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Solidarität mit MEMORIAL International

MEMORIAL International wird im Herbst 2022 mit dem Sonderpreis des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen ausgezeichnet. Der Preis würdigt das Engagement der ältesten russischen Nichtregierungsorganisation für die Zivilgesellschaft in Osteuropa. Flankiert wird die Auszeichnung von einem Unterstützungsfonds von über 100.000 Euro.

Bei der Körber-Stiftung sind wir seit drei Jahrzehnten mit MEMORIAL International verbunden. Die Organisation ist u.a. Gründungsmitglied unseres Geschichtsnetzwerks EUSTORY und war lange Träger eines großen russischen Geschichtswettbewerbs für Schüler:innen.

Nachdem MEMORIAL International in Russland bereits 2016 als „ausländischer Agent“ klassifiziert wurde, ist die Organisation Februar 2022 durch den obersten Gerichtshof des Landes endgültig verboten. Trotzdem sind die verschiedenen nationalen und regionalen MEMORIAL Organisationen in- und außerhalb Russlands motiviert, sich weiter für eine vielstimmige Erinnerungskultur einzusetzen.

MEMORIAL International steht mit seinem Einsatz für historische Aufarbeitung und die Wahrung von Menschenrechten stellvertretend für diejenigen Menschen in Russland, denen Meinungsfreiheit, Frieden, Gerechtigkeit sowie gesellschaftliche Mitbestimmung wichtige Anliegen sind.

Dieses Engagement wird mit dem Unterstützungsfonds des Sonderpreises des Bundesverbands Deutscher Stiftungen gewürdigt, der dazu dient, die Arbeit von MEMORIAL International nach dem Verbot weiterzuführen. Neben der Körber-Stiftung sind weitere finanzielle Erst-Ausstatter des Fonds für MEMORIAL die Robert-Bosch-Stiftung und die Software AG-Stiftung.

Photo: David Ausserhofer

„Der Kampf um die Erinnerung ist der Grund dafür, was heute mit MEMORIAL passiert. Die Solidarität und die Unterstützung, die uns in der schwierigen Zeit entgegengebracht wurde, hat uns von der Bedeutung unserer Arbeit und der Notwendigkeit überzeugt, sie außerhalb Russlands fortzusetzen.“

Irina Scherbakowa

Mitgründerin von MEMORIAL International

Memorial: Stark in vielen Ländern Europas

Gerade in Zeiten eines völkerrechtswidrigen Angriffskrieges durch Russland auf die Ukraine bedarf es Organisationen wie MEMORIAL, die eine kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte vorantreiben.

MEMORIAL besteht aus regionalen und nationalen Organisationen in verschiedenen Ländern. Neben Russland sind das beispielsweise Deutschland, Italien, Frankreich oder die Tschechische Republik.

Eines der bekanntesten Gesichter von MEMORIAL International insbesondere auch in Deutschland ist die Germanistin und Historikerin Irina Scherbakowa. Sie ist Mitbegründerin von MEMORIAL International und langjährige Koordinatorin des russischen Geschichtswettbewerbs für Jugendliche, der seit 1999 jährlich ausgerichtet wurde. Seit Juli 2022 arbeitet Irina Scherbakowa als Fellow am Imre Kertész Kolleg in Jena.

Irina Scherbakowa und MEMORIAL International stehen in einer langjährigen Partnerschaft mit der Körber-Stiftung. Die Behinderungen und am Ende Liquidierung der Organisation Ende 2021 haben auch wir immer wieder scharf kritisiert, zuletzt im März 2022.

„Wir verurteilen das Vorgehen der russischen Regierung gegen unsere Kolleg:innen von MEMORIAL auf das Schärfste. MEMORIAL hat einen wichtigen Beitrag für grenzübergreifende Verständigung geleistet. Wir werden dieses Anliegen und diejenigen, die damit verbunden sind, weiterhin unterstützen.“

Dr. Thomas Paulsen

Mitglied im Vorstand der Körber-Stiftung

Angriff auf Mitarbeitende von MEMORIAL und Körber-Stiftung in Moskau

Angreifer protestieren vor Preisverleihung des russischen Geschichtswettbewerbs im Jahr 2016
Angreifer protestieren vor Preisverleihung des russischen Geschichtswettbewerbs im Jahr 2016 Photo: Natalia Kataeva

Schon vor dem Verbot von MEMORIAL International in Russland ist die Organisation bei ihrem unermüdlichen Einsatz für eine offene Gesellschaft im Land immer stärker behindert worden. Das erfuhren auch wir als Mitarbeitende der Körber-Stiftung im April 2016 hautnah, als wir und weitere internationale Gäste bei einer Preisverleihung des russischen Geschichtswettbewerbs in Moskau angegriffen wurden. Begleitet von nationalistischen und antisemitischen Parolen wurden Gäste mit Eiern beworfen und mit ätzender Flüssigkeit besprüht. Es stellte sich heraus, dass die Angreifer in diesem Fall Mitglieder der „Nationalen Befreiungsbewegung“ sowie der „eurasischen Jugendorganisation“ waren, die den russischen Geschichtswettbewerb diffamierten, Geschichte mit Geld aus dem Ausland zu “verfälschen”. Mitarbeitende der Körber-Stiftung wurden als „Faschisten“ verunglimpft.

Dieser Angriff war nur eine Episode in einer langen Kette von Diffamierungskampagnen und Bedrohungen, denen Mitarbeitenden von MEMORIAL International in Russland viele Jahre lang regelmäßig ausgesetzt waren und sind. Die aktuelle Geschichtsschreibung Russlands idealisiert die Ära und Person Stalins und bekämpft die Auseinandersetzung und weitere Aufarbeitung der stalinistischen Verbrechen in Russland, die sich aber in den Familiengeschichten von Millionen von Russ:innen spiegelt.

1999-2021: Erfolgsmodell Geschichtswettbewerb in Russland

Preisverleihung im Nikitsky Gate Theater in Moskau, 2018
Preisverleihung im Nikitsky Gate Theater in Moskau, 2018 Photo: Körber-Stiftung

Seit 1999 hat MEMORIAL International zehntausende russische Schüler:innen angeregt, zu ihrer Lokal- und Familiengeschichte zu recherchieren. An die 50.000 Forschungsbeiträge hat die Organisation dabei in den letzten 20 Jahren in ihrem Archiv zusammengetragen. Sie zeichnen ein differenziertes Bild vom Leben der Menschen in der Sowjetunion, das eine wichtige Ergänzung darstellt zur offiziellen Geschichtspolitik des Landes.

MEMORIAL International gehörte 2001 zu den Gründungsmitgliedern von EUSTORY, unserem europäischen Netzwerk von Geschichtswettbewerben in Europa und angrenzenden Ländern. Aktuell pausiert der russische Wettbewerb, der nach dem Willen der Organisatoren allerdings bald in einem neuen Format weitergeführt werden soll.

Weitere Details zum Wettbewerb und zu MEMORIAL International gibt es hier:

Zur Historie des russischen Geschichtswettbewerbs

Einblicke aus 20 Jahren russischer Geschichtswettbewerb

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