
Foto: Peter Jülich
Speech on exile 2026 by Irina Scherbakowa
Anlässlich der Auftaktveranstaltung der Tage des Exils Frankfurt am 20.08.2026 in der Deutschen Nationalbibliothek Frankfurt.
Exil: Zwischen Trauma und Hoffnung
Zunächst möchte ich mich für diese Möglichkeit bedanken, hier anlässlich der Eröffnung der jährlichen Tage des Exils sprechen zu dürfen.
Emigration ist ein ewiges, jahrhundertealtes Thema – und zugleich ein äußerst schwieriges, insbesondere in der heutigen Zeit, in der Emigration und Migration zu den am stärksten instrumentalisierten Themen der politischen Auseinandersetzung gehören und Europa zunehmend in ultrarechte und ultralinke Lager spalten.
Dieses Thema hat viele Facetten, und ich möchte über das sprechen, was mir persönlich am nächsten liegt – über politische und kulturelle Emigration, über Menschen, die gezwungen waren, ihre Heimat aufgrund von Kriegen oder diktatorischen Regimen zu verlassen, und zwar nicht nur, weil ihr Leben und ihre Freiheit bedroht waren, sondern auch, weil ihre moralischen Werte, ihre Vorstellungen von Recht und Unrecht mit dem Leben unter einer Diktatur unvereinbar waren.
Russland hat eine lange Geschichte der politischen Emigration. Aus dem zaristischen Russland flohen immer wieder Menschen, die von der Macht verfolgt wurden. Die bekannteste Figur der russischen Emigration war Alexander Herzen, der in den 1850er Jahren im Ausland die erste oppositionelle Zeitung in der russischen Geschichte herausgab. Das waren Polen, die nach der Niederschlagung des polnischen Aufstands im Jahr 1831 aus dem zaristischen Russland geflohen waren. Dann waren es Sozialdemokraten, und nach den blutigen Pogromen Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts verließen massenhaft Juden das Russische Imperium.
Nach dem Sieg der Bolschewiki im Bürgerkrieg kam es zur größten Emigrationswelle in der russischen Geschichte: Millionen verließen das Land, darunter Reste der zerschlagenen Weißen Armee. Die bolschewistische Regierung wies auch selbst Andersdenkende aus. 1922 beschloss Lenin 250 bedeutende Vertreter der Wissenschaft als „Spione und Verderber der lernenden Jugend“ ins Ausland zu verbannen. Auf den Schiffen, die den Hafen von Petrograd verließen, befanden sich Philosophen, Historiker und Soziologen, und diese Aktion ging später als das „Philosophenschiff“ in die Geschichte ein.
Auch georgische Sozialdemokraten flohen nach 1921 in den Westen, als infolge des Einmarsches der Roten Armee und der Aufhebung der Unabhängigkeit Georgien Teil der Sowjetunion wurde. Gegner der Bolschewiki flohen auch aus der Ukraine und Mittelasien.
Das Entstehen zweier totalitärer Systeme in Europa – der kommunistischen Diktatur und des Nationalsozialismus – vervielfachte den Strom der Emigranten, die zwischen Stalin und Hitler hin- und hergerissen wurden. Viele deutsche politische Emigranten, die vor Hitler zu Stalin geflohen waren, wurden Opfer des Terrors und starben im Gulag. Einige von ihnen wurden nach dem Hitler-Stalin-Pakt von der Geheimpolizei in die Hände der Gestapo ausgeliefert.
Ein vollkommen eigenes Thema ist der Zweite Weltkrieg und seine Folgen: mehrere Millionen Flüchtlinge und Vertriebene. Und im Nachkriegseuropa flohen Menschen in großer Zahl aus kommunistischen Diktaturen: nach der Niederschlagung des ungarischen Aufstands 1956, nach dem Einmarsch sowjetischer Truppen in die Tschechoslowakei 1968.
Wir alle kennen die Geschichten von Menschen, die jene Länder verloren haben, aus denen sie fliehen mussten, und deren Beitrag zu Wissenschaft, Kunst, Literatur und Politik später international anerkannt wurde: Albert Einstein, Thomas Mann, Vladimir Nabokov, Igor Strawinsky, Hannah Arendt, Marlene Dietrich, Joseph Brodsky und viele, viele andere.
