1. Preis Sozialwissenschaften

Der Psychologe Philipp Jann hat erstmals erhoben, welche Belastungen und Symptome bei Hinterbliebenen und Augenzeugen von plötzlichen Todesereignissen in der akuten Phase danach auftreten. Gemeinsam mit Daten aus späteren Befragungen ist daraus ein praxistaugliches Konzept für Screening, Triage und Frühintervention entstanden.

Die Forschung

Psychosoziale Notfallversorgung ab Minute eins

Text: Dorthe March

Fotos: Patrick Pollmeier

In Deutschland sterben täglich rund 2800 Menschen. Die meisten erliegen einer Herz-Kreislauf-Erkrankung oder einem Krebsleiden. Doch in die Statistik fallen auch Unfallopfer, Suizide oder unvorhersehbare Todesursachen wie plötzlicher Kindstod, die fassungslose Angehörige hinterlassen. „Jeder dieser Momente markiert den Augenblick, in dem gewöhnliche Leben unwiderruflich zerbrechen – wenn die Welt, wie sie war, aufhört zu existieren“, sagt Philipp Jann.

Verschwommenes Foto von Phillip Jann, wie er vor einem Feuerwehrauto entlang läuft.
Foto: Patrick Pollmeier

Der Psychologe kennt diese Momente sowohl aus der Praxis als auch aus der theoretisch-wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Thema: Jann ist seit vielen Jahren ehrenamtlicher Mitarbeiter der psychosozialen Notfallversorgung, promovierter Psychologe in der Weiterbildung zum psychologischen Psychotherapeuten – und Gründer und Geschäftsführer des Instituts für Notfallpsychologie, das unter anderem Fachkräfte weiterbildet und Unternehmen beziehungsweise deren Mitarbeitenden die schnellstmögliche psychosoziale Versorgung vor Ort in Not- und Todesfällen anbietet. „Der Weg meiner Dissertation führte von der notfallseelsorgerischen Praxis über die wissenschaftliche Auseinandersetzung nun wieder zurück in die Praxis“, erläutert Jann.

Auf einem Computerbildschirm ist das von Philipp Jann entwickelte Screening gezeigt.
Foto: Patrick Pollmeier

Insbesondere können bei Menschen, die einen Angehörigen durch ein potenziell traumatisches Todesereignis verlieren, eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) und/oder eine Anhaltende Trauerstörung (ATS) entwickeln. Rund fünf Prozent der Hinterbliebenen entwickeln eine PTBS. Ungleich mehr Menschen bleiben mit einer ATS zurück: knapp drei Prozent nach nicht-gewaltsamen Verlusten und sogar bis zu 20 Prozent bei gewaltsamen Todesursachen. Vor diesem Hintergrund hat Jann in seiner kumulativen Dissertation die Risikofaktoren für PTBS und ATS ausgelotet und deren Entstehungsmechanismen erfasst sowie akute und langfristige Symptommuster untersucht und daraus praktisch nutzbare Implikationen abgeleitet. Unter anderem hat er ein Triage-System entwickelt, das Ersthelfende anleitet, welche:r Hinterbliebene als Erstes versorgt werden muss.

Philipp Jann steht vor einem Whiteboard und erklärt eine Grafik.
Philipp Jann Foto: Patrick Pollmeier

Wie geht es Angehörigen direkt nach einem traumatischen Todesereignis?

Dafür hat der Psychologe in unmittelbarer zeitlicher Nähe zum Ereignis begonnen, Angehörige der Verstorbenen zu befragen: „Meine Studie ist – nach aktuellem Kenntnisstand – weltweit die erste, die Daten zu gesunden und pathologischen Trauma- und Trauerverläufen bereits wenige Stunden bis Tage nach einem traumatischen Todesereignis erhoben hat“, erläutert er.

Konkret haben Jann und seine Kolleg:innen von der Notfallseelsorge in Westfalen Fragebögen an Menschen verteilt, die gerade vom gewaltsamen Tod eines Angehörigen erfahren, das Opfer selbst gefunden oder das Todesereignis gesehen haben. Das Beantworten der Fragen nach Symptomen, Gedanken, Gefühlen und Belastungen, die sich direkt nach dem Ereignis gezeigt haben, war selbstverständlich freiwillig. Fast jede fünfte Person hat den Bogen ausgefüllt, sagt Jann. „Viele dieser Menschen haben berichtet, dass sie damit etwas Sinnvolles zu tun hatten, als alle Retter, Freunde und Verwandte weg waren und die Stille einsetzte.“

Zu sehen ist die Silhouette von Philipp Jann und einer Kollegin vor einem Fenster, welche sich anschauen.
Foto: Patrick Pollmeier

In Janns Dissertation fließt das Ergebnis dieser frühen Erhebung unter anderem mit Daten aus späteren Befragungen zusammen. Dabei zeigt sich deutlich, „dass Dissoziation – das Erleben der Abspaltung von der Realität – in der akuten Phase ein spezifischer Risikofaktor für eine PTBS ist, während eine enge Beziehung zur verstorbenen Person ein spezifischer Risikofaktor für eine ATS ist“, sagt Jann. Soziale Unterstützung habe sich als zentraler Schutzfaktor gegen beide Störungen gezeigt, insbesondere bei Kindern nach dem Verlust eines Elternteils.

