2. Preis Sozialwissenschaften 2022

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Julia Böcker hat untersucht, wie Betroffene den frühen Verlust eines Kindes erleben und darüber sprechen – und wie die Gesellschaft mit Fehl- und Totgeburten umgeht.

Die Forschung

Fehl- und Totgeburten: Der nicht anerkannte Verlust

Text: Dorthe March

Pro Minute erleiden weltweit 44 Frauen eine Fehlgeburt. Schätzungsweise jede fünfte Schwangerschaft endet mit einer Fehlgeburt – und jede sechste Frau erleidet einmal in ihrem Leben eine. Dazu kommen etwa drei Millionen Totgeburten (auch: Stille Geburten): Geburten nach der 24. Schwangerschaftswoche, der Woche, in der ein Fötus Lebensfähigkeit erreicht. „Obwohl Fehl- und Totgeburten also sehr häufig vorkommen, wird darüber im Alltag häufig geschwiegen“, formuliert Julia Böcker den Ausgangspunkt ihrer Dissertation.

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Ihren Erhebungen zufolge kann es insbesondere für die schwangeren Frauen problematisch sein, dass ihre Fehl- oder Totgeburt, die sie als Verlust eines Kindes wahrnehmen, vom medizinischen Personal oft lediglich als Abgang von „Schwangerschaftsgewebe“ definiert wird. Deshalb fragt die Sozialwissenschaftlerin, unter welchen Bedingungen es als legitim gilt, den Verlust einer Schwangerschaft als Tod eines Kindes zu behandeln, also zum Beispiel das Stillgeborene zu bestatten und zu betrauern. Die empirischen Antworten auf diese Frage zeigten Böcker zufolge erstmals auf, wie in Deutschland mit dem Tod am Lebensanfang und mit dieser spezifischen Verlusterfahrung umgegangen wird.

„Obwohl Fehl- und Totgeburten also sehr häufig vorkommen, wird darüber im Alltag häufig geschwiegen.“

Studienpreisträgerin Julia Böcker

In einer explorativen Studie ist Böcker dem Tabuthema und dem Phänomen des nicht anerkannten Verlusts bei Fehl- und Stillgeburt nachgegangen. Ihre Ergebnisse basieren auf sehr heterogenen Daten: Interviews mit betroffenen Frauen, Paaren, Expertinnen und Experten, Beiträgen in Onlineforen, Beobachtungsprotokolle von Trauerfeiern, Selbsthilfe-Treffen, Bestattungsworkshops und Fachkonferenzen sowie Selbstzeugnissen Betroffener in sozialen Medien. Darüber hinaus beschreibt Böcker medizintechnische Voraussetzungen und geburtshilfliche Routinen, rechtliche Regularien und soziale Rituale rund um Anteilnahme, Abschied und Bestattung sowie öffentliche und private Diskurse, die beeinflussen, wie Betroffene und ihre Familien einen Schwangerschaftsverlust erleben und sich daran erinnern.

Böckers Studie vermittelt erstmals ein umfassendes Verständnis davon, was es gesellschaftlich bedeutet, eine Fehlgeburt oder Totgeburt zu erleben. Sie regt zur Selbstreflexion und Sensibilisierung aller an, die im beruflichen Kontext und privat mit Betroffenen zu tun haben: Ärzt:innen und Pflegekräfte, Geburtshelfer:innen und Bestatter:innen, Seelsorgende und Therapeut:innen. Zudem wendet sie sich an die Politik, indem sie eine Debatte über Sonderurlaub und Kündigungsschutz nach einer Fehlgeburt fordert.

Die Preisträgerin

Foto: David Ausserhofer

Von 2005 bis 2012 hat Julia Böcker (36) ihr Magisterstudium der Kulturwissenschaften an der Universität Leipzig absolviert. Promoviert hat sie im Anschluss an der Leuphana Universität Lüneburg, wo sie heute als wissenschaftliche Mitarbeiterin forscht und lehrt.

Beitragstitel: Fehlgeburt und Stillgeburt. Eine Kultursoziologie der Verlusterfahrung

Julia Böcker

boecker@leuphana.de

Promotion an der Leuphana Universität Lüneburg, Institut für Soziologie und Kulturorganisation

Materialien zum Download

Wettbewerbsbeitrag von Julia Böcker

Pressefoto Julia Böcker

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