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Stark gegen Desinformation – faktenstark
In Zeiten von Klimakrise, Pandemie und politischer Spaltung ist eines besonders wichtig: verlässliche Informationen. Doch genau die geraten zunehmend unter Druck. Desinformation – also gezielte Falschinformationen – verbreitet sich vor allem in sozialen Medien blitzschnell. Sie wirken emotional, scheinen oft plausibel und untergraben unser Vertrauen in Medien, Politik und Mitmenschen. Dabei haben sie das Ziel zu manipulieren und Schaden anzurichten. Was können wir dem entgegensetzen? Wie erkennen wir Täuschung? Und welche Kompetenzen brauchen wir, um unsere Demokratie zu schützen?
Warum wir nicht von „Fake News“ sprechen
Der Begriff tauchte 2016 als Bezeichnung für erfundene Inhalte auf Social Media auf, wurde aber 2017 von Donald Trump im Wahlkampf gekapert, um kritische Berichterstattung abzuwerten. Heute ist „Fake News“ ein politischer Kampfbegriff, der mehr verschleiert als erklärt. Der Begriff ist ungenau und macht die Schadensabsicht nicht deutlich genug. Daher verwenden wir den Begriff Desinformation.
Desinformation ist nicht einfach ein Versehen. Sie wird bewusst gestreut, um zu täuschen, zu polarisieren und demokratische Prozesse zu schwächen.
Desinformation verstehen
Gezielte Täuschung hat viele Gesichter – und nicht jede falsche Information ist automatisch Desinformation. Um gut damit umgehen zu können, lohnt es sich, drei Begriffe auseinanderzuhalten: Desinformation, Misinformation und Malinformation.
Alle drei können Schaden anrichten, unterscheiden sich aber darin, ob die Falschmeldung beabsichtigt ist und wie die Inhalte eingesetzt werden:
Desinformation ist absichtlich falsch oder irreführend. Sie wird gezielt verbreitet, um Menschen zu täuschen, zu verunsichern oder gegeneinander aufzubringen. Dazu gehören Deepfakes, Propaganda und manipulierte Inhalte.
Misinformation ist falsch, aber ohne Täuschungsabsicht verbreitet, oft durch Missverständnisse oder ungenaue Recherche.
Malinformation besteht aus wahren Informationen, die aus dem Zusammenhang gerissen oder so platziert werden, dass sie gezielt schaden. Dazu gehört die Veröffentlichung von Leaks mit Schadensabsicht.

Was sind Desinformationen, wer verbreitet sie und mit welchem Ziel? Welche Auswirkungen haben sie auf Gesellschaft und Individuum?
Desinformation entsteht nicht im luftleeren Raum, hinter ihr stehen immer Akteurinnen und Akteure mit bestimmten Zielen und Beweggründen. Manche handeln organisiert und strategisch, andere spontan und aus persönlichen Motiven. Die Absichten reichen von politischer Einflussnahme bis hin zu reinem Selbstausdruck. Wer die Akteurinnen und Akteure kennt und ihre Motive versteht, kann Desinformation besser einordnen und gezielter darauf reagieren.

Wenn wir über Akteurinnen und Akteure von Desinformation sprechen, ist es wichtig zu unterscheiden: Viele Menschen verbreiten oder glauben Desinformation, ohne böse Absicht. Sie tun das etwa, weil sie nicht wissen, dass eine Information falsch ist, weil ihnen Medienkompetenz fehlt oder weil sie der Quelle fälschlicherweise vertrauen. Nicht jede Person, die Desinformation teilt, verfolgt also eine politische Agenda oder ein gefestigtes Weltbild, oft zeigt sich darin eher eine Tendenz oder ein Einfallstor.
Daneben gibt es jedoch antidemokratische Akteurinnen und Akteure, die als gezielte Verbreiterinnen und Verbreiter von Desinformation mit klaren Absichten zu betrachten sind: die öffentliche Meinung zu beeinflussen oder gesellschaftliche Spaltungen zu vertiefen. Dazu gehören politische Akteurinnen und Akteure wie Parteien oder einzelne Politikerinnen und Politiker, wirtschaftliche Akteurinnen und Akteure wie Unternehmen oder PR-Agenturen, staatliche Akteurinnen und Akteure wie autoritäre Regierungen, sowie pseudo-journalistische Angebote, bestimmte Influencerinnen und Influencer und extremistische Gruppen. Sie nutzen Desinformation bewusst als Strategie, um Macht zu sichern, Profit zu machen oder demokratische Strukturen zu schwächen. Auch wirtschaftliche Interessen können hinter Desinformationen stecken. So verbreitete sich im Juni 2025 eine gefälschte Webseite des Händlers Lidl.

