Die Teilnehmenden der Expedition Age & City 202

Foto: Sebastian van Denzel

Dritte Orte in der altersfreundlichen Stadt - Deutsche Kommunen auf Studienreise in Den Haag

Was braucht es, um in einer Stadt gut alt zu werden? Was können Kommunen tun, um den Bedürfnissen der alternden Gesellschaft gerecht zu werden? Wie können Ältere am gesellschaftlichen Leben teilhaben – und was können Begegnungsorte dazu beitragen? Um sich diesen Fragen anzunähern, sind 22 Bürgermeister:innen und Altersexpert:innen aus deutschen Kommunen und Landkreisen auf Einladung der Hamburger Körber-Stiftung vom 05. bis 08. September nach Den Haag gereist.

Der Demografische Wandel birgt viele Herausforderungen für die kommunale Politik. Dazu gehört auch, älteren Menschen Teilhabe zu ermöglichen. Und nicht nur die Älteren brauchen Orte, an die sie gehen und Begegnung erleben können: die alternde Gesellschaft ist auf das Engagement und die Lebenserfahrung der Generation 65plus angewiesen. Es braucht Orte, an denen intergenerationeller und interkultureller Austausch stattfindet. Die Stadt Den Haag betreibt seit Jahren eine systematische Alterspolitik und legt dabei großen Wert auf Dritte Orte und die Teilhabe und Mitbestimmung der Älteren. „Es ist sehr wichtig, dass sich Ältere an der politischen Entscheidungsfindung beteiligen, denn nur dann wissen wir, was sie für ein gutes Leben in unserer Stadt brauchen und was verändert werden muss, damit es allen in der Stadt gut geht“, so Stadträtin Mariëlle Vavier.

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Expedition Age & City: Den Haag – Dritte Orte in der Stadt der Teilhabe (2023) Source: YouTube/Körber-Stiftung

Die Expedition

Was sind Dritte Orte und was tragen sie zur Altersfreundlichkeit einer Stadt bei?

Die Teilnehmenden der Expedition Age & City – wie die jährliche internationale Studienreise der Körber-Stiftung heißt – konnten in Den Haag Einblicke in die städtische Alterspolitik und ganz verschiedene Begegnungsorte bekommen, die Ältere niedrigschwellig erreichen und sich dort austauschen können. Der Soziologe Ray Oldenburg prägte Ende der 1980er-Jahre den Begriff „Dritte Orte“ und beschrieb damit Begegnungsorte jenseits des eigenen familiären Umfelds und des Arbeitsplatzes. Die Stadt Den Haag ist seit 2015 Mitglied im Netzwerk Altersfreundlicher Städte der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und schafft gezielt Orte der Teilhabe für Ältere. So soll durch das Programm „Ontmoeten“ (z. Dt. „Treffen“) in jedem Quartier der 550-Tausend-Einwohner-Stadt ein Dritter Ort für Ältere entstehen. Derzeit gibt es bereits 60 solcher Begegnungsorte, die städtisch gefördert werden. Manche erinnern an klassische Seniorentreffs, andere Ontmoeten-Standorte befinden sich etwa in Hindu-Tempeln. Die Älteren und Ihre Bedürfnisse sind in der internationalen Stadt sehr divers.

In Moerwjik, dem ärmsten Stadtteil der Niederlande, konnte sich die Reisegruppe davon überzeugen, was ziviles Engagement bewirken kann: hier betreibt Ben Lachhab, der selbst in Moerwjik wohnt und einen beruflichen Hintergrund in der Gastronomie hat, die Participatie Keuken. Mehrmals in der Woche finden hier kulinarische Stadtteiltreffen statt, bei denen die Älteren aus dem Quartier zu einem Abendessen zusammenkommen. Lachhab und sein Team organisieren in der ganzen Stadt noch genießbare aber nicht mehr verkäufliche Lebensmittel und kreieren daraus ein Menü. Ein Teil der Lebensmittel wird frisch in den Gärten zwischen den Wohnblöcken des Stadtteils angebaut, die die Bewoher:innen mit Ben Lachhabs Unterstützung betreiben. Bis zu 150 Menschen – vor allem Ältere mit wenig Geld – nehmen an den Abendessen teil. Die Participatie Keuken ist ein Sozialunternehmen, das auch finanzielle Förderung von der Stadt erhält.

Mit Wissenschaft und Kokreation zu mehr Altersfreundlichkeit

Das Schaffen und Betreiben von Orten der Begegnung sind Maßnahmen, die eine altersfreundliche Stadtverwaltung in Zusammenarbeit mit Partnern und Engagierten ergreifen sollte, um die Teilhabe zu fördern. Neben der Teilhabe spielen viele weitere Maßnahmen und Handlungsfelder eine Rolle, wie die Gesundheitsversorgung, ein barrierearmer öffentlicher Nahverkehr oder ein ausreichendes Angebot altersgerechten Wohnraums. Seit 2020 werden die getroffenen Maßnahmen in Den Haag wissenschaftlich evaluiert: die Stadt hat Joost van Hoof, der an der Hochschule Den Haag eine Professur für Urbanes Altern innehat, sein Team und weitere Partner damit beauftragt, wissenschaftlich aufzuarbeiten, wie die Älteren die Altersfreundlichkeit in ihrer Stadt beurteilen. So werden repräsentative Umfragen durchgeführt, deren Ergebnisse ausgewertet und zurück an die Stadtverwaltung gegeben werden. Unter anderem wird erfragt, wie zufrieden die Älteren mit ihrer Wohnsituation, der Mitbestimmung innerhalb der Stadt, der Verfügbarkeit von Informationen oder auch der Gestaltung des öffentlichen Raumes sind. Die Ergebnisse möchte die Stadtverwaltung nutzen, um Maßnahmen gezielt anpassen zu können.

Mitten im Zentrum der Stadt wurde 2021 der Kulturpalast Amare eröffnet, der sich als ein Ort für alle Menschen in Den Haag versteht. Das schillernde Gebäude verfügt über zwei große Konzertsäle, ist der Sitz des niederländischen Tanztheaters und beherbergt eine Ausbildungsstätte für Musik und Tanz. Außerdem steht das Erdgeschoss allen Menschen täglich von morgens bis abends offen. Auch Teile der oberen Stockwerke sind öffentlich und freizugänglich. Gerko Telman – Creative Director des Open Amare, wie die öffentlichen Flächen des Gebäudes heißen – ist dafür zuständig, die Flächennutzung zu koordinieren. Der grundsätzliche Ansatz dabei ist, dass alle Einzelperson sowie alle Gruppen die Flächen jederzeit spontan nutzen können. So kommen aus dem nahgelegenen Chinatown Tanzgruppen älterer Menschen, die ihre Abspielgeräte mitbringen und auf den Fluren miteinander tanzen. Mittwochs hat sich eine feste Tai-Chi-Gruppe etabliert, die auf einer der öffentlichen Flächen eine Stunde lang wortlos ihren meditativen Übungen nachgeht, während andere Besuchende des Amare um sie herumlaufen.

Die Expeditionsteilnehmenden hatten bei jeder Station der Studienreise Gelegenheit, Fragen an die Partner in Den Haag zu richten und sich gegenseitig auszutauschen. Ob ostdeutsche Großstadt, norddeutscher Landkreis oder kleinere Gemeinde an der Grenze zur Schweiz: vom gegenseitigen Austausch und den kreativen Ideen der niederländischen Gastgeber haben am Ende alle profitiert. Ein Fazit der Reisegruppe: eine alternde Gesellschaft braucht Dritte Orte.