
2. Preis Geistes- und Kulturwissenschaften 2025
Foto: Patrick Pollmeier
Joey Rauschenbergers Forschung korrigiert eine grundlegende Überzeugung der Geschichtswissenschaft. Der Historiker zeigt, dass Sinti und Roma nach dem Zweiten Weltkrieg sehr wohl Entschädigungszahlungen erhalten haben und warum die Entschädigten trotzdem enttäuscht zurückblieben.
Die Forschung
Paradigmenwechsel in der Wiedergutmachungsforschung
Text: Dorthe March
Zur Gruppe der „Volks- und Reichsfeinde“ zählten in Deutschland ab 1933 alle Menschen, die im Denken der Nationalsozialisten nicht in die deutsche Volksgemeinschaft passten – darunter Sinti und Roma, die bis zum Ende des Hitler-Regimes entrechtet, systematisch verfolgt und ermordet wurden. Mit deren Entschädigung für erlebtes Unrecht hat sich der Historiker Joey Rauschenberger in seiner Dissertation beschäftigt. Er stellte fest: „Angehörige der Sinti und Roma, die während des Zweiten Weltkriegs Opfer eines staatlich organisierten Völkermordes wurden, erhielten für das Unrecht, das ihnen angetan wurde, finanzielle Entschädigungsleistungen.“ Damit erbringt er den Gegenbeweis zu einem common sense der Geschichtswissenschaft: „Bisher herrschte dort die Meinung vor, dass Sinti und Roma in der Nachkriegszeit von Entschädigung ausgeschlossen wurden. Der Staat und seine Beamten erklärten den Antragstellenden, sie seien nicht ‚rassisch‘, sondern aufgrund ihrer abweichenden Lebensweise verfolgt worden. Doch nur ‚rassische‘ Verfolgung qualifizierte für Entschädigung“, erläutert der Historiker.
„Angehörige der Sinti und Roma, die während des Zweiten Weltkriegs Opfer eines staatlich organisierten Völkermordes wurden, erhielten für das Unrecht, das ihnen angetan wurde, finanzielle Entschädigungsleistungen. Dessen ungeachtet bleibt das reale Gefühl der Betroffenen, bei der Wiedergutmachung nicht korrekt behandelt worden zu sein.“
Studienpreisträger Joey Rauschenberger
Um diese vermeintliche Gewissheit zu hinterfragen, hat sich Rauschenberger mehr als 300 individuelle Entscheidungsverfahren aus dem Gebiet des heutigen Baden-Württembergs vorgenommen. Das Ergebnis beschreibt er als „so überraschend wie eindeutig“: Mehr als 86 Prozent aller Antragsteller aus der Minderheit hätten bis 1979 Entschädigung erhalten, Opfer von Deportationen in Konzentrations- und Vernichtungslager sogar fast zu 100 Prozent.

Fotos: Patrick Pollmeier 
Enttäuschung trotz Entschädigung
„Dessen ungeachtet bleibt das reale Gefühl der Betroffenen, bei der Wiedergutmachung nicht korrekt behandelt worden zu sein“, so Rauschenberger weiter. Insgesamt 311-mal hat er den Menschen hinter der Akte analysiert – und dessen Beziehung zu seinem zuständigen Beamten, „in der direkte zwischenmenschliche Begegnungen fast nie ausblieben“. Der Historiker bezeichnet das Entschädigungsverfahren deshalb als Kontaktzone. Zwar habe es darin auch Verständnis und persönliche Nähe gegeben, aber in vielen Fällen auch Missverstehen, gegenseitige Vorwürfe und eine Verstärkung bestehender Ressentiments. „Unausgesprochene negative Projektionen auf beiden Seiten – der kriminalitätsaffine und unehrliche ‚Zigeuner‘ da, der unverbesserliche ‚zigeunerfeindliche‘ deutsche Beamte oder gar ‚Nazi-Scherge‘ da – setzten eine Spirale der wechselseitigen Befremdung in Gang“, schreibt Rauschenberger. Insbesondere diese qualitative Auseinandersetzung kann aus Rauschenbergs Perspektive Orientierung für heutige und künftige Policy-Maker bieten: „Zahlungen führen nur dann gesellschaftlichen Ausgleich herbei, wenn die Art und Weise des Gebens, das Verhalten der ausführenden Beamten, die in den Entschädigungsbüros geschaffene Atmosphäre von Aufrichtigkeit zeugen.“
Der Preisträger

Joey Rauschenberger hat Geschichte an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg studiert und an der dortigen Forschungsstelle Antiziganismus promoviert. Heute forscht er am Historischen Seminar der Universität als Postdoc zu Fragen der Wirtschafts- und Sozialgeschichte.
Beitragstitel: Wirkungslose Wiedergutmachung? Wie Sinti und Roma nach dem Nationalsozialismus entschädigt wurden und warum doch nur Enttäuschung blieb
Joey Rauschenberger
joey.rauschenberger@zegk.uni-heidelberg.de
Promotion an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, Philosophische Fakultät, Historisches Seminar