Doch es gibt auch Geschichten von Tragödien – von Menschen, die die Emigration nicht überstanden haben, wie Walter Benjamin, Stefan Zweig, Kurt Tucholsky oder Ernst Toller. Menschen, denen der Verlust der Heimat das Leben kostete – und ich meine damit nicht den physischen Verlust der Heimat. Denn das zu überleben, was Thomas Mann 1945 in seinem Brief an Walter von Molo als „Herzasthma des Exils“ bezeichnete, war tatsächlich sehr schwer – insbesondere für jene, deren wichtigstes Instrument ihrer intellektuellen Tätigkeit das Wort ist, das sich an die eigenen Landsleute richtet. Und so traurig es auch ist: Das Bewusstsein für die Rolle und Bedeutung vieler Menschen, die ihre Heimat verlassen mussten – sei es Sowjetrussland, Nazi-Deutschland oder ein anderes Land – für die Weltkultur, entstand häufig erst viele Jahre später.
Lange Zeit wurde die russische Emigration in der Sowjetunion in einem spöttischen Licht dargestellt: als Verlierer, die ein erbärmliches Dasein in Istanbul, Paris, Berlin fristeten – die meisten mittellos, ohne Beruf und ohne Papiere.
Ihre Tätigkeit, die von ihnen gegründeten Organisationen, Verlage und Zeitungen, ebenso wie ihre Auseinandersetzungen untereinander – denn in der Emigration fanden Menschen mit sehr unterschiedlichen und oft gegensätzlichen Überzeugungen zusammen – erschienen als etwas ewig Gestriges, das mit der neuen Gesellschaft, die im Sowjetrussland entstand, nichts zu tun hatte.
Vor dem Hintergrund der politischen und wirtschaftlichen Krise Europas erschien die neue Welt, die in der Sowjetunion aufgebaut wurde, vielen Menschen äußerst attraktiv – insbesondere angesichts der Bedrohung, die von Hitler-Deutschland ausging. Diese Anziehungskraft der sowjetischen Utopie, des kommunistischen Mythos, führte dazu, dass ein Teil der Emigration Stalin unterstützte. Einige begannen für das stalinistische Regime zu arbeiten – halfen sogar dabei, Terroranschläge gegen Emigranten zu organisieren, die Stalin als Bedrohung betrachtete. Es gab auch welche, die in die Heimat zurückkehrten – ein Weg, der für die meisten im Gulag endete. Eine wichtige propagandistische Rolle spielte dabei der berühmteste russische Emigrant, der Schriftsteller Maxim Gorki. Er kehrte 1932 unter dem Jubel der Werktätigen in die Sowjetunion zurück und wurde zu einer zentralen Figur der Propaganda.
Für die deutschen Emigranten wurde die quälende Entscheidung zwischen Stalin und Hitler ebenfalls immer drängender. Sie führte dazu, dass viele von ihnen über die Verbrechen Stalins hinwegsahen oder sie sogar legitimierten. Ein bekanntes Beispiel ist das Buch des emigrierten Schriftstellers Lion Feuchtwanger, „Moskau 1937“, in dem die Moskauer Schauprozesse und der Große Terror gerechtfertigt wurden. Diese Entscheidung zugunsten Stalins war umso zynischer, als die stalinistische Propaganda die Sowjetunion als eine von Feinden umzingelte Festung darstellte. Jegliche Kontakte mit dem Ausland erregten Misstrauen und konnten den Vorwurf des Verrats, der Spionage oder des Landesverrats nach sich ziehen. Diesen Anschuldigungen fielen zahlreiche Menschen deutscher Herkunft sowie deutsche Emigranten zum Opfer.
Immer wieder wird die tröstliche Formel aus Michael Bulgakows Roman „Der Meister und Margarita“ zitiert, dass „Manuskripte nicht brennen“, trotz aller Anstrengungen von Diktatoren. Tatsächlich ist das eine Illusion oder Selbsttrost, denn sehr vieles ist zerstört und verlorengegangen – ganz zu schweigen davon, dass viele ihrer Autoren ums Leben kamen.
All dies führte zur Zerstörung wissenschaftlicher Schulen, zum Abbruch von Traditionen, zur Unterbrechung kultureller Verbindungen und zu einer verfälschten Wahrnehmung der philosophischen und historischen Wirklichkeit.
Und hier möchte ich noch einmal die wichtige Rolle der Emigration hervorheben – am Beispiel der russischen Emigration, aber natürlich betrifft dies nicht nur sie. Unter ärmlichsten Bedingungen und vor dem Hintergrund eines für viele äußerst schwierigen Lebens bewahrten die intellektuellen Vertreter der russischen Emigration einen gewaltigen Teil der russischen Kultur und russischen Sprache, die durch das totalitäre stalinistische System und seine ideologische Maschinerie zerstört worden waren.
