
2. Preis Sozialwissenschaften
Foto: pexels / Muhammed Hanefi
Die Soziologin Margherita Cusmano hat untersucht, welche Faktoren beeinflussen, wie Zugewanderte der ersten Generation Deutschland wahrnehmen. Damit identifiziert sie unter anderem relevante Stellschrauben in den Bereichen Arbeit und politische Teilhabe.
Die Forschung
Zugewanderte der ersten Generation und der deutsche Traum
Text: Dorthe March
Nehmen Zugewanderte der ersten Generation eine ökonomische Ungleichheit in ihrer neuen Heimat wahr? Wenn ja, wie bewerten sie sie – und für welche Faktoren des Lebens in Deutschland ist das relevant? Diese und weiterführende Fragen zum Thema hat die Soziologin Margherita Cusmano in ihrer Dissertation ausgelotet. „Als ich begann, Zugewanderte nach ihrer Wahrnehmung ökonomischer Ungleichheit in Deutschland zu fragen, rechnete ich mit vielen Antworten, aber nicht mit dieser: dass es keine Ungleichheit gebe“, sagt sie. Cusmanos Datenbasis: Befunde aus Gruppengesprächen und 47 Einzelinterviews sowie Daten aus dem Sozio-Oekonomischen Panel verknüpft mit makroökonomischen Daten der Weltbank zu den Herkunftsländern ihrer Probanden.
„Als ich begann, Zugewanderte nach ihrer Wahrnehmung ökonomischer Ungleichheit in Deutschland zu fragen, rechnete ich mit vielen Antworten, aber nicht mit dieser: dass es keine Ungleichheit gebe.“
Margherita Cusmano
„Das Land der begrenzten Risiken“
Mit diesem Mixed-Method-Design hat die Soziologin nicht nur methodisches Neuland betreten, sondern kommt auch zu Ergebnissen, die zahlreiche vorherrschende Annahmen über Migrantinnen und Migranten der ersten Generation widerlegen. Unter anderem würde Deutschland als eine Gesellschaft wahrgenommen, in der alle zur Mitte gehören. „Diese ‚Blindheit‘ für Ungleichheit entsteht, weil sie vom gleißenden Licht des allgemeinen Wohlstands überstrahlt wird“, erläutert Cusmano. Im Gesetz verankerte Sozialleistungen und Arbeitnehmerrechte stärken diese Wahrnehmung. „Deutschland ist für diese Menschen nicht das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, sondern das Land der begrenzten Risiken“, beschreibt sie den „deutschen Traum“. Gleichzeitig ist die Anerkennung von Qualifikationen aus dem Herkunftsland entscheidend für die Bewertung der neuen Heimat. Die „Optimisten“ würden etwa betonen, dass sie an einem Tag so viel verdienen wie in ihrem Herkunftsland in einem Monat. „Die ‚Enttäuschten‘ hingegen wiesen bitter darauf hin, dass sie trotz akademischer Abschlüsse für Mindestlohn putzen oder Regale einräumen.“

Fast jede fünfte Person in Deutschland ist selbst zugewandert, Millionen von ihnen sind wahlberechtigt. Vor diesem Hintergrund lassen sich aus Cusmanos Ergebnissen konkrete Empfehlungen für die Politik ableiten – zum Beispiel für den Arbeitsmarkt: Deutschland fehlen jährlich etwa 400.000 Arbeitskräfte? Die Politik täte gut daran, an sozialer Absicherung und Arbeitsrechten festzuhalten. „Den ‚deutschen Traum‘ zu pflegen, ist kluge Standortpolitik.“ Zudem könnte eine umfangreiche Reform der Anerkennung ausländischer Qualifikationen den Fachkräftemangel in Deutschland mindern – und so eine Grundlage dafür schaffen, diese gut ausgebildeten Menschen nicht nur zu gewinnen, sondern auch zu halten.
Die Preisträgerin

Margherita Cusmano (29) studierte zunächst Fremdsprachenphilologien an der Universität Bergamo (B. A.) und anschließend Soziologie an der Georg-August-Universität Göttingen (M. A.), wo sie 2025 auch promovierte. Bereits seit 2018 war sie unter anderem als Wissenschaftliche Hilfskraft am Max-Planck-Institut zur Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften (heute Max-Planck-Institut für Politik- und Sozialwissenschaft) in Göttingen tätig. Heute forscht sie dort als Wissenschaftliche Mitarbeiterin zu den Themen Ungleichheit, Transformation und Konflikt.
Beitragstitel: Der deutsche Traum. Ökonomische Ungleichheit aus Sicht von Zugewanderten
Margherita Cusmano
Kontakt: margherita.cusmano@ips.mpg.de
Promotion an der Georg-August-Universität Göttingen, Institut für Soziologie