Grafik: Faktenstark 
Eine Studie von Science aus dem Jahr 2024 zeigt: Die meisten Fake News auf Twitter (heute X) stammen von einer winzigen Gruppe sogenannter „Supersharer“. Während der US-Präsidentschaftswahl 2020 machten nur rund 2100 Nutzerinnen und Nutzer ganze 80% aller geteilten Falschmeldungen aus. Diese Personen waren überproportional häufig republikanisch, weiblich, mittleren Alters und lebten in konservativen US-Bundesstaaten wie Arizona, Florida und Texas. Bemerkenswert ist, dass sie nicht automatisiert, sondern durch hartnäckiges manuelles Retweeten aktiv waren.
Das bedeutet: Schon eine sehr kleine, aber extrem aktive Minderheit kann soziale Medien mit Desinformation überfluten und so politische Debatten massiv verzerren.
Warum sind Desinformationen ein Problem für uns?
Desinformationen schwächen unser Zusammenleben auf vielen Ebenen: Sie können die Gesellschaft spalten und das Vertrauen in demokratische Institutionen untergraben. Häufig stigmatisieren sie bestimmte Gruppen wie Geflüchtete, religiöse Minderheiten oder queere Menschen und knüpfen dabei oft an bereits vorhandene Vorurteile wie Rassismus oder Antisemitismus an. So tragen sie gezielt zur Ausgrenzung bei. Viele Menschen fühlen sich durch die Flut an widersprüchlichen Informationen überfordert oder ziehen sich ganz zurück, bis hin zur Vereinsamung. Hinzu kommt: Online gestreute Falschmeldungen können analoge Gewalt anheizen. Oft wirken sie so attraktiv, weil sie komplexe Probleme scheinbar einfach erklären. Doch damit polarisieren sie, lenken von eigentlichen Missständen ab und machen eine konstruktive Diskussion schwieriger.
Desinformationen erkennen
Desinformation nutzt gezielte Taktiken, um Emotionen zu wecken, Themen zu verzerren und unser Urteilsvermögen zu beeinflussen. Diese Strategien sind oft so angelegt, dass sie unsere Aufmerksamkeit fesseln, Misstrauen säen und Diskussionen in eine gewünschte Richtung lenken.

