche Verhältnisse und soziale Unterschiede bis heute im Wohnen widerspiegeln.

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Geschichte des Wohnens Source: YouTube/seguGeschichte

2021: Schild Bochum – der vergessene Fußballmeister von 1938

2020 und 2021 fand der Geschichtswettbewerb zum Thema „Bewegte Zeiten. Sport macht Gesellschaft“ statt. Ein Beitrag von zwei Neuntklässlern beschäftigte sich mit dem Fußballverein Schild Bochum und der Biografie von Erich Gottschalk. Aus diesem Beitrag hat das segu-Team eine Spurensuche als kartenbasiertes „digital storytelling“ entwickelt, mit der sich Schüler:innen auf Spurensuche in Bochum begeben.

Die Mannschaft von Schild Bochum
Die Mannschaft von Schild Bochum Foto: Jüdisches Museum Dorsten, Nachlass Erich Gottschalk

2020: Geschichte des Fahrrads – „ein Massenwahnsinn ohne Gleichen“

In diesem Modul lernen Schüler:innen zuerst die technische Entwicklung des Fahrrads im 19. Jahrhundert kennen. Anschließend geht es um die Verbreitung und Auswirkungen des Radfahrens und abschließend um den Streit zwischen den verschiedenen Verkehrsteilnehmern – eine Diskussion, die bis heute anhält.

Mitglieder des Arbeiter-Radfahrer-Vereins „Frisch auf“ Friedland
Mitglieder des Arbeiter-Radfahrer-Vereins „Frisch auf“ Friedland Foto: TSV Friedland 1814 (Archiv)

Interview

Gespräch mit Christoph Pallaske, Initiator von segu Geschichte

Auf der digitalen Lernplattform segu Geschichte ging zum Start des Geschichtswettbewerbs „Bewegte Zeiten. Sport macht Gesellschaft“ ein Modul zur Fahrradgeschichte online. Ausgehend von historischen Bildern, Karikaturen und Textquellen können Schüler:innen eigenständig Aufgaben bearbeiten und sich mit der Entwicklung des Fahrrads vom Statussymbol zum alltäglichen Verkehrsmittel beschäftigen. Kirsten Pörschke sprach mit Christoph Pallaske, Lehrer und Initiator der digitalen Lernplattform.

Was ist spannend an der Geschichte des Fahrrades und was können Schülerinnen und Schüler, durch segu angeregt, dazu entdecken?

Christoph Pallaske: Überrascht hat mich der rasante Aufstieg des Fahrrads, der um 1890 begann. Damals waren gerade das „Safety Bike“ mit Kettenantrieb am Hinterrad und der Gummireifen erfunden – im Grunde das Fahrrad, wie wir es heute noch kennen. Es wurde innerhalb von nur zehn Jahren zum Massenprodukt, vergleichbar etwa mit dem iPhone: Innerhalb von kurzer Zeit reden alle davon und wollen eins haben. Räder wurden immer erschwinglicher und eroberten die Straßen. Die gesellschaftlichen Auswirkungen lassen sich in vielerlei Hinsicht untersuchen, sei es mit Blick auf die Emanzipation von Frauen oder das Entstehen von Arbeitervereinen. Es gab auch Diskussionen über die richtige Geschwindigkeit – Radsport versus Radwandern. Spannend ist auch der Kampf um den öffentlichen Raum, der bis heute geführt wird. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts waren Fahrräder das dominierende Fortbewegungsmittel in der Stadt, nicht Autos.

Welche historischen Themen gibt es noch bei segu zu entdecken?

Die meisten Module orientieren sich an den gängigen Themen und Epochen der Lehrpläne. Ich bekomme aber auch Impulse von außen. Das Thema „Spanische Grippe“ und damalige Schulschließungen etwa wurde mir von zwei Referendarinnen zugespielt, die über eine Dissertation aus Köln mit wirklich tollen Quellen gestolpert sind. Andere Themen greife ich auf, weil sie mich persönlich interessieren: „Fridays for Future“ zum Beispiel war der Auslöser für ein Modul zum Klimawandel in der Geschichte.

Wie ist segu entstanden?

segu war ursprünglich gar nicht als Online-Projekt geplant. Als 2005 in Nordrhein-Westfalen G8 eingeführt wurde und Geschichte viel im Nachmittagsunterricht stattfand, fehlte es aus meiner Sicht an Lernangeboten für offeneren Geschichtsunterricht, die zum Einsatz in der 8./9.Stunde passten. Ich begann damit, solche Materialien selbst zu erstellen. Der Schritt ins Internet kam 2011, als ich eine auf sechs Jahre befristete Stelle an der Uni antrat. segu Geschichte wurde als Open Educational Resources (OER) gelabelt, die Materialien wurden zur freien Verfügung gestellt. In dieser Zeit entstanden die meisten Module. Seitdem wächst und entwickelt sich die Online-Plattform langsam und stetig weiter. Im Prozess zeigt sich, was funktioniert und was nicht. Das ist ein großer Vorteil einer Online-Plattform.

Wie viel erfahren Sie über die Nutzung von segu, zum Beispiel während der Schulschließungen?

Seit meiner Rückkehr an die Schule habe ich den Vorteil, die Module mit meinen Schülerinnen und Schülern auszuprobieren, also ob sie funktionieren, ob die Texte verstanden werden etc. Zudem bekomme ich Rückmeldungen von Lehrerinnen und Lehrern. Als im März die Schulen schlossen und die Nachfrage an digitalen Lernangeboten in die Höhe schoss, habe ich das Angebot an so genannten segu-Planern deutlich erweitert, das sind auf zwei bis drei Wochen angelegte Wochenpläne. Ich werde auch häufig nach einem Lösungsheft mit vorgegebenen Antworten zur Orientierung gefragt. Das widerspricht aber meiner Idee von Geschichtsunterricht, wo es nur selten geschlossene Antworten geben kann.

Was können segu und andere digitale Lernmedien für den Geschichtsunterricht der Zukunft leisten?

Ich wünsche mir einen vielfältigen Geschichtsunterricht, der der Geschichtskultur zugewandt ist. Geschichte wird in der Öffentlichkeit ausgehandelt, sie geht uns immer etwas an. Und es ist wichtig, dass wir zu den Fragen, die Geschichte aufwirft, eine Haltung entwickeln. Das Internet ist ein Fenster zur Welt. Wenn man im Geschichtsunterricht das Fenster zur Welt öffnet, kann man auf aktuelle Debatten eingehen und auch viel stärker das lokale Umfeld mit einbeziehen, vor Ort recherchieren. Auch zum Forschen und Entdecken vor Ort bietet segu Module und Anregungen. Ein bisschen wie beim Geschichtswettbewerb.

Außerdem lassen sich digitale Medien als Tools verwenden, um Filme zu drehen, Podcasts zu erstellen, digitale Karten zu historischen Themen selbst zu gestalten und vieles mehr. Auch das kann das Unterrichtsgeschehen verändern, Projektlernen stärken. Ich habe aber auch den Eindruck, dass auf diese Punkte heute schon viel mehr Wert gelegt wird und Geschichtsunterricht nicht mehr dem Klischee von früher entspricht, wo Jahreszahlen auswendig gelernt wurden – es ist inzwischen ein beliebtes Fach.