Die Engagierte Stadt bringt Menschen zusammen. Foto: Jörg Farys

Geschichten aus der Engagierten Stadt

Mit unseren Partnern im Netzwerk der Engagierten Städte können wir auf eine erfolgreiche Vergangenheit zurückblicken. Das Netzwerk ist seit Beginn 2015 stetig gewachsen. Aus zunächst 50 teilnehmenden Städten wurden mittlerweile 113 Engagierte Städte. Dabei ist jede von ihnen einzigartig. Mit eigenen Herausforderungen, Lösungen und vor allem Menschen.

Damit wir und auch Sie die gesamte Arbeit des Netzwerks beobachten können, werden die Engagierten Städte seit Beginn des Programms wissenschaftlich begleitet. Die wissenschaftliche Beobachtung und eine ergänzende Befragung aller gemeinnützigen Organisationen in den Engagierten Städten haben gezeigt: 57 Prozent der befragten Vereine, Stiftungen und gemeinnützigen GmbHs in den Engagierten Städten gaben an, dass ihr Ort heute engagement-freundlicher ist als zu Beginn des Programms – also mehr als jede zweite Organisation.

Diese Freundlichkeit gegenüber Engagement spiegelt sich in den zahlreichen Projekten und Initiativen wider. Die folgenden Texte zeigen besonders interessante Beispiele dieser Projekte.

Vernetzung in Engagierten Städten

Schwerelos in Schwerte

In der Stadt im Ruhrgebiet setzte man darauf, von Beginn an Politik und Verwaltung mit ins Boot zu holen. Mit großem Erfolg. Es ist schon erstaunlich, was passiert, wenn eine Engagierte Stadt ihre volle Power entfaltet. Wie zum Beispiel in Schwerte. Dort hatten sich 2011 eine Handvoll Vereine von der Volkshochschule über den Förderverein des Museums bis hin zur evangelischen Kirchengemeinde zusammengetan, um das Bürgerengagement zu stärken – eine perfekte Grundlage also für die Engagierte Stadt. Und sicher auch, weil Anke Skupin als Kennerin der Stadt und der Ehrenamts-Szene sowie als Verwaltungsangestellte das Heft des Handelns entschieden in die Hand nahm. „Uns interessierte an der Engagierten Stadt insbesondere der Fokus auf Strukturen geben und entwickeln“, sagt Diplompädagogin Skupin, die heute Projektverantwortliche des Programms in ihrer Heimatstadt ist. Gemeinsam entwickelte man noch vor der Bewerbung ein Konzept und stellte es erfolgreich dem Ältestenrat der Stadt vor, also den Fraktionsspitzen im Rathaus. „Die Zivilgesellschaft hat von Anfang an die Politik und Verwaltung mit ins Boot geholt“, so Skupin. „Ohne die Kommune geht Engagierte Stadt nicht.“ Das große gemeinsame Ziel: ein Gremium in der Stadt zu verankern, in dem alle drei Sektoren sowie Bürgerinnen und Bürger an den Herausforderungen und zum Wohl der Stadt arbeiten. Ein langer Weg, den das Netzwerk Engagierte Stadt maßgeblich koordinierte. Bereits beim zweiten Treffen beschlossen die Initiatoren die Einrichtung der „Entwicklungsgruppe Bürgerkommune“. Gab es kein Hauen und Stechen, wer aus der Zivilgesellschaft dorthin entsandt werden sollte? „Nein, wir haben alles transparent gemacht“, sagt Skupin. „Die da hinein wollten, sind auch gewählt worden.“ Neben ihnen saßen gleich von Anfang an auch der Bürgermeister und weitere Verwaltungsangestellte mit am Tisch, ebenso die Wirtschaft, insgesamt 28 Teilnehmende.

Arbeitsweise in der Engagierten Stadt Schwerte

Hilfe bekam die Gruppe von der Bonner Stiftung Mitarbeit, Experten für Prozessbegleitung. „Wichtig war uns immer die professionelle Moderation und Begleitung“, so Skupin. Weitere Rezepte seien ein positives Grundklima, stetiger Austausch aller Beteiligten und die „Vorstellung und Verankerung der Ergebnisse in den relevanten Gremien aus Politik, Verwaltung, Wirtschaft und Bürgerschaft“. Dazu gehörte es auch, alle Fraktionen einmal im Jahr über den Stand der Arbeit zu informieren und mit ihnen zu diskutieren. Das zahlte sich aus: Vier Jahre und 13 Treffen inklusive der Umbenennung in „Entwicklungsgruppe MitMachStadt Schwerte“ später lag das 39-seitige Papier „Leitlinien für die MitMachStadt Schwerte“ vor, das Ende November 2019 im Rat der Stadt angenommen wurde. Ein Meilenstein für das Engagement in der Stadt.