Grafik: Faktenstark Beispiel Informationsvakuum 



Welche Manipulationsstrategien werden genutzt?
Emotionale Aufladung: Texte oder Bilder lösen Angst, Wut oder Empörung aus, sodass wir sie schneller teilen, ohne nachzudenken.
Whataboutismus: statt ein Argument zu beantworten, wird mit „Aber was ist mit…?“ abgelenkt, sodass das eigentliche Problem verschwimmt.
Dekontextualisierung: hier werden echte Fotos, Videos oder Zitate aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang gerissen und wirken so wie scheinbare Beweise.
False Balance: hier werden Fakten und unbelegte Behauptungen so präsentiert, als seien sie gleichwertig, was einen falschen Eindruck von Ausgewogenheit erzeugt.
Aufklärung gegen Desinformation wirkt!
Auch international gibt es Initiativen, die Menschen schon im Vorfeld für die Tricks von Desinformation sensibilisieren. Ein Beispiel ist die von Jigsaw gestartete Videokampagne, die in Zusammenarbeit mit Partnern wie Google Deutschland, Correctiv, der Amadeu Antonio Stiftung und codetekt e. V. umgesetzt wurde. In kurzen Clips werden typische Manipulationstechniken wie Schuldzuweisungen oder übertriebene Emotionen erklärt.
Eine begleitende Studie von ScienceAdvances aus dem Jahr 2022 zeigt: Schon nach einem solchen Video konnten Teilnehmende diese Muster deutlich besser erkennen. Das gilt als wichtiger Beleg dafür, dass leicht verständliche Aufklärungsvideos ein wirksames Mittel sind, um Menschen frühzeitig widerstandsfähiger gegen Desinformation zu machen.
Desinformationen begegnen
Es braucht Strategien auf verschiedenen Ebenen: von der Politik über Medien und Zivilgesellschaft bis hin zu uns selbst. Jede Ebene trägt dazu bei, dass falsche oder manipulative Inhalte weniger Wirkung entfalten. Die Politik muss Regeln schaffen, die große Plattformen wie Facebook oder YouTube transparenter machen – etwa durch Offenlegung von Algorithmen und die Umsetzung des Digital Service Acts, gegen gezielte Desinformationskampagnen. Medien tragen Verantwortung, indem sie gründlich recherchieren, ihre Quellen offenlegen und Fehler schnell korrigieren. Auch die Zivilgesellschaft spielt eine wichtige Rolle: Vereine, Initiativen und Bildungsprojekte vermitteln, wie man Falschmeldungen erkennt, und beobachten, wo Desinformation besonders verbreitet ist. Und schließlich ist auch jede und jeder Einzelne gefragt: Vor dem Teilen innehalten und fragen „Stimmt das wirklich? Wer sagt das?“, Quellen vergleichen, auf Sprache und Bilder achten und typische Manipulationstricks erkennen. Dazu gehört auch, seine eigene Anfälligkeit für Desinformationen zu reflektieren und anzuerkennen.
Was hilft im Umgang mit Desinformationen?
Oft wirken Desinformationen so stark, weil sie unsere Gefühle und Denkgewohnheiten gezielt ansprechen. Menschen haben bestimmte „psychologische Trigger“ – also Muster im Kopf, die uns anfälliger machen für Manipulation. Wer diese Mechanismen kennt, kann im Alltag leichter innehalten, kritisch nachfragen und sich weniger leicht täuschen lassen.
Bestätigungsfehler: wir schenken vor allem den Informationen Glauben, die in unser bereits bestehendes Weltbild passen – und blenden Widersprüche oft aus.
Verfügbarkeitsheuristik: wenn wir eine Behauptung immer wieder hören oder sehen, erscheint sie uns automatisch glaubwürdiger, selbst wenn sie falsch ist.
Gruppendruck (Social Proof): wenn viele Menschen in unserem Umfeld etwas teilen oder daran glauben, schließen wir uns leicht an, um nicht außen vor zu sein.

