Rafael Rennicke Foto: Oliver Reuther

Rafael Rennicke

Rafael Rennicke ist promovierter Musikwissenschaftler und Musikredakteur beim Kulturradio SWR2 in Baden-Baden. Seit mehr als zehn Jahren wirkt er als Dramaturg, Moderator, Kurator und Publizist für führende deutschsprachige Kultur-Institutionen, so u. a. für Konzertveranstalter wie die „musica viva“ München, das Gewandhaus zu Leipzig und die BASF Kultur, für Musikfestspiele wie die Schwetzinger SWR Festspiele, die Festspiele Mecklenburg-Vorpommern und Young Euro Classics Berlin, sowie für Zeitungen (FAZ) und Fachzeitschriften (Neue Zeitschrift für Musik). Nach seinem Studium der Musikwissenschaft und Allgemeinen Rhetorik an der Universität Tübingen war er drei Jahre lang Konzertdramaturg an der Oper Stuttgart.

Der Körber-Stiftung fühlt er sich seit langem eng verbunden: Nachdem er von 2012 bis 2014 Stipendiat der Exzellenzinitiative „Masterclass on Music Education“ war, kuratierte er u. a. das Begleitprogramm der Festivals 360 Grad Streichquartett (2014) und 360 Grad Viola (2015) bei den Festspielen Mecklenburg-Vorpommern und war dort seitdem regelmäßig als Musikvermittler, Dramaturg und Kurator zu Gast.

  • Fotos: Claudia Höhne

„Musik ist um mich, seit ich denken kann“ – Ein Interview mit Rafael Rennicke

Wie kamen Sie zur Musik und zur Wissenschaft darüber?

Musik ist um mich, seit ich denken kann. Wenn mein Vater – ein Deutsch- und Musiklehrer am Gymnasium – von der Schule nach Hause kam, saß ich schon unter dem Flügel. Dann spielte er für mich Schumanns Fröhlichen Landmann, von der Arbeit zurückkehrend. Ich spielte in meiner Kindheit und Jugend Klavier und Cello, irgendwann auch jedes Jahr bei Jugend musiziert. Aber dann wollte ich doch auch wissen, warum das so ist, dass etwa Mozart anders klingt als Beethoven und Schubert wiederum anders als Beethoven… Das brachte mich zur Musikwissenschaft. Und ich habe diesen Schritt nie bereut.

Wann langweilen Sie Konzerte? Wann sind sie aufregend?

Das beste Mittel gegen langweilige Konzerte: Beim Zuhören die Bildererweckungsmaschinen im eigenen Kopf anwerfen! Denn die Fantasie kann komponieren und kompensieren – und damit auch über die routinierteste Aufführung von Allerweltsprogrammen hinweghelfen. Aufregend sind Konzerte hingegen dann, wenn das Gegenteil eintritt: Wenn ich mich beim Hören ganz vergesse, eingehe und aufgehe in der Musik und in das Geschehen vor mir auf der Bühne.

Warum braucht es Musikvermittlung? Was motiviert Sie, zwischen den Musikern und dem Publikum eine Brücke zu schlagen?

Musik braucht vielleicht keine Worte, aber Worte können uns dabei helfen, auf Musik zuzugehen, sie anzunehmen, sie zu unserem Eigenen zu machen. Bei Musikvermittlung geht es mir nicht primär um Wissensvermittlung, sondern um den lebendigen Kontakt mit Musikern und dem Publikum: in einer begrenzten Zeit gemeinsam etwas zu erleben und der Musik dabei einen Schritt näherzukommen. Diese Begegnungen dürfen auch einen offenen Ausgang haben. Überhaupt finde ich, dass wir über die Rätsel und Wunder der Musik mehr staunen sollten, als zu glauben, wir müssten sie lösen.

Was wird sich in den nächsten 50 Jahren im Konzertgeschehen ändern?

Menschen, die noch nie mit klassischer Musik in Berührung gekommen sind, werden von den Konzertveranstaltern mit offeneren Armen empfangen. Zeitgenössische Musik wird noch selbstverständlicher Eingang finden in die Programme. Und das Publikum wird diverser sein, jünger auch, und erfüllt von einer ungebrochenen Neugier auf Altes, Neues, Bekanntes und Unvertrautes.

Was empfinden Sie an der Beschäftigung mit der Musik als besonders spannend – über das Hören hinaus?

Dass sie uns dazu verführt, über sie nachzudenken und zu sprechen. Und dass sie uns dafür auch noch belohnt und reich beschenkt.

Was interessiert Sie an der Reihe 2x hören?

Hier in Hamburg steht die Wiege dieser längst auch in vielen anderen Städten etablierten Reihe. Das ist für mich etwas Besonderes und macht mich glücklich, diese Reihe als ehemaliger Körber-Stipendiat hier nun fortsetzen zu dürfen. Eine bessere Möglichkeit, ins Innenleben zeitgenössischer Musik einzutauchen und „keine Angst vor“ ihr zu haben, kann es kaum geben.

Wie kamen Sie zu Hector Berlioz? Was interessiert Sie an diesem Komponisten? Und wovon handelt Ihre Dissertation?

Als ich den ersten Satz von Harold en Italie erstmals hörte, war es um mich geschehen: Eine derart poetische, subjektive Musik hatte ich bis dahin noch nicht gehört. Für viele mag mit Beethoven die Moderne beginnen, für mich mit Berlioz. Wie er körperliche und psychische Vorgänge in Musik überführt, ist faszinierend. Mit meiner Dissertation Erinnerungspoetik huldige ich diesem Pioniergeist von Berlioz: Wie er es schafft – vor allem mithilfe des Englischhorns –, Erinnerungen im Hörer zu wecken.

Interview: Kai-Michael Hartig, Leitung Bereich Kultur