Vernetzung der Engagierten in Schwerte

Konkrete Vernetzungs- und Beteiligungsprojekte sind neben Stadtteilkonferenzen ein künftiges Onlineportal, in dem u.a. jede Bürgerin und jeder Bürger Ideen für die Stadt einbringen kann – bei mindestens 100 Unterstützer:innen beschäftigt sich der zuständige Verwaltungsausschuss mit der Idee. Ein zweites, bereits bestehendes und vom Arbeitskreis Engagierte Stadt entwickeltes Portal bündelt die Informationen rund um das Thema Bürgerengagement in der Stadt. Und damit nicht alles digital laufen muss, soll es künftig auch einen festen Ort mitten in der Stadt am Marktplatz geben – wo man zwei Fliegen mit einer Klappe schlägt. Anke Skupin: „Wir tun etwas gegen den Leerstand und füllen den Raum sinnvoll als Anlaufstelle für Fragen der Bürgerinnen und Bürger zu Engagement und Beteiligung.“ Klar ist auch: Anke Skupin wird künftig dort ihren Schreibtisch aufstellen.

Für’s Engagement alle Interessengruppen an einen Tisch zu holen, klappt in Schwerte ziemlich gut.
Für’s Engagement alle Interessengruppen an einen Tisch zu holen, klappt in Schwerte ziemlich gut. Foto: Marc Beckmann
In Schwerte heißt es: besser gemeinsam als alleine.
In Schwerte heißt es: besser gemeinsam als alleine. Foto: Marc Beckmann
Themenpatin Anna Skupin in der Engagierten Stadt Schwerte.
Themenpatin Anna Skupin in der Engagierten Stadt Schwerte. Foto: Marc Beckmann

Arbeitsweise der Engagierten Städte

Die Lichter in Daun-Town

Damit Sie eine Vorstellung davon bekommen, wie eine Engagierte Stadt vor zivilgesellschaftlichem Wirken nur so strotzt, haben wir uns die Verbandsgemeinde Daun angesehen. Nachahmung sehr empfohlen.

Manchmal kommt einfach auch Glück hinzu. Oder Schicksal? Wie auch immer: Es war 2010, als Werner Klöckner sein „Erweckungserlebnis“ hatte. Seit 16 Jahren war er damals bereits Bürgermeister der Verbandsgemeinde Daun, einem Zusammenschluss von 38 Gemeinden inklusive des Hauptorts Daun mit heute insgesamt rund 22.600 Einwohnern westlich von Koblenz. Eine eher strukturschwache Region. Da war es kein Wunder, dass die Bevölkerungszahl über die Jahre immer weiter abnahm. Die Prognose: 2030 würden 30 Prozent der Menschen über 65 Jahre alt sein, nur 9 Prozent unter 19 Jahren. Die Folgen der Überalterung: weniger Jobs, Leerstand, mangelnde Daseinsfürsorge. Es musste also etwas passieren. Nur was? Und so kam es im besagten Jahr 2010 zu einer Situation, in der Klöckner ein Licht aufging. Die entscheidende Grundlage für die Entwicklung der Verbandsgemeinde liegt tief in einer konstruktiven Kommunikation begründet, die auf Zuhören, Augen - höhe und Empathie fußt. Seine Erkenntnis: Wir müssen anders miteinander reden, umgehen und an einem Strang ziehen, um die Region wieder auf Vordermann zu bekommen.