Im Grunde meinte Thomas Mann dasselbe, als er sagte: „Deutschland – das bin ich“, als Antwort auf die gegen ihn in Nazi-Deutschland entfachte Hetzkampagne.
Und dasselbe meinte Vladimir Nabokov, der in einem seiner Romane schrieb:
„Russland muss man lieben. Ohne unsere Liebe als Emigranten ist es um Russland geschehen. Dort liebt es niemand.“
Und deshalb war es logisch, dass nach Stalins Tod, als die ersten Risse im „Eisernen Vorhang“ entstanden, die Bedeutung der Emigration immer deutlicher hervortrat – und gerade darüber ist es heute besonders wichtig zu sprechen.
Es geht dabei nicht nur darum, dass zahlreiche Manuskripte bewahrt und wichtige Archive gerettet wurden. Die Emigration trug auch dazu bei, dass bedeutende Werke der russischen Kultur entstanden und kulturelle Traditionen bewahrt und weitergegeben werden konnten. (Man darf jedoch nicht vergessen, dass ein Teil der Emigration von traditionalistischen, antiliberalen und konservativen Traditionen geprägt war. Später wurde Solschenizyn zu einem wichtigen Vertreter dieser Ideen.)
Auch die in der Sowjetunion entstandene Dissidentenbewegung war auf Hilfe aus dem Ausland angewiesen – insbesondere auf Menschen, die emigriert waren. Die Bedeutung ihres Beitrags zum intellektuellen Widerstand gegen das sowjetische Regime durch die neuen Emigrationswellen der 1960er und 1970er Jahre kann gar nicht hoch genug bewertet werden. Das waren die westlichen Radiosender, die in die Sowjetunion sendeten und zu den wichtigsten Quellen wahrheitsgemäßer Informationen wurden, die dort Millionen Zuhörer hatten. Da waren die Veröffentlichungen in der Sowjetunion verbotener Literatur, die durch die geheime Übermittlung von Manuskripten in den Westen möglich wurden. Auf diese Weise konnten Solschenizyns „Archipel Gulag“ ebenso wie zahlreiche andere bedeutende Werke der russischen Literatur, darunter auch solche, die im Exil entstanden waren, für Leser zugänglich gemacht werden. Für sie entstand sogar ein eigenes Wort: „Tamizdat“ – „Dortverlag“ für das, was im Westen veröffentlicht und anschließend heimlich in die Sowjetunion gebracht wurde.
Die Überwindung der Zensurverbote und die Rückkehr der im Westen bewahrten Kultur in die Heimat wurden zu den großen intellektuellen Errungenschaften der Perestroika. „Europa ist unser gemeinsames Haus“, erklärte Gorbatschow. Die darauffolgende Öffnung der Grenzen wurde zu einem der wichtigsten Symbole des Wandels.
Mit dem Fall der kommunistischen Regime schien die Frage der Emigration aus diesen Ländern gelöst zu sein. Die Menschen konnten nun frei ins Ausland gehen, um dort zu arbeiten oder zu studieren, ihren Wohnsitz in ein anderes Land verlegen – dies bedeutete nicht mehr, dass eine Rückkehr unmöglich war. Denn all die Jahre zuvor hatten wir in der Sowjetunion unsere Freunde, die ausreisten, so verabschiedet, als würden sie zum Mars fliegen – ohne jede Hoffnung auf ein Wiedersehen.
Warum, so scheint mir, hilft die Erfahrung anderer – selbst nach hundert Jahren?
In den 1990er Jahren konnte man sich kaum vorstellen, dass drei Jahrzehnte später erneut Hunderttausende Menschen Russland verlassen würden – die größte politische Emigration seit der Flucht vor den Bolschewiki: Menschen, die unter dem Putin-Regime nicht leben konnten und nicht leben wollten.
Ich habe nicht ohne Grund so lange über die Vergangenheit gesprochen – denn viele Menschen verspürten nach dem Februar 2022 das Bedürfnis, die Erfahrungen der Vergangenheit mit der Gegenwart zu vergleichen. Zumal ihre Wege in die traditionellen Zentren der russischen Emigration führten – nach Berlin, Paris, Prag, Riga …
Ja, die Emigration, auf die die meisten dieser Menschen nicht vorbereitet waren, stellt sie vor einer Vielzahl existenzieller Fragen: nach der Möglichkeit der Integration und der Fortsetzung der Arbeitstätigkeit, nach der Bedeutung der eigenen und der fremden Sprache und ganz einfach nach der Zuflucht, nach Schutz, um ihren Status zu legalisieren und einen Aufenthaltstitel zu erhalten – was zunehmend schwieriger wird, weil Europa seine Grenzen zumacht. Und es ist verständlich, dass Menschen versuchen, sich dort niederzulassen, wo bereits Landsleute und Menschen mit ähnlichen Schicksalen leben. Denn eine der größten Ängste eines Emigranten ist die Angst, mit seinen Problemen allein zu bleiben.
