Transatlantische Beziehungen: Deutsche gehen auf Distanz zu den USA

Nach Amtsantritt von Donald Trump und Friedrich Merz: Aktuelle Umfrage der Körber-Stiftung zeigt die Sicht der Deutschen auf die Außenpolitik

Knapp ein Jahr nach Trumps Rückkehr ins Weiße Haus und im ersten Amtsjahr von Bundeskanzler Merz wird das deutsch-amerikanische Verhältnis sehr kritisch gesehen: Drei Viertel der Deutschen (73 Prozent) bewerten die Beziehungen zu den USA als schlecht. Unter der Präsidentschaft von Joe Biden hielten noch 74 Prozent das Verhältnis zu den Vereinigten Staaten für gut (The Berlin Pulse 2024).

Eine große Mehrheit von 72 Prozent der Deutschen befürwortet, dass die Bundesregierung die Verteidigungsausgaben in den kommenden zehn Jahren verdoppeln will. Gleichzeitig lehnen 61 Prozent eine militärische Führungsrolle Deutschlands in Europa weiterhin ab.

Das ist das Ergebnis der jährlichen repräsentativen Umfrage The Berlin Pulse der Körber-Stiftung, die im September vom Meinungsforschungsinstitut Forsa durchgeführt wurde.

„Die Kluft zwischen öffentlicher Meinung und offizieller Politik ist kein neues Phänomen. Doch angesichts der aktuellen Zahlen von The Berlin Pulse stellt sich mit neuer Dringlichkeit die Frage, wie die Bundesregierung mit der Spannung zwischen außenpolitischen Grundsätzen und einer sich wandelnden öffentlichen Stimmung umgehen wird“, kommentiert Nora Müller, Leiterin des Bereichs Internationale Politik der Körber-Stiftung, die Umfrageergebnisse.

Auf die Frage nach den größten Herausforderungen für die deutsche Außenpolitik entfallen – wie im Vorjahr – 45 Prozent der Nennungen auf den Krieg in der Ukraine. Insgesamt 39 Prozent entfallen auf das Thema Israel/Naher Osten/Mittlerer Osten (2024: 17 Prozent) und 33 Prozent auf die Beziehungen zu den Vereinigten Staaten (2024: 10 Prozent). Somit haben beide Themen in diesem Jahr deutlich an Bedeutung gewonnen.

USA nicht mehr wichtigster Partner

Nach Ansicht der Deutschen sind die USA zum ersten Mal seit drei Jahren nicht länger der wichtigste Partner für die deutsche Außenpolitik. Stattdessen sehen 46 Prozent inzwischen wieder Frankreich als zentralen außenpolitischen Partner – wie auch schon während Trumps erster Amtszeit (2017-2021). Nur noch 26 Prozent nennen die USA als wichtigsten Partner. Auch in internationalen Konflikten wird die Beziehung zu den Vereinigten Staaten zunehmend kritisch bewertet. Nur 38 Prozent der Befragten sehen die USA als verlässlichen Partner im Umgang mit dem Krieg in der Ukraine und lediglich 23 Prozent betrachten sie als Partner Deutschlands beim Einsatz für Demokratie in der Welt.

Während im vergangenen Jahr nur 17 Prozent der Deutschen die USA als wirtschaftliche Bedrohung sahen, sind es inzwischen 38 Prozent. Zugleich glauben nur 35 Prozent, dass sich Deutschland noch auf den nuklearen Schutzschirm der USA verlassen kann. Stattdessen sprechen sich drei Viertel (75 Prozent) dafür aus, dass sich Deutschland um einen nuklearen Schutzschirm durch Frankreich und Großbritannien bemühen sollte.

Auch in gesellschaftlichen Fragen zeigt sich eine zunehmende Entfremdung zu den USA: Eine Mehrheit von 59 Prozent der Deutschen vertritt die Ansicht, dass man hierzulande seine Meinung frei äußern kann – nur rund ein Drittel (35 Prozent) glaubt, dass dies auch für die US-Amerikaner gilt.

Uneins über Rolle Deutschlands in Krisen

Während 48 Prozent der Befragten für ein stärkeres Engagement Deutschlands in internationalen Krisen plädieren, wünschen sich 43 Prozent eine stärkere Zurückhaltung. In dieser Frage zeigen sich auch deutliche Unterschiede zwischen Ost und West. So spricht sich eine Mehrheit der Ostdeutschen (52 Prozent), aber nur 42 Prozent der Westdeutschen für mehr Zurückhaltung Deutschlands in internationalen Krisen aus, während eine knappe Mehrheit der Westdeutschen (51 Prozent) und lediglich 35 Prozent der Ostdeutschen für ein stärkeres Engagement plädieren. Hiervon wünschen sich 72 Prozent vor allem diplomatische Initiativen.