„Es war ein persönlicher Sinneswandel“, erzählt Tim Becker von der Engagierten Stadt Verbandsgemeinde Daun. Klöckner folgte fortan dem Credo: „Eine Region, die nicht weiß, was sie will, muss nehmen, was sie bekommt.“ Seine Überzeugung: Es bedurfte einer starken und gemeinsamen Vision, um die Region in die Zukunft zu führen. Das Ergebnis: das Konzept WEGE – Wandel erfolgreich gestalten. Gemeinsam mit Vetreter:innen aus Politik und Behörden entwarf man ein ganzheitliches Strukturkonzept, das die Region zu einem „gesunden Lebens-, Wohn- und Arbeitsort“ machen soll. Der Bürgermeister ließ sich zum Coach für friedvolle Kommunikation ausbilden, was auch unter TZI (themenzentrierte Kommunikation) bekannt ist, ließ seine Mitarbeitenden im Amt dazu schulen – und legte so die Basis für ein gelingendes Miteinander. „Heute herrscht dort eine offene Kommunikation“, so Becker. „Es ist die Basis, um Themen überparteilich und im Sinne aller voranzubringen.“

„Collective Impact war eine Riesenbereicherung“

Mit anderen Worten: Was in Daun entstand, war der ideale Nährboden für die Engagierte Stadt. Also bewarb man sich 2015. Der 2012 gegründete Verein „Bürger für Bürger“, ein Leuchtturmprojekt des WEGE-Konzepts, das sich insbesondere um die Senior:innen in und um Daun kümmert, wurde zum Ankerplatz der Engagierten Stadt und ist es bis heute geblieben. Was aber konnte die Engagierte Stadt hier noch beitragen? Tim Becker lacht. „Oh, eine ganze Menge“, sagt der Kulturwissenschaftler und Unternehmer. Seine und die Erkenntnisse seiner Mitstreiterinnen und Mitstreiter lassen sich unter einem Begriff zusammenfassen: „collective impact“ – gemeinsames Wirken. Die Methode wurde 2011 erstmals im Stanford Social Innovation Review von John Kania und Mark Kramer beschrieben. Der Kern: Gesellschaftliche Herausforderungen sind zu komplex, als dass sie von Einzelnen gelöst werden könnten. Also sollten sich viele Akteure aus diversen Bereichen zusammenschließen, um gemeinsam an den Problemen zu arbeiten (siehe weiter unten „Die 5 Kriterien von collective impact“). Becker: „Das war für uns eine Riesenbereicherung.“

Im Fall der Verbandsgemeinde Daun baute der Verein „Bürger für Bürger“ unter der Projektleitung von Werner Klöckner und mit Unterstützung der beiden WEGE-Mitarbeitenden die Steuerungsgruppe im Sinne der Engagierten Stadt auf. Weitere Partner: Caritas-Verband Westeifel e.V., das Deutsche Rote Kreuz Kreisverband Vulkaneifel e.V., die Pfarreiengemeinschaften Daun, das Naturerlebniszentrum Vulkaneifel (NEZ), die Jugendpflege Daun, die WEGE-Botschafter, Banken und Sparkassen, die Genossenschaft am Pulvermaar – eine Sorgende Gemeinschaft e.G., kommunale Vertreterinnen und Vertreter aus 16 Ortsgemeinden und nicht zuletzt Privatpersonen und Unternehmen. Der Sinn und Zweck der Zusammenarbeit: „anderen Menschen helfen“, so Becker. Natürlich, so berichtet er, wollten alle gleich nach dem ersten Treffen ins Handeln kommen, etwas bewegen. Doch laut „collective impact“ stand zunächst das Definieren eines gemeinsamen Ziels und einer Agenda im Fokus, „was ein Jahr brauchte – und niemand am Ende bereute“.

Die Geduld hat sich gelohnt. Heute gibt es beteiligungsorientierte Zukunftskonferenzen, Begegnungs- und Entwicklungsräume, Qualifizierungsangebote für Ehrenamtliche, Exkursionen und Informationsveranstaltungen. Die Steuerungsgruppe trifft sich einmal im Quartal in einem der Dörfer, ein Kernteam rund um den Bürgermeister und Tim Becker bereiten vor und nach, halten die Fäden zusammen und kümmern sich um Organisatorisches und das Finanzielle. Ihre Erkenntnisse aus dem Prozess fließen ein in den übergeordneten WEGE-Prozess.