Foto: Kay Herschelmann

„In einem sensiblen Feld hat Philipp Jann mit seiner Forschung Pionier-Arbeit geleistet und bringt seine Erkenntnisse mit Engagement direkt in die Praxis.“

Ursula Schröder, Mitglied der Jury

Effektivere Krisenintervention

Zudem hätten sich zwei Störungs-Achsen nach traumatischen Verlusten identifizieren lassen. „Betroffene einer PTBS zeigen immer anhaltendes Bedrohungserleben im Hier und Jetzt, da sie von Bildern und Erinnerungen an das vergangene traumatische Ereignis geplagt werden“, erläutert Jann. „Betroffene der ATS hingegen zeigen, dass sie den Verlust mental nicht in die Zukunft integrieren, was adaptive Trauerprozesse und Akzeptanz des Verlusts behindert. Dies erklärt die Leitsymptome der ständigen gedanklichen Beschäftigung mit dem Verstorbenen und die Sehnsucht nach ihm bei ATS.“ Beide Achsen bringen die gleichen Symptome hervor, die miteinander interagieren, erläutert Jann – unter anderem erhebliches Vermeidungsverhalten, kontinuierliches Wiedererleben des Verlusts, (neuro-)physiologische Veränderungen sowie dysfunktionale Kognitionen wie Schuld, Scham oder ein Ungerechtigkeitsgefühl.

Auf einem Computerbildschirm ist das von Philipp Jann entwickelte Screening gezeigt.
Foto: Patrick Pollmeier

Auf Basis dieser und weiterer Teilergebnisse der Dissertation haben Jann und sein Team ein Konzept für ein akutes psychologisches Screening abgeleitet, das Risikofaktoren wie eine Vorbelastung durch ein früheres traumatisches Erlebnis, psychische Erkrankungen oder den Grad der Abhängigkeit vom Verstorbenen abklopft. „Solche Instrumente könnten insbesondere bei Katastrophen, Anschlägen oder Großschadenslagen helfen, Personen mit einem Hochrisikoprofil frühzeitig zu identifizieren, wenn psychosoziale Ressourcen begrenzt sind“, sagt Jann.

Schon jetzt kommt unter anderem dieses Screening bundesweit sowohl in der Aus- und Fortbildung als auch in akuten Interventionsmaßnahmen der psychosozialen Notfallversorgung – insbesondere der Notfallseelsorge – zur Anwendung, sagt Jann. „Darüber hinaus sind die Befunde relevant für die klinische Praxis bzw. Versorgungslandschaft, politische Entscheidungsträger im Gesundheitswesen sowie Bevölkerungs- und Katastrophenschutzsysteme in Deutschland.“

Der Preisträger

Dr. Philipp Jann
Dr. Philipp Jann Foto: Patrick Pollmeier

Philipp Jann (31) studierte Psychologie an der Universität Bielefeld sowie an der Universität Lissabon und der Eberhard-Karls-Universität Tübingen. Er ist Fachpsychologe für Notfallpsychologie und Geschäftsführer des Instituts für Notfallpsychologie GmbH & Co. KG in Bielefeld. Im Frühjahr 2027 approbiert Jann zum Psychologischen Psychotherapeuten.

Beitragstitel: Traumatische Verluste: Zwischen Trauma und Trauer in der psychosozialen Notfallversorgung und darüber hinaus

Philipp Jann

Kontakt: jann@institut-notfallpsychologie.de

Promotion an der Universität Bielefeld, Fakultät für Psychologie und Sportwissenschaften

Bildergalerie

  • Im Profil ist Philipp Jann zu sehen wie er am Schreibtisch arbeitet.
    Philipp Jann hat an der Universität Bielefeld studiert und promoviert.
  • Auf einem Laptop Bildschirm ist der von Philipp Jann entwickelte Fragebogen abgebildet.
    147 Personen, die kurz zuvor einen traumatischen und plötzlichen Verlust erlebt hatten, füllten Janns Fragebogen aus.
  • Ein Notizzettel mit der Aufschrift “Festlegen Auswertungsmethode” klebt auf weißem Hintergrund.
    Die erhobenen Daten analysierte Philipp Jann in drei von insgesamt sieben wissenschaftlichen Artikeln seiner kumulativen Promotion.
  • Philipp Jann steht vor einem Whiteboard und erklärt eine Grafik.
    Seine Erkenntnisse werden bereits bundesweit in Ausbildungen der Notfallseelsorge eingesetzt.
  • Philipp Jann zeigt anderen Personen etwas auf seinem Laptop. 
    Philipp Jann ist Gründer und Geschäftsführer des Instituts für Notfallpsychologie, das Mitarbeitenden von Unternehmen eine schnellstmögliche psychosoziale Versorgung vor Ort in Not- und Todesfällen anbietet.
  • Philipp Jann sitzt in Einsatzkleidung im Feuerwehrauto auf dem Weg zu einem Einsatz.
    Er engagiert sich außerdem bei der Freiwilligen Feuerwehr Bielefeld.

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Pressefoto und Wettbewerbsbeitrag

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