Grafik: Faktenstark Bestätigungsfehler 

Desinformation wirkt nur, wenn wir sie unbemerkt passieren lassen. Werde aktiv: Sprich Falschinformationen an, teile verlässliche Quellen und übe dich im kritischen Prüfen von Nachrichten. Jeder Check, jedes Gespräch und jede Weitergabe seriöser Infos stärkt unser demokratisches Miteinander.
Vier Schritte der Gegenrede
Wie ist die Situation? Bin ich online oder offline, privat oder in der Öffentlichkeit, in ruhiger oder aufgeheizter Stimmung – und bin ich allein oder in einer Gruppe?
Wie ist meine Beziehung zur Person? Geht es um eine fremde Person auf Social Media, um Familienmitglieder oder vielleicht sogar um Vorgesetzte?
Wie sieht sich mein Gegenüber? Fühlt sich die Person sicher, im Recht oder vielleicht schon unsicher?
Was ist mein Ziel? Will ich klare Grenzen setzen, Betroffene schützen, irritieren oder Zweifel säen, jemanden überzeugen oder die Beziehung nicht gefährden?
Du stolperst über Falschnachrichten – drei Tipps für den Umgang
Faktencheck
Widerlege Falschnachrichten mit Fakten. Du kannst die Person, die Falschnachrichten verbreitet, darum bitten, anzugeben, woher sie die Informationen hat, also die Quellen. Außerdem kannst du natürlich selbst Fakten nutzen, um Falschnachrichten zu widerlegen.
Moralische Grundsätze
Verweise auf allgemeine moralische Grundsätze: Erinnere beispielsweise daran, dass echte Menschen von der Falschnachricht betroffen sind und sie von den Aussagen verletzt werden können. Du kannst natürlich auch auf mögliche rechtliche Konsequenzen verweisen.
Beim Namen nennen
Nenne die Dinge beim Namen: Wenn etwas diskriminierend ist, kannst du es als solches benennen! Falschnachrichten reproduzieren oft rassistische, sexistische, ableistische und antisemitische Erzählungen. Melde sie!
Praxisnahe Werkzeuge
Trust-Checking
Trust-Checking prüft Informationen auf ihre Vertrauenswürdigkeit, anhand von fünf Kriterien auf einer Skala von “nicht-vertrauenswürdig” bis “vertrauenswürdig”. Quellen, Bilder, Medium, Inhalt, Zitate: Diese Kriterien funktionieren wie eine Checkliste für die Begegnung mit potenziellen Desinformationen. Für eine fundierte Bewertung ist eine Kombination der verschiedenen Trust-Checking-Kriterien nötig, denn erst deren Verbindung lässt eine differenzierte Einschätzung der Information zu. So angewandt fordert bzw. fördert der Trust-Check-Ansatz von codetekt einen ganzheitlichen, kritischen Blick auf Informationen.
Prebunking
Prebunking ist eine vorbeugende Methode zur Prävention von Desinformation. Ziel ist es, vorbeugende Maßnahmen so zu stärken, dass Desinformation nicht entsteht oder weiterverbreitet wird. Dazu gehört es, Manipulationstechniken, wie Panikmache, Whataboutism, Dekontextualisierung zu kennen, und Warnzeichen zu bemerken (starke Emotionen, fehlende Quellen, Absolute).
Debunking
Debunking setzt dort an, wo Desinformation bereits verbreitet wurde. Dabei geht es um das Aufdecken und Widerlegen von Desinformation durch überprüfbare Fakten. Wer sich mehrere verlässliche Quellen anschaut, Berichte vergleicht und die korrekte Version teilt, hilft, Schaden einzudämmen und Desinformation sichtbar zu korrigieren.
Faktencheck-Portale
Correctiv: unabhängige Investigativ- und Faktencheck-Redaktion, die Falschmeldungen und Propaganda aufdeckt.
Mimikama: erklärt typische Fakes, Kettenbriefe und virale Gerüchte.
Tagesschau-Faktenfinder: veröffentlicht regelmäßig Faktenchecks zu Politik, Gesellschaft und Social Media.
Digitale Werkzeuge
Reverse Image Search: zeigt, wo ein Bild ursprünglich herkommt und in welchem Kontext es genutzt wurde.
InVID-WeVerify: hilft, Videos zu analysieren und Standbilder herauszulösen, um Manipulationen zu erkennen.
Meldestellen
Internet-Beschwerdestelle: Möglichkeit, jugendgefährdende oder strafbare digitale Inhalte einfach und anonym zu melden.
Unterstützung bei Hass und Mobbing
HateAid: bietet rechtliche und psychologische Hilfe bei digitaler Gewalt und Desinformation.
juuport: Beratungsplattform von Jugendlichen für Jugendliche bei Cybermobbing und problematischen Online-Erfahrungen.
faktenstark-Workshops
Möchtest du sicherer im Umgang mit Desinformation werden? Die Workshops vermitteln dir Wissen und praktisches Handwerkszeug, um Desinformationen im Alltag zu erkennen und wirkungsvoll zu begegnen.
Als gemeinsame Initiative von der Amadeu Antonio Stiftung und der gemeinnützigen Organisation codetekt, die von der Bertelsmann Stiftung unterstützt wird, vermittelt faktenstark alltagstaugliche Strategien und macht Menschen fit im Umgang mit Desinformation.
Text: Denise Graupner, Bildungsreferentin im Projekt faktenstark – Stark gegen Desinformation der Amadeu Antonio Stiftung

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