„Wir müssen die Sprache der Wirtschaft sprechen lernen“

Also alles gut? Fast. Denn wie in vielen Fällen fehlt auch in Daun das Geld. Allerdings sind die Bedingungen hier deutlich günstiger als in vielen anderen Gemeinden. Um den Verein und damit die Arbeit der Engagierten Stadt am Leben zu halten, übernimmt die Kommune ein Drittel der Kosten, ein weiteres kommt aus Spenden und den Beiträgen der rund 800 Mitglieder zusammen. Bleibt noch ein Drittel offen. „Wir hoffen, die Wirtschaft dafür zu gewinnen“, sagt Becker. „Das ist unsere Großbaustelle“. Mithilfe einer externen Beratung wollen sie sich nun so professionalisieren, dass sie mit hiesigen Unternehmen wie Gerolsteiner Sprudel, TechniSat oder TPS-Technitube Röhrenwerke auf Augenhöhe in den Dialog treten können. Es sollen eine Handvoll Unternehmer:innen angesprochen werden, um sie als Botschafter zu gewinnen. „Dafür müssen wir die Sprache der Wirtschaft sprechen lernen“, sagt Becker. Oder noch besser: einfach mit ihm durch die aufblühende Heimat fahren und sich inspirieren lassen.

Die Verbandsgemeinde Daun liegt in Rheinland-Pfalz, südlich der Hohen Eifel.
Die Verbandsgemeinde Daun liegt in Rheinland-Pfalz, südlich der Hohen Eifel. Foto: Frank Wunderatsch
Tim Becker von der Engagierten Stadt Verbandsgemeinde Daun
Tim Becker von der Engagierten Stadt Verbandsgemeinde Daun Foto: Frank Wunderatsch

Die 5 Kriterien von Collective Impact

Kommen Sie zusammen, definieren Sie gemeinsam die Problemstellung und erarbeiten Sie eine gemeinsame Vision, wie diese gelöst werden kann.

Einigen Sie sich darauf, die Fortschritte in Ihrer Arbeit auf eine gemeinsame Art und Weise zu messen – dadurch werden Sie kontinuierlich immer besser.

Koordinieren Sie die gemeinsamen Bemühungen so, dass jegliches Handeln immer zielgerichtet auf das Ergebnis ausgerichtet ist. So wirkt es am besten.

Reden hilft – und transparente Kommunikation auch. So bauen Sie Vertrauen auf und stärken die Beziehungen zwischen allen am Prozess Beteiligten.

Bauen Sie ein Kernteam auf, das die Arbeit der gesamten Gruppe vorbereitet, begleitet und nachhält. Das schafft Vertrauen in den Prozess und ins Fortkommen.

Schlüsselfunktion von Engagierten Städten

Integration in Zwickau

Manchmal kommt das Engagement einfach so durch die Tür. Im Mütterzentrum und Mehrgenerationenhaus vom SOS-Kinderdorf in Zwickau war das eine Handvoll geflüchteter Menschen. „Die kamen eines Tages auf uns zu und sagten: Wir haben Lust auf ein Magazin – könnt ihr uns unterstützen?“, erzählt Susanne Hartzsch-Trauer, Koordinatorin des Hauses und zuständig für die Engagierte Stadt vor Ort. Und ob sie konnten. Seit 2018 gibt es nun das kostenlose Magazin „grenzenlos“, das viermal im Jahr in deutscher und in der jeweiligen Muttersprache der Autorin oder des Autors erscheint. Das Magazin widmet sich großen Themen wie zum Beispiel „Heimat“, aber beantwortet auch Alltagsfragen zu zweisprachiger Erziehung und Mülltrennung in Deutschland. „Ein Magazin von geflüchteten Menschen für Geflüchtete, Eingewanderte und ihre Nachbarinnen und Nachbarn“, fasst Susanne Hartzsch-Trauer zusammen. Die Autor:innen kommen aus Ländern wie Syrien, dem Iran oder Russland und Afghanistan. Im Rahmen der Arbeit der Engagierten Stadt konnten Geld akquiriert, ein Unterstützerkreis gewonnen und Verbindungen aufgebaut werden – wie zum Beispiel zu einer Journalistin, die das Magazin ehrenamtlich begleitet. Mittlerweile ist das Magazin mit einer Auflage von bis zu 2.000 Exemplaren zu einer Plattform für Integration in Zwickau geworden. Es berichtet über neue Initiativen und Engagement und erzählt Geschichten, wie Integration gelingt. Susanne Hartzsch-Trauer: „Engagement ist der Schlüssel für Sprache und Integration. Darüber verbinden wir Neubürgerinnen und Neubürger und Einheimische und verändern so auch die Stadtgesellschaft.“

Die Engagierte Stadt stärkt junges und vielfältiges Engagement.
Die Engagierte Stadt stärkt junges und vielfältiges Engagement. Foto: Jörg Gläscher