Mit Blick auf das heutige Russland Putins gibt es keine Illusion mehr über den Aufbau einer neuen besseren Gesellschaft, wie das noch vor 100 Jahren war. Man kann nur mit einer weiteren Verschärfung der diktatorischen Herrschaft und einer Zunahme der Repressionen rechnen – in einem Land, das einen verbrecherischen Krieg gegen die Ukraine führt und seine hybride Aggression gegen den Westen ausweitet.
Genau deshalb entstand nach Beginn des Krieges gegen die Ukraine ein großes Interesse an den Erfahrungen der deutschen Emigration und an der Frage, wie Menschen damals für sich die Entscheidung getroffen haben: Deutschland unter dem nationalsozialistischen Regime verlassen – oder bleiben? Es ist kein Zufall, dass Thomas Manns berühmter Brief, in dem er erklärt, warum er nicht in seine Heimat zurückkehren will, in den russischen sozialen Netzwerken verbreitet wurde, so wie auch Karl Jaspers’’ Abhandlung über die deutsche Schuld.
Und ja, es gibt vieles, was schon vor 100 Jahren das Leben in der Emigration häufig begleitet hat: Streitigkeiten und gegenseitige Schuldzuweisungen, die Suche nach Verantwortlichen für das, was mit Russland geschehen ist. Denn es ist schwer, eine Antwort auf die Frage zu finden, die Ukrainer immer wieder stellen müssen: „Wie konntet ihr das zulassen?“
Und die Auseinandersetzungen über die Zukunft – eine Zukunft, die heute außerordentlich schwer vorherzusagen ist und keine baldige Rückkehr in die Heimat verspricht.
Das führt häufig auch zu Brüchen mit jenen, die Russland bereits in den 1990er Jahren verlassen haben, aber nicht im heutigen Russland Putins, sondern mental noch im sowjetischen Russland verankert sind. Denn die Menschen, die Diktaturen verlassen, werden nicht automatisch selbst frei. Ängste und die Ablehnung des fremden Landes, auch das sogenannte Stockholm-Syndrom können sie auch in ihrem neuen Leben begleiten.
Und dann gibt es die Angst und Sorge um Freunde und Kollegen, die in der Heimat geblieben sind, aber auch Fragen nach der inneren Emigration, nach Schweigen und Kompromissen und nach den Möglichkeiten des Widerstands. Deshalb war die Entscheidung von Alexej Nawalny, nach Russland zurückzukehren, für viele so schmerzhaft, denn das kostete ihn das Leben. Er wurde auf Befehl Putins im Gefängnis ermordet.
Wenn ich hier über Emigration spreche, möchte und kann ich natürlich nicht den Eindruck erwecken, als sei ich naiv optimistisch oder würde die dramatische Situation, in der sich viele Emigranten befinden, übersehen. Und dennoch möchte ich sagen: Für diejenigen, die ihr Land verlassen haben und den Diktaturen entgegentreten wollen, gibt es unterschiedliche Wege. Und ich sehe, dass viele Menschen diese Wege und Möglichkeiten nutzen.
Vor allem aber – und das ist das Wichtigste – geht es darum, denjenigen zu helfen, denen es schlechter geht als einem selbst. Das bedeutet auch, sich nicht ständig über das eigene schwere Schicksal als Emigranten zu beklagen, sondern an die Tausenden und Abertausenden Ukrainerinnen und Ukrainer zu denken, die vor der russischen Invasion und den russischen Bomben fliehen mussten. Für diejenigen, die Russland verlassen haben, bedeutet das vor allem, die Ukraine zu unterstützen. Dies ist in den unterschiedlichsten Formen möglich.
Und es bedeutet, Solidarität mit der politischen Emigration aus Belarus zu zeigen. Denn uns verbindet nicht nur eine totalitäre Vergangenheit, sondern auch der gemeinsame Kampf gegen die heutigen Diktatoren.