Mehrheit für Friedenstruppe in der Ukraine

Im dritten Jahr des Krieges in der Ukraine sprechen sich 59 Prozent der Deutschen für die weitere Unterstützung der Ukraine mit Waffen im Kampf gegen Russland aus. Sollte es zu einem Abkommen über ein Ende des Krieges kommen, befürworten derzeit 56 Prozent, dass sich Deutschland mit eigenen Soldaten an einer europäischen Friedenstruppe in der Ukraine beteiligt.

Gleichzeitig zeigt sich Skepsis gegenüber den Absichten des russischen Präsidenten Wladimir Putin: Nur 21 Prozent der Befragten glauben, dass dieser grundsätzlich an einer Verhandlungslösung interessiert ist. Parallel dazu wächst die Sorge um die eigene Sicherheit. 47 Prozent der Deutschen schätzen die militärische Bedrohung durch Russland als sehr groß ein – ein deutlicher Anstieg gegenüber dem Vorjahr, als dieser Wert noch bei 39 Prozent lag. Auch die Sorge vor Versuchen Russlands, die öffentliche Meinung in Deutschland zu beeinflussen, ist bei der Mehrheit der Deutschen (54 Prozent) groß.

Sorge um Abhängigkeit gegenüber China

Der wachsende globale Einfluss Chinas wird von den Deutschen derzeit weniger negativ bewertet als im Vorjahr. Aktuell sehen 50 Prozent (2024: 61 Prozent) den zunehmenden Einfluss Chinas kritisch, während ihn 42 Prozent für neutral und nur 7 Prozent für positiv halten. Trotz dieser etwas milderen Einschätzung betrachten weiterhin knapp sechs von zehn Deutschen (59 Prozent) China als große wirtschaftliche Bedrohung.

Gleichzeitig ist die Unterstützung für eine militärische Hilfe Taiwans im Konflikt mit China in der deutschen Bevölkerung gesunken. Während sich 2024 noch 31 Prozent dafür aussprachen, sind es in diesem Jahr nur noch 24 Prozent.

Distanz gegenüber Israel

Nur 38 Prozent der Befragten sehen aufgrund der historischen Verantwortung aus dem Holocaust eine besondere Verpflichtung Deutschlands gegenüber Israel. Des Weiteren waren im September – noch vor dem Waffenstillstand im Gazastreifen – knapp drei Viertel (73 Prozent) der Meinung, dass die Bundesregierung stärkeren diplomatischen Druck auf Israel ausüben sollte, um den Krieg in Gaza zu beenden.

Mehrheit hält EU für zu zurückhaltend

Trotz der von der EU-Kommission verhandelten Einigung im Zollstreit mit den USA haben 73 Prozent der Deutschen den Eindruck, dass Europa bei der Durchsetzung seiner wirtschaftlichen Interessen gegenüber den USA zu zurückhaltend agiert. Fast zwei Drittel (64 Prozent) sehen zudem den Einfluss der Europäischen Union in letzter Zeit eher gesunken – vor einem Jahr war dies noch deutlich weniger als die Hälfte (44 Prozent).

Die Umfrage

Forsa Gesellschaft für Sozialforschung und statistische Analysen mbH hat im Auftrag der Körber-Stiftung im September 2025 1.503 Wahlberechtigte ab 18 Jahren in Deutschland zu ihren außenpolitischen Einstellungen befragt. Alle US-Daten wurden durch das Pew Research Center im September erhoben. Alle Ergebnisse, Tabellen, Grafiken und weitere Hinweise zur Erhebung sind ab dem 25. November um 00:00 Uhr online verfügbar unter: www.theberlinpulse.org.

Die Publikation

The Berlin Pulse der Körber-Stiftung vergleicht auf Basis einer repräsentativen Umfrage die außenpolitischen Einstellungen der Deutschen mit internationalen Erwartungen hochrangiger Expertinnen und Experten an die deutsche Außenpolitik. Die neunte Ausgabe beinhaltet Meinungsbeiträge von Volker Türk, Katarina Barley, Solomiia Bobrovska, Ana Revenco und weiteren.

Angebote für Medienschaffende

  • Interview mit Julia Ganter, Programmleiterin Internationale Politik bei der Körber-Stiftung, und Jonathan Lehrer, Programm-Manager The Berlin Pulse
  • Tabellenband von Forsa mit allen Umfrageergebnissen
  • Teilen Sie Ihre Analyse der Umfrage und verfolgen Sie die Reaktionen auf The Berlin Pulse über Bluesky mit #TheBerlinPulse und @koerber-ip.bsky.social oder über LinkedIn @Koerber-StiftungIP


Pressekontakt
Inke Maria Horstmann
Pressereferentin
Telefon: 040 – 80 81 92 207
E-Mail: horstmann@koerber-stiftung.de

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