Eine weitere wichtige Aufgabe der Emigration besteht darin, die besten kulturellen Traditionen der alten Emigration fortzuführen. Denn die Zerstörung und der Missbrauch der russischen Kultur gehören zu den wichtigsten ideologischen Zielen der putinschen Propaganda. Sie behauptet ständig, die russische Kultur und die russische Sprache würden im Westen „abgeschafft“. In Wirklichkeit ist es gerade im putinschen Russland die russische Kultur, die zerstört und zensiert wird, und die russische Sprache, die verfälscht wird. Die russische Klassik wird dazu benutzt, Imperialismus und aggressiven Nationalismus zu rechtfertigen – ganz zu schweigen davon, wie tief die Verbindungen zur westlichen Kultur gekappt werden. Ein Beispiel dafür ist die staatliche Repression gegen LGBT-Personen und die sogenannte „LGBT-Propaganda“.
Eine der wichtigen Aufgaben der Emigration besteht deshalb darin, unabhängige Medien aufzubauen, die wahrheitsgemäße Informationen vermitteln, Internetsperren überwinden und den Zugang zu unabhängigen Informationen ermöglichen. Im Ausland gegründete unabhängige Verlage veröffentlichen Werke von Autoren, deren Bücher und Texte in Russland inzwischen verboten sind. Dasselbe gilt für Regisseure und Schauspieler sowie Musiker, die Russland verlassen haben.
Eine weitere wichtige Aufgabe besteht darin, Zeugnis zu sammeln und historische Erinnerung zu bewahren. Genau das leisten neugegründete Memorial-Organisationen im Exil. In Berlin ist dies beispielsweise seit drei Jahren eine zentrale Aufgabe der Organisation Zukunft- Memorial. Dazu gehört auch die Dokumentation des Erlebten heutiger politischer Gefangener in Russland.
Und es gibt eine weitere, übergeordnete Aufgabe: diejenigen im Westen, die noch immer auf ein Einlenken Putins hoffen, davon zu überzeugen, dass es nicht geschehen wird. Diejenigen, die immer noch hoffen, man könne sich mit Putin einigen, den Druck auf die Ukraine erhöhen oder die Unterstützung für sie begrenzen – und dann werde Frieden eintreten, Öl und Gas aus Russland würden wieder fließen und alles werde wieder so sein wie früher.
Ebenso wichtig sind die Verbindungen zur Zivilgesellschaft in jenen Ländern, in denen die Emigranten leben. Denn sehr oft sind diese Verbindungen selbst nach vielen Jahren noch schwach. Menschen leben weiterhin in ihrer eigenen Blase und überwinden weder sprachliche noch kulturelle noch politische Barrieren.
Menschen, die die lokalen Gepflogenheiten, Gesetze und die Sprache nicht kennen, können Irritationen hervorrufen, und politische Populisten nutzen dies fast immer für ihre eigenen Zwecke. Dabei ist dies ein äußerst wichtiger und entscheidender Faktor. Denn die Sympathie und das Mitgefühl für Emigranten können leider schwächer werden oder ganz verschwinden. Und weil sich der Hass auf Diktaturen und Diktatoren, so paradox es auch klingen mag, häufig auf diejenigen überträgt, die vor ihnen geflohen sind, geraten auch politische Emigranten schnell ins Visier.
Wir sehen, dass das Putin-Regime in der politischen Emigration eine Gefahr für sich selbst sieht. Russland wird wieder zur „belagerten Festung“ erklärt, die sich schützen müsse. Genau damit lassen sich auch die von der Duma verabschiedeten Gesetze erklären, die Emigranten, die zu „ausländischen Agenten“ erklärt wurden, faktisch ihrer Bürgerrechte berauben. Unter dem Beifall aller Abgeordneten erklärte der Duma-Vorsitzende Wolodin, das Gesetz, das diesen Menschen alle ihre Rechte entziehe, müsse „angesichts der militärischen Spezialoperation“ verabschiedet werden. Es sei „eine wichtige Entscheidung, die es uns ermöglicht, den Staat vor diesen Schurken zu schützen, die das Land verlassen haben und von dort aus weiterhin Schaden anrichten“.
All diese Schwierigkeiten und Probleme, die mit dem Thema Exil in Verbindung stehen, werden von Populisten in vielen Ländern instrumentalisiert, für die eigenen politischen Zwecke, für das Erzeugen von Feindbildern. Heute steht Deutschland vor Landtagswahlen, und die möglichen Ergebnisse lösen große Sorge aus. Wir sehen, um dies zu verhindern, bedarf es gewaltiger gemeinsamer Anstrengungen aller demokratischen Kräfte. Und dazu gehört auch die politische